Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 17 (23.4.1897)
- Date
- 1897-04-23
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 358 Vr. Vloch's Vochrnfttzrist Nr. 17 Zimmers. Da stürzten die anderen Beiden auf ihn und warfen ihn nieder, und als Stefan sich aufgerafft hatte, kam er hinzu, kniete auf Avromelya's Brust und würgte ihn mit beiden Händen um Hälfe. Aber das genügte ihm nicht, er sah sich im Zimmer um und gewahrte einen eisernen Dreifuß in der Ecke und als Karol ihm denselben gereicht hatte, stellte er ihn so auf den Boden, daß die Füße wie Zinken emporragten und schlug Avromelya's Kopf heftig darauf nieder; der Dreifuß war ein guter Sturmbock, denn er war härter als der Boden aus festgestampftem Lehm. Wer weiß, wie es dem Kopfe Avromelya's ergangen wäre, wenn man nicht in dem Augenblicke Sporengeklirr von draußen gehört hätte, woraufhin Karol seinen Kameraden gewaltsam von seinem Opfer fortzog. „Hör' auf, der Polizeicommissär kommt," flüsterte er. Und kaum war Stefan wieder auf den Beinen, als ein Mann in das Zimmer trat, der wohl jung an Jahren war, dessen Stirne aber deutlich befehlgewohntes Bewußtsein verrieth; als er feine Blicke im Zimmer umherschweifen ließ und die Spuren der Aufregung und Unordnung erblickte, sagte er streng: „Hier ist Gewalt geübt worden; sagte ich Euch nicht, es dürfe Niemand angerührt werden, wenn er nicht Widerstand leiste?" „Aber sie haben Widerstand geleistet", erwiderte Stefan brummig. „Ich wollte dem alten Mann von meinem Brote geben, um ihn für die Reise zu stärken, da kam der junge und legte Hand an mich, den Diener von Euer Gnaden, und dafür habe ich ihn gezüchtigt." Jetzt erst bemerkte der Neuangekommene die Gestalt Avromelyas, der halb betäubt auf dem Boden lag. Er ging zu ihm hin und rüttelte ihn an d?r Schulter. „Steh' auf, mein Lieber; es ist jetzt keine Zeit, gemächlich zu ruhen. Du hast eine lange Reise vor Dir, denn Du mußt mit allen Deinen Glaubensgenossen noch diese Stunde die Siadt verlassen; dagegen ist nichts zu machen. Der Ukas ist soeben eingetroffen." Plötzlich hielt er inne, bückte sich tief und sah Avromelya scharf prüfend ins Gesicht. „Bei meinem Schwerte!" rief er aus, indem er sich wieder aufrichtete. „Das ist wundersam." Und er nahm eine Kerze vom Tisch und hielt sie ganz nahe vor das stille Gesicht Avromelyas. „Es ist wirklich wunderbar!" sagte Karol, der an seine Seite trat. „Der Judenhund hat das Gesicht von Euer Gnaden gestohlen und wird sich in den Himmel schleichen, indem er sich für Euer Gnaden ausgeben wird. Diese Juden würden Gott selbst betrügen, wenn sie könnten." Aber der Polizeicommissär stand noch immer in Staunen versunken da, und es war in der That wunderbar, wie die zwei Männer Zug um Zug einander glichen. „Der Jude ist ohnmächtig geworden", sagte er, „gebt mir ein Bischen Wein her." Gleichzeitig knöpfte er Avromelyas Wams auf. Als er an seinem Halse die Spuren von Stefans Fingern bemerkte, sagte er zornig: „Ihr zwei habt ihn erwürgt. Fluch Euren Mörderhänden!" Er hatte das Gefühl, als sähe er sich selbst todt daliegen. In diesem Augenblick that Avromelya einen kleinen Seufzer und schlug die Augen auf. Da bemerkte der Polizeicommissär eine Darmsaite, die um seinen Hals geschlungen war. An derselben hing ein Onyx von reiner Farbe und länglicher Gestalt. Beim Anblick desselben fuhr sich der Polizeicommissär über die Stirne, denn er fühlte, wie der Schweiß darauf ausbrach. „Das ist unbegreiflich", sagte er halblaut. „Das ist noch viel wunderbarer. So lange suche ich danach und nun find ich's um den Hals eines Juden. Ich bin kein Räuber, mein Lieber, aber diesen Stein mußt Du mir geben; Du bekommst soviel Geld dafür, als er werth' ist, denn er paßt zu dem meinigen und Fanuschka, meine kleine Geliebte, quält mich, daß ich fast graue Haare darüber bekommen habe, ihr einen gleichen zu finden, damit sie sich ein Paar Ohrgehänge daraus mache. Gib ihn mir; das Geld wird Dir aus der Reise sehr zu statten kommen." ' Stefan und Karol hörten in zornigem Staunen zu. Mit einem Juden viel Worte machen? Das hieße ein schlechtes Beispiel geben. Ein Jude ist ja doch Jedermanns Beute, man konnte ihn nach Belieben berauben. War es nicht lächerlich, von Entschädigung zu sprechen? Aber sie sahen den Polizeicommissär an und behielten ihre Gedanken für sich. Avromelya hielt den Edelstein mit aller