Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 19 (7.5.1897)
- Date
- 1897-05-07
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 404 Dr. Vlmtz's Wochenzchrifi Nr. 19 ihrer Mutter, sondern sprachen: „Rathe uns nicht zur Schande, so daß man sagen wird: „Oh, welch' tapfere Nachkommen der Makkabäer! — Sieh' da, wie jeder dieser Hähne auf seinem Misthaufen kräht!" Denn wir sind unseres Bruders Benjamin eingedenk, der durch den Tyrannen starb, und . wir haben unsere Schwester Esther nicht vergessen, die dem Fluche seines Aberglaubens zum Opfer fiel; und für jedes Haar auf ihrem Haupte werden wir einen seiner Knechte tödten." So sprachen sie ruhmredig, wie es Knaben thun. Isaak hatte vor Kurzem geheiratet und er sagte zu seiner Frau: „Sei ohne Furcht, wenn die Zeit kommt, da ich meinem Kinde werde in'^ Antlitz blicken können, werde ich zurückkehren." So zogen sie mit den Anderen fort und kämpften die Schlachten ihrer Landsleute. Und wir Frauen saßen zu Hause und kämpften gegen ihr unglückliches Schicksal mit denrüthigen Bitten und Gebeten an; und auch unser Kampf ging nicht ohne Blutvergießen vor sich. Da hörten wir plötzlich, daß eine große Schlacht bei " Bialablotta, das ist der Ort des schlammigen Kalkbodens, geschlagen worden sei, und daß die Soldaten des Kaisers gesiegt und ihre Feinde — die Waffenbrüder meiner Söhne — vor sich Hergetrieben und sie in großen Mengen getödtet hätten. Und ein großer Trupp von Flüchtlingen war bis in die Nähe unseres Dorfes gekommen und lagerte etwa zwei Meilen davon im Walde, wo sie ihren Verfolgern ouflauern wollten. Und einer der Flüchtigen, der dem Gemetzel entronnen war, erzählte uns den ganzen Verlauf des Unglückes; ich erinnere mich seiner Worte genau, denn ich sog sie ein, nicht nur mit meinen Ohren, sondern mit meiner ganzen Seele. Und was er erzählte, war Folgendes: „Die Dunkelheit begann eben einzubrechen, als wir von weither Hufgetrappel vernahmen, und wir wußten, daß die Kosaken nahten. So stellten wir uns in Bereitschaft hinter die Bäume auf beiden Seiten der Straße; wir gedachten, wenn sie vorüberkamen, sie einzuschließen und sie in unserer Mitte zu vernichten. Aber ein Kosak ist der Sohn des Teufels und einer Füchsin; und so geschah es, daß sie dem Tode entgingen, weil ein Roß die Ohren spitzte. Denn die Hengste, auf denen sie ritten, sträubten sich, warfen die Köpfe in die Höhe und schnaubten und schnüfelten — daran erkannten die Reiter, daß Stuten in der Nähe waren, vermuthlich die Stuten des Transportes. Das ihnen aber keine Kameraden vokvusgegangeu waren, erriethen sie, daß eine feindliche Abtheilung ihnen den Weg verlegte. Sie lachten über ihre eigene Schlauheit, stiegen ab und warteten, bis die Dunkelheit ganz hereingebrochen war. Dann suchten sie die werthlosesten hundert. Pferde heraus, banden ihnen je einen Leichnam auf den Rücken — an Leichen gab es keinen Mangel — und trieben sie uns entgegen. Als wir sie kommen hörte,:, warteten wir, die Waffen in den Händen, bis die Schwadron mitten unter uns sein würde; dann stürzten wir vor und hackten mit unseren Messern auf sie ein, denn wir fürchteten, durch Schüsse ihre Kameraden heranzulocken. Wie es kam, wußten wir selbst nicht. Der Mond schien nicht, und die Bäume erschienen uns so unendlich hoch und sie zeigten wie große Finger gegen den Himmel, als klagten sie ihm die Schreckenstat; aber da wir keinen Widerstand fanden, kämpften und hieben und metzelten wir darauf los, bis plötzlich sich die Waffen gegen unsere Brust wandten, und wir dachten, im Feinde sei endlich die Kampflust erwacht; da gaben wir die Stiche mit doppelter Kraft zurück, und die Sterbenden gaben keinen Laut von sich, denn das wäre gegen das Commando gewesen. Und wir glaubten, wir hätten diesmal Rache genommen; da kam das erste Morgengrauen und wir sahen, was geschehen war, und wie unser Wahnsinn uns zur Selbstvernichtung verleitet hatte. Und vierhundert der Unsrigen lagen auf dem Boden, die unsere eigenen Hände hingestreckt hatten." So weit sein Bericht; das Uebrige habe ich selbst erfahren. Denn in aller Frühe, als wir von demWemetzel hörten, gingen wir mit warmen Getränken und Verbandzeug hinaus, um den Verwundeten beizustehen, denn wir dachten: „Vielleicht kommen andere Mütter unseren Söhnen zu Hilfe, wenn sie ihrer bedürfen." Und ich war unter den ersten und wandte die Gefallenen um und fühlte ihnen ans Herz; aber die meisten waren still, denn wer trifft so gut wie ein Verwandter oder Freund? Und endlich kam ich an eine Stelle, wo zwei Leichen hart nebeneinander lagen; die linke Hand des Einen hielt die