Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 14 (2.4.1897)
- Date
- 1897-04-02
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seirc 286 Dr. Vloch's Wochrnschrist Nr. 14 Kaddisch.*) Bon Josephine Gräfin zu L e i n i n g e n - W e st e r b u r g, geb. von Spruner. Kennt das Gebet Ihr wohl, dem tausend Thränen fließen, In Zions alter Sprache ward es ausbewahrt, Und ein Jahrhundert hat's dem andern überwiesen, Da Poesie und Andacht sich in ihm gepaart. Die frischen Ranken all' von kindlichem Empfinden, Bon menschlichem Erinnern, mächtig, groß und gut, Als zartes Blüthennetz um dies Gebet sich winden, Das hoch als Felsen ragt in Sturmesfluth. Es ist die duftend süße, blaue Wunderblume, Die, von des Lebens Schmutz und Unrath unberührt, Ein Engel einst gebracht zum jüd'schen Heiligthume, Und der vom Himmel stammend Himmels gluth gebührt. Die tiefsten Fibern all' von eines Menschen Wesen, Sie laben sich an ihrer Schöne, ihrem Duft, Sie sprengt der Eltern Gräber, der geliebten Wesen, Und dringt voll Gluth hinein auch in die tiefste Gruft. Das Kaddifch bürgt den Eltern ihres Kinds Gedenken, Es schwingt sich unmittelbar zu Vaters Thron, Und flehet, daß er ihnen mög' den Frieden schenken, Und mit Barmherzigkeit die Liebe ihnen lohn'. Fürwahr, kein schöner Band gibt's, fester zu verketten, Den Himmel und die Erd', die Eltern und das Kind; Es hat gewiß die Kraft, auch solche noch zu retten, Die ganz verwildert, schon beinah' verloren sind, Du trittst aus diesem ewig ruhelosen Leben In ein geheimnißvolles, dunkles Jenseits ein, Doch unbelohnt blieb nicht dein mühsam irdisch Streben, Des Kinds Gedenken, seine Dankbarkeit sind Dein. Bist Du gewandelt auf dem weiten Erdenrunde Auch in der Arnruth Kleid und ließest nichts zurück, Du lebst doch fort in Deines frommen Kindes Munde, Dein Angedenken ist sein Erbe, ist fein Glück! Der Convertit. Wo viel Licht ist, gibt es auch viel Schatten. Der plötzliche Tod eines hervorragenden Industriellen ruft diele Reflexion in uns wach. Dieser Mann gehörte einst zu uns, aber damals war er noch nichrs. Warum wurde er abtrünnig? Cherchez la femme ist wohl auch hier am Platze; er ist blos der Typus für,eine, wenn auch Gott sei Dank, kleine Gruppe von Strebern, welche, wenn sie mit GlüNsgütern gesegnet sind, vergessen, was sie waren, und den Glauben mit Leichtigfett über Bord werfen. Wer im Kampfe davon läuft, gilt als feige und verfällt nach völkerrechtlichem Brauche, wenn ergriffen, der Todesstrafe. Wie soll man es nennen, wenn Jemand ohne zwingenden Grund die Religion wechselt? Ist es einem solchen Manne gelungen, vermöge Geist, Bildung oder Besitz eine hervorragende Stellung in der Gesellschaft einzunehmen, wäre es nicht gerade in einer solchen Position die oberste Pflicht, diese günstige Situation zum Vortheile seiner Brüder auszur.ützen? L)as Gegentheil geschieht leider. Nicht gerade, daß der Convertit direct eine feindliche Stellung seinen früheren Brüdern gegenüber einnimmt, dazu ist er gewöhnlich zu vernünstig, es genügt schon, daß er für uns verloren und zu großen, das Juüenthnm berührenden Fragen nicht so Stellung nehmen kann, wie er es sonst gethan hätte. Was nützt es, wenn bei Sammlungen die Namen dieser Leute mit großen Summen figuriren? Hoben sie ein Herz für die Bedrückten, ein Empfinden für die täglichen Schändlichkeiten, die an Juden und Judenthum begangen werden? Mit Geld wäscht man so etwas nicht weg — die letzte Auslikferungsdebatte im verblichenen Abgeordneter hause hat gezeigt, wie schwach es unter den „Unseren" mit der Courage bestellt ist. Wenn jemals der verdienstvolle Abgeordnete Dr. Bloch im Hause gefehlt hat, so war es damals. Niedergedonnert hätte ein Mann werden müssen, der es gewagt, im Hause "Dinge vorzulragen, welche notorisch erlogen waren; wie leicht wäre da die Abfertigung gewesen; ist es doch ein öffentliches Geheimniß, daß der Verleumder kaum zwei Worte hebräisch lesen kann, dagegen die Frechheit hat, über jüdische Bücher zu sprechen, die nicht einmal allen unseren Glaubensgenossen recht geläufig sind. Daß der Verleumder so sprechen konnte, ist blos die logische Folge unserer Feigheit. Warum soll nicht so gesprochen werden, wenn *) Aus dem soeben erschienenen Bande „Dichtungen" (Kassel 1697, Fischer & Co.) Leute von Stellung und Rang zum Tauswasser greifen?! Dem Muthigen gehört die Welt, an Muth fehlt es uns, unseren Glauben zu vertheidigen, lax und feige sind wir in der Ausübung unserer Pflichten — ein hocharistokratischer Name lockt noch immer mehr als jede Ehrenstellung in der Gemeinde. Wie sind doch diese Abtrünnigen mit Blindheit geschlagen! Das jüdische Geld ist gerade gut genug, alte, verrostete Wappen