Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 17 (23.4.1897)
- Date
- 1897-04-23
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 17 Dr. Vloch's Wochenschrift Seite 359 und er nannte mich Sohn und ich nannte ihn Vater. Aber auf seinem Sterbebette theilte er mir mit, daß er mich ans der Landstraße gefunden und als fein eigenes Kind aufgezogen habe, und er drang in mich, meine Ettern zu suchen und das Amulet sorgfältig zu bewahren, weil es als Erkennungszeichen dienen könnte. Und darum wandere ich und finde nirgends Ruhe und darum sind meine Füße um diese Zeit des Jahres wie beschwingt und ich kann nicht nu einem Orte bleiben. Soll ich Euch nicht glauben? Soll ich nicht meinem eigenen Herzen glauben, aus dem der Dämon der Unruhe gewichen ist, seit ich diese Wohnung betrat? Komm — Bater! Mutter — komm!" Und er schlang seine Arme um sie und ihre Lippen fanden sich- ~ Der Polizeicommissär stand dabei und sein Staunen wuchs Er konnte sich nicht darüber klar werden, wie es möglich war, daß er, ein echter Slave von reinster Abstammung, der außer seiner Muttersprache keine andere verstand, das seltsame Gespräch dieser seltsamen Menschen verstand. Kein Wort war ihm davon entgangen. Ein verlorenes Kind hatte wieder seine Eltern gefunden, denn die Mutter hatte durch ihre Erzählung allen Zweifel behoben. Welche Erinnerung an einen längst Vergessenen hatte ihm das Verständniß vermittelt? Welcher Justinct hatte ihn sein Leben laug verfolgt, welche trübe Ungewißheit hatte ihm so oft in dem hoffnungslosen Suchen nach Licht und Klarheit die Hände zu Fäusten geballt? Vielleicht war hier die Offenbarung. Er erinnerte sich, wie vor langer, langer Zeit Jemand eine gewisse Frage au ihn gerichtet, auf die er „Naphtali" geantwortet hatte. Daun hatte man ihn geschlagen und ihm gesagt, er müsse „Kyriloff" sagen, nicht „Naphtali"; er erinnerte sich, wie er Nachts wachgelegen und den Namen wiederholt hatte, damit er auf die Frage nicht wieder „Naphtali" antworte und Schläge bekomme. Da war er — Iwan Kyriloff; aber was war aus Naphtali geworden? Er konnte die Erinnerung an den Namen nicht bannen, sie kam immer wieder wie eine Stimme aus einem anderen Leben. Diese Lente hatten einst große Propheten unter sich besessen, vielleicht konnten sie ihn anfklären? „Wartet draußen aus mich und kommt nicht herein, bevor ich Euch rufe," sagte er zu den drei Häschern, die in großem Staunen der Scene beigewohnl hatten. Als sich die Thüre hinter ihnen schloß, sagte er — und die Lippen sprachen unbewußt dieselbe Sprache, die er eben gehört hatte: „Was bedeutet Naphtali?" |S3ei dieser Frage wandte sich Hagar um uud gewahrte so zum erstenmale die Aehnlichkeit; als Sie den Namen hörte, wurde Sie blaß und wäre umgesunken, hätte Sie nicht Avromelyas Arm gestützt. „Naphtali ist der Name meines zweiten Sohnes," brachte Sie mühsam hervor, und wie eine Eingebung kam es über Sie — die Eingebung einer Mutter, und indem Sie feierlich auf ihn wies, sagte Sie: „Du bist es, die Stimme Gottes hat es mir gesagt!" Bei dieser Antwort trat der Fremde einen Schritt vor und neigte sein Haupt, als bäte er um ihren Segen. Dann that er plötzlich die Hand in die Tasche und zog den Stein hervor, der so lange — wie lange, wußte er selbst nicht — in seinem Besitze gewesen war und er gedachte der unerklärlichen Eifersucht, die er jedesmal empfunden hatte, so oft. Fauuschkas zierliche Finger mit dem Steine gespielt, und seiner verdutzten Rathlosigkeit, so oft Sie ihn nach der Bedeutung des geheimnißvollen Zeichens gefragt hatte, das darauf eingeschnitten war. Nun aber konnte er es ganz leicht lesen — es war Beth, der Buchstabe, der die Gestalt eines Hauses hatte, und da standen sie vor ihm, sein Fleisch und Blut, sein Vater, seine Mutter und sein Zwillingsbruder, die lebendigen Stimmen, die ihn aus der tobten Vergangenheit so oft gerufen hatten. Und draußen stand die wilde Horde, die sie alle aus dem Boden reißen wollten, in dein sie festwurzelten, die sie heimatlos machen und in die unbekannte Wildniß stoßeil wollte; und er konnte nichts dagegen thun. Doch nein, er