des Andern umschlungen, ihre Lippen lagen fast aufeinander, und der Dolch des Einen saß dem Anderen in der Kehle, und das Messer des Zweiten hatte dem Ersten die Brust aufgeschlitzt. Und bei dem Anblicke kam es wie eine Ohnmacht über mich, und auf meinen Knieen kroch ich auf sie zu, die Augen in furchtbarer Ahnung rückwärts gewendet; und als ich den Kopf umwandte mir war, als risse ich ihn gewaltsam aus dem Halse — da sah ich ... . gesegnet sei er, dessen Urtheil gerecht ist! Da lagen meine beiden Söhne Isaak und David, oder vielmehr sie, welche meine Söhne gewesen waren, denn nun gehörten sie wieder dem Staube an, aus welchem ihre Leiber genommen worden waren. Und mit der Kraft von Dreien schleppte ich sie unter die Bäume und deckte sie mit meinem Kopftuche zu. Dann rannte ich um Naomi, Jsaak's Frau, die seit elf Tagen Mutter war, und sagte zu ihr: „Schnell, bringe das Ksiid, damit es noch einmal das Antlitz des Vaters sehe, denn er' wird niemals das Antlitz des Kindes sehen — gesegnet sei er, dessen Urtheil gerecht ist." Und ich nahm meinen Handwagen und legte meine beiden Söhne darauf und brachte sie auf den .„guten Ort", damit sie nicht mit den Anderen in dem gemeinsamen großen Loche verscharrt würden. Das Alles habe ich gesehen und gethan und habe in vollem Maße den Schmerz der Mutter um ihre Kinder gekostet, und Keines von ihnen war ein Säugling gewesen wie Deines. Wie? Du weinst nicht mehr? Führwahr, ein kleiner Schmerz wird oft durch die Erzählung eines größeren geheilt. Und nun laß uns gehen, denn die Nachtluft ist kalt, und da kommt auch mein Enkelkind um mich; seine Liebe zu mir ist fast so groß wie die, welche ich mit meinen vier Kindern begraben." (Fortsetzung folgt) Briefkasten. Ehrw. Herrn Rabbiner M. Friedmann. Sie zweifeln doch nicht daran, daß auch dem Wiener Oberrabbiner dies alles bekannt ist? Wir glauben jedoch, daß die Veröffentlichung Ihrer Zuschrift keineswegs opportun wäre und es sich vielleicht empfehlen würde, daß Sie Ihre Ansichten brieflich zum Ausdrucke brächten. B. G. Schönerer's „Chinese,,bill'«- wird zweifellos bei vielen österreichischen Chinesen Entzücken erregen. a. Die Leute schreiben den Eisenmenger ab mit allen fernen Jrrthümern und Fälschungen und bilden sich dann ein, weiß Gott wie gelehrt zu sein. Dr. G. H. Mittermayer behauptet, „er habe seine Ideale nicht verkauft". Sie haben recht, wenn Sie meinen, daß ihm dieselben auch nur — gestohlen werden könnten. B. H. Seitdem Mittermayer im Parlamente sitzt, fühlt sich Vergani in gehobener Stimmung. Arthur D. Wozu Dr. Lueger, dem die Bürgermeister- Wagen zur Verfügung stehen, noch eine Pauschale von 4000 fl. für Wagen braucht, wissen wir nicht. Er ist jedenfalls besser mit dem Volke gefahren, als dieses mit ihm. F. Bereits von anderer Seite eingesendet. Philipp Lederer. Bereits von anderer Seite constatirt. K. in Wien. Der christlichsnciale Karl II. Mittermayer erhielt bei der Präsidentenwahl des Abgeordnetenhauses 1 Stimme. Für diesen Reichsrath jedenfalls der geeignetste Präsident. Pan Verganew von Mühldorf sollte Vicepräsident werden. Karol Nußbaum, Prag. Ihrem Wunsche entsprechend, consiatiren wir, daß Sie die Richtigkeit Ihrer uns übermittelten Mittheilungen, betreffend den Herrn Hotelier in Königinhof, trotz des Dementis aufrecht halten. t „Wiener Rundschau." (Herausgeber Rudolf Str auß. Redaction und Administration: Wien, Vlll./I, Georgsgaffe 4.) Mit der vorliegenden zwölften Nummer schließt diese interessante literarische Zeitschrift ihr zweites Quartal. Das neue Heft enthält novellistische Skizzen des berühmten italienischen Romanciers Gabriele d'Annunzio sowie des Dänen Erik Forßlund. Den weiteren Inhalt bilden „Gedichte in Prosa" von Baudelaire, Verse von Carl v. Levetzow und Rene Maria Rilke, ferner ein geistvoller Aufsatz des bekannten Jung-Belgiers Emile B e r h ä e r e n über Paul Verlaine. Daneben sind vertreten: Franz Servaes mit einem beachtenswerten Essay über Paul Scheerbart, Emil Schaeffer mit einer feinen Studie „Die Venezianerin des Rococo" und Karl Kraus mit einer höchst amüsanten Chronik. Den Schluß bilden eingehende Theater-, Buch- und Knnstreferate. — Die Zeitschrift hat sich während ihres halbjährigen Bestandes weit über die Grenzen Oesterreichs hinaus in allen geistig empfänglichen Kreisen zahlreiche Freunde errungen und bemüht sich mit Erfolg, europäischen Culturströmungen in Wien Eingang und Verständnis; zu schaffen. Sie sei unseren Lesern bestens empfohlen. Herausgeber «, verantw. Redaeteurr Dr. Josef S. Bloch. — Druck v. L. Beck & Sohn, Wien. VIII., Lerche^selderstr. 46,