aufzufrischen. Was hätte nicht geleistet werden können, wenn unsere Kräfte nicht auf diese Weise vergeudet worden wären. Wenn es in der vormärzlichen Zeit vorkam, daß junge, strebsame Leute ihres Fortkommens wegen die Religion wechselten, s.o ist doch zumindest ein, wenn auch schwacher, aber immerhin diseutirbarer Grund vorhanden gewesen; ob diese Leute nicht auch ohne Taufe durchgedrungen wären, wollen wir dahingestellt sein lassen. Entbrannte ein Jüngling in heißer Liebe zu einer Andersgläubigen, auch da konnte man noch den Mantel der Nachsicht über die Charakterschwäche breiten, zu entschuldigen ist es in keinem Falle, aber — Menschen sind wir alle. Wenn aber heutzutage eine solche Charakterschwäche vorkommt, dann gibt es nur einen Ausdruck dafür: Feigheit. Nicht jede Pflanze, wenn sie dem heimatlichen Boden entriffen und in's fremde Erdreich eingesetzt wird, gedeiht. Biele dieser Culturen kommen nicht fort, verdorren und sterben ab. So geht es auch dem Convertiten. Es ist auch ganz natürlich; er wird von seiner neuen Glaubensgenoffenschaft nicht als vollwerthig angesehen und bleibt doch immer der „getanfte Jude". Bei uns ist er unmöglich. Uebertroffen wird diese Kategorie nur noch von Jenen, welche aus purer Liebe zu ihren Kindern selbst den alten Glauben beibehalten, aber an dem willenlosen und unwissenden Kinde den Act der Converston vornehmen lassen. Das ist wohl das Schmählichste, was es geben kann; wir möchten es die potenzirte Feigheit nennen. In dieser Zwitterfamilie kann keine Harmonie herrschen. Wie oft muß da der Vater von dem Kinde in Verlegenheit gebracht werden, wenn dieses in seiner Unschuld die harmloseste religiöse Frage aufwirft. Unter dem Vorwände, dem Kinde eine freundliche Zukunft zu sichern, geschehen solche höchst beklagenswerthe Acte, und nichts ist im Stande,.Derartiges zu verhüten. Es würden schon Mittel existiren, dem vorzubeugen, wenn wir mehr Courage hätten; früher war der Abtrünnige aus unserer Milte ausgestoßen, die Zusammengehörigkeit war inniger. Heutzutage wäre immerhin der Verkehr mit solchen Familien abzubrechen, solidarisch müssen wir uns fühlen, nicht aber noch geschmeichelt sein, wenn ein Convertit sich herabläßt, uns zu seinen Festen und Jours einzuladen. Muth fehlt uns, und darin müssen wir uns rrainiren; nur immer Passiven Widerstand leisten, damit kommt man nicht vorwärts. Laut und offen muß Jeder, der durch Stellung ausgezeichnet ist, ausrufen: „Ich bin Jude, schäme mich dessen auch nicht und will für die Interessen meiner Brüder eintreten". Was wir jetzt täglich im öffentlichen Leben zu hören bekommen, wäre unmöglich, wenn wir zusammenhalten und wie ein Mann aufstehen würden gegen Diejenigen, die es wagen, unseren Glauben anzutasten. Die Zeit ist vorüber, wo man den Juden schlagen konnte, weil man das Zurückschlagen nicht zu fürchten brauchte. Aber unsere inneren Schäden müssen wir zuerst heilen, das Schlechte nachsichtslos ausscheiden, kein Auge zudrückeu, wenn Charakterlosigkeit sich breit machen will — Gerechtigkeit muß uns werden. Mit der stillen Duldung und dem Ergeben in sein Schicksal ist es vorüber — fordern doch die Arbeiter ihr Recht und werden es früher oder später erlangen, sie sind eben einig und 1 zielbewnßt, und das ist es, was uns fehlt. Bei den Arbeitern handelt es sich blos um materielle Interessen, bei uns um das höchste Gut — die Religion. So ist der Convertit unser natürlicher Gegner, seine Interessen stehen den unserigen diametral gegenüber, er wird auch versuchen, Andere abwendig zu machen, und deshalb ist das kein Verkehr für uns. Man wrchselt die Religion nicht wie ein Kleid, thut man es aber, dann sei der Sache die höchste Pnblicität gegeben, damit die Anderen wissen, woran sie sind. Es sei eine Mahnung an Alle, zusammenzuhalten im Bestreben nach Solidarität. Es hat nie an Männern in Israel gefehlt, welche das Herz am rechten Fleck hatten und frei ihre Meinung aussprachen. Warum also heute den Muth sinken lassen? Nur vor! Weg mit dem Verschämten, wo er doch sonst unverschämt genannt wird. Es schläft und schlummert nicht der Hüter Israels. S. W., I., Hohenstaufengasse 17. Correspondenzen. Wien. (Aus der öffentlichen Plenarsitzung d e s V o r st a n d e s der israelitischen E u l t n s g e m e i n d e in Wien am 25. März 1897.) Der Vorsitzende, I. Vice-Präsident Herr Dr.Alfred Stern, eröffnet die Sitzung um 10 Uhr Vormittags und widmet zunächst dem jüngst verstorbenen königlich-württembergischen Hofrathe Josef Max Ritter von P f e i ff e r einen warmen Nachruf, welchen die Versammlung stehend anhört. Der Verblichene war 20 Jahre Mitglied des Eultusvorstandes, aus dem er in Folge seiner Krankheit im vergangenen