Kraft fest, deren seine schwache Hand fähig war und murmelte: „Nehmt mir ihn nicht tveg, guter Herr. Habt Mitleid! Es ist mein Liebstes auf der Welt. Er ist mir das Andenken an ein Heim, das ich niemals gekannt, an Eltern, deren Lippen ich niemals geküßt habe, und meine ganze Hoffnung auf ein Glück, das mir vielleicht zu theil werden soll, beruht darauf. Nehmt Alles, was ich sonst besitze, trotzdem ich ein armer Mann bin, aber laßt mir das Eine, das meine Armuth und meinen Reichthum ausmacht." Hagar hatte sich in ihrer Ecke uiedergekauert und eifrig dem Gespräch der beiden Männer gelauscht; aber sie verstand wenig davon, denn sie sprachen russisch. Da sah sie beim Schein der Kerze den Edelstein/ der von Avromelya's Hals niederhing, und bei dem Anblick durchzuckte ein Gefühl der Freude und des Schmerzes zugleich ihr Herz. Langsam schlich sie sich zu Avromelya hin, warf sich über ihn, und indem sie den Stein ergriff, rief sie wild aus: „Oh, daß meine Gebete, und meine nächtlichen Thränen doch einen Erfolg gehabt haben! Nun bist Du doch zu mir zurückgekehrt, nachdem ich so viele Jahre auf Dich gewartet habe, o mein — Aber laß mich sprechen und Dir Alles erzählen, damit Du glauben kannst, was Du hörst." Und. in einem Strom von Worten fuhr sie fort : „Vor vielen Jahren hatte ich zwei Söhne, die mir in derselben Stunde geboren wurden, und das Gesicht des Einen war wie das Gesicht des Anderen, so ähnlich waren sie einander wie die Sterne am Himmel. Damit die Beiden nicht verwechselt werden und wir wissen sollten, welcher der Aelteste sei, damit er die Fasttage des Erstgeborenen einhalte und als Erster zur Thora gerufen wurde, nahm ich zwei Edelsteine, die mir meine Mütter aus ihrem Halsbande gegeben hatte und schnitt in den einen den Buchstaben „Aleph" und in den anderen den Buchstaben „Beth' ein, und den ersteren hing ich dem Aelteren und den zweiten dem jüngeren um den Hals. Und nun seht, ob es nicht so ist, wie ich sage — hier ist der- Buchstabe „Aleph" auf dem Steine. Und als sie sechs Jahre alt geworden waren, da zürnte uns Gott und nahm uns unsere Kinder. Es war am Tage vor dem Passahfeste, da war Nechemya über Land gegangen und ich war zu der Feuerstätte geeilt, um das Ungesäuerte zu verbrennen — den Löffel, die Brodkrumen, die Kerze und die Feder; und die Kleinen hatte ich spielend vor der Thür zurückgelassen. Und als ich zurückkam und mich nach ihnen umschaute, waren sie verschwunden. Da rannte ich weinend zu den Nachbarn und die sagten mir, daß zwei Kosaken durch die Stadt gesprengt seien, in der Richtung meines Hauses. Da wußte ich mein Schicksal. Gleich darauf kam ein Hirte zu mir und sagte, er hätte meine beiden Kinder gesehen, jedes auf dem Sattel eines Reiters, und als dieselben zu einem Scheidewege gekommen waren, hatten sich die Beiden getrennt, und der eine Reiter habe den einen, und sein Gefährte den anderen Weg eingeschlagen. Und der Name des älteren Kindes war Avromelya wie der Deinige. All' das ist so wahr wie das Wort Gottes. Ach, Nechemya, warum stehst Du so stumm da wie ein Steinblock? Warum redest Du nicht, warum bestätigst Du nicht meine Worte, warum betheuerst und schwörst Du nicht bei Deinem Leben, daß es so ist, wie ich sage?" Aber Nechemya hatte die ganze Zeit über wie geistesabwesend Avromelya und den Polizeicommissär angestarrt, und als er den Edelstein erblickte, da schwirrten ihm seine Sinne. „Warum sollte ich schwören, Hagar?" fragte er endlich. „Wenn alle Deine Beweise seinem Herzen keinen Glauben beibringen, wenn die Stimme seiner Mutter, die ihn mit ihrem Eiapopeia in den Schlaf sang, ihm nicht in den Ohren klingt, was kann ich sagen, um ihn zu überzeugen?" „Aber ich möchte mich ja überzeugen lassen, ich möchte gerne glauben", erwiderte Avromelya innig; „doch warum habt Ihr mir vorhin auf meine Frage geantwortet, daß ihr immer kinderlos gewesen seid?" „Wir haben." sagte Hagar, „einander den Schwur geleistet, niemals von den Kindern zu sprechen, die wir einst besessen, und so zu thun, als ob Gott uns nie welche bescheert hätte. Denn fast wäre das Herz uns vor Weh gebrochen, und wenn das Herz des Einen gebrochen wäre, wie hätte sich das Leben des Zurückbleibenden gestaltet?" Da richtete sich Avromelya auf und sagte nachdenklich: „Ich erinnere mich, wie ich in das Hans eines Gesetzlehrers kam; er war ein alleinstehender Mann. Und ich blieb bei ihm