konnte viel thun. „Wollt Ihr mich als Euern Sohn und Bruder aufnehmen?" fragte er mit leuchtenden Augen. „Wollt Ihr mich aufnehmen, , mich, den Abtrünnigen, den Getauften, der unter Euern Feinden aufgewachsen ist und Euch gehaßt hat mit ihrem Hasse? Ihr sollt mich wieder Eure Sitten lehren, die ich vergessen habe, und ich iverde Gutes und Böses mit Euch theileu — nur laßt mich nicht ausgestoßen sein für ewige Zeiten Eine lange Stille trat ein, dann ergriff Nechemya seine Hand, und indem er sehnsüchtig in seine Augen blickte, sagte er: „Mein Sohn bist Du, warst Du und wirst Du immer sein, wenn auch alle Sünden Satans auf Deinem Haupte lasten. Aber überleg Dir's wohl — was könntest Du nicht Alles thun, bliebest Du hier unter Deinen leidenden Brüdern und wendetest, so gut Du kannst, Unglück von ihnen ab! Ist es lücht besser, Du bleibst hier und bist ihnen Schutz und Schirm?" Aber Naphtali schüttelte sein Haupt und erividerte ttaurig: „Nein, ich kann nicht hier bleiben nach alldem, was ich gehört lind gesehen habe. Mein Herz würde versteinern bei dem Anblick, uiid wenn es einmal hart gewordeii ist, iverde ich mitleidslos sein, ivie die anderen — rette sie vor mir — rette mich vor mir selbst!" „Dann komm' in Gottes Namen", sagte Nechemya. Naphtali ging zur Thüre, öffnete sie und sagte den Männern, die draußen standen: „Ihr braucht nicht länger zu warten; geht und helfet den andern, aber sagt ihnen, daß sie milde verfahren, sonst geht es ihnen an's. Leben. Was mich betrifft, so werde ich diese Leute nach Wikulno vor das geistliche Gericht bringen, denn die Frau hat die Männer gottlosen Thuns angeklagt; die nehme ich auf mich." Er wartete vor der Thüre, bis er sie nicht mehr sehen konnte, dann kehrte er zurück. „Schnell", sagte er, „rafft zusammen, was Ihr in Euren Händen tragen könnt; hier habe ich einen unausgefüllten Paß, der uns alle Wege erschließt. In Wikulno werde ich mir von meinem Banqnier die 3000 Rubel holen, die ich mir erwart habe, die werden für die Reise genügen, was das Weitere betrifft, so haben wir, Avromelya und ich, jeder ein Paar starke Arme, die uns vor Mangel schützen werde» — und Gott wird helfen. Und nun kommt, laßt uns in ein Land jenseits des Meeres ziehen, wo die Freiheit wohnt und wo ein Mensch den anderen nicht aus Engherzigkeit erwürgt. Vater, Mutter, Bruder, laßt uns dorthin ziehen, fort aus dem Lande der K n e ch t s ch a f t." Briefkasten. L» A. Diese Illumination zeigte, wie dunkel es noch in vielen Köpfen ist. R. B. Ob Mittermayer nicht doch noch Ehrenpräsident des Bürgerciubs wird, wer kann das wissen? B. H. Aach diese Broschüre ist im Berlage von Breitenstein erschienen. Frl. Zerline Feigenbaum. Besten Dank für das Stenogramm. A. Schneider wäre ja toll vor Schmerz geworden, wenn nicht irgendwo das Ritual-Märchen ausgetaucht wäre. B —d. Welche Gesinnung hat denn Dr. Lueger noch nicht verleugnet? Einsender Eger. Ein zweiter Bericht war früher eingetroffen und bereits im Satz, als Ihre Zuschrift einlangte. Adolf Ribarz. Derlei Mittheilungen werden blos mit Namen und genauer Adresse pnblicirt. — Mn. — Der Mann ruhte nicht eher, als bis er an die Kette gelegt wurde — die er wünschte. Docent. Da haben Sie nicht Unrecht. Baden ist nicht antisemitischer als die meisten Sommerfrischen in der Umgebung Wiens. B, Goldhagen, Waschkautz. Das Buch „Das jüdische Weib" von Nahida R6my ist im Verlage von Siegfried Crondach in Berlin erschienen und durch jede Buchhandlung zu beziehen. «Emunah" Wien. Wir sind nicht m der Lage, für jeden neugegründeten Verein Propaganda zu machen, da der beschränkte Raum unseres Blattes uns dieses nicht gestattet. Adolf Kleinmann in Firma Saul Birnbaum, Lemberg. Die Mittheilung, daß der Pächter, beziehungsweise Verwalter des „Hotel Bellevue,, in Marienbad derjenige Herr ist, welcher 1896 im städtischen „Kilinskipark-Restaurant" von der Militärmusik den Luegermarsch spielen ließ und die jüdischen Gäste entfernte, ist uns auch von anderer Seite zugekommen. G. H. Wien. Ein derartiges Werk wird Ihnen die Buchhatldlung Ch. D. Lippe, Wien, II., Praterstraße 13, besorgen.