Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 7 (12.2.1897)
- Date
- 1897-02-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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*9* lünwtiinwrte^ Seite 130 hatte am Tage vorher seiner Entrüstung über den berüchtigten Waisenkiudcrbcschluß des Landtages Ausdruck gegeben und sein Erscheinen ist daher gewiß nicht als eine den Antisemiten dargebrachte Ehrenbezeugung anzusehen, umsoweniger, als er Ehrenbürger von Wien ist. Herr von P l e n e r, der einstige liberale Führer, ist ein Bureaukrat, ist eine hochofficiöse Persönlichkeit geworden, und auf dem Balle war er nicht als Politiker, sondern als Würdenträger. Im Uebrigeu hat Alles, was in Wien freiheitlich und fortschrittlich gesinnt ist, den Festsaal des Rathhauses diesmal gemieden, und mau vergleiche nur einmal die Präsenzliste der Gäste von den Jahren 1895 und 1896, mau vergleiche die damalige Comiteliste mit der vom diesmaligen Balle und man wird den drastischen Beweis dafür finden, wie viele hervorragende nichtjüdische Persönlichkeiten diesmal dem Balle ferne geblieben sind. Wo waren Heuer die großen Gelehrten und berühmten Schriftsteller, wo waren die hervorragendsten Künstler, die Großindustriellen, die Angesehensten aus der Handelswelt? Auf dem sogenannten Balle der Stadt Wien waren sie diesmal nicht. Der Industriellen ball war es, auf welchem heuer die Elite der Wiener Gesellschaft sich demonstrativ versammelte. Auch dort und auf dem Bolle der Stadt Wien ist der K a i s e r erschienen und hat eine große Anzahl der Industriellen, darunter zahlreiche Juden, durch huldreiche Ansprachen ausgezeichnet. Und da erfrecht sich der Gemeindeobligationär von Mühldorf zu sagen, daß der Jndustriellenball sich bald als Judustrieritterball qualificiren dürfte. Vom Balle der Stadt Wien aber sagt das „Deutsche Volksblatt": „Unser Ball", und damit hat es dieses in früheren Jahren so schöne Fest compromittirt. Die maßgebendsten Factoren waren über den Charakter des Festes in einer Täuschung erhalten worden. Sie vermeinten, einen Ball der Stadt Wien zu besuchen, sind aber als Staffage für einen Antisemitenball verwendet worden. Von nebensächlichem, aber heiterem Interesse ist es, daß der Einzug der Patronessen unter den Klängen des von dem Juden Mendelssohn componirten Hochzeitsmarsches erfolgte und daß die gefeiertste Ballschönheit des Abends, nämlich die Prinzessin Hanna Liechten st ein, bekanntlich aus gut jüdischer Familie stammt. Auch der Judenstämmling Dr. Porz er paßte ausgezeichnet als Vortänzer auf den ersten Wiener Antisemitenball. Daß es aber nur ein solcher und nicht ein Fest der Wiener Bürgerschaft, nicht ein Ball der Stadt Wien war, das muß ausdrücklich constatirt und festgehalten werden. * * * Die „Reichswehr", welche im Gerüche der Officiosität steht, fühlt sich unmittelbar nach den letzten Landtagsscenen bemüßigt, den Juden eine liebenswürdige Zurechtweisung zu bieten, weil sie dem antisemitischen Ball sich tattvoll ferngehalten. Die „Reichswehr" verweist aus die Thatsache, daß der Bürgermeister S t r o b a ch die Juden, wenn auch ungern, laden mußte und will damit die Ansicht jener jüdischen Honoratioren widerlegen, die das diesjährige Ballfest der Stadt Wien als eine specifisch antisemitische Veranstaltung mieden. Der Gedankengang der „Reichswehr" ist ein recht heiterer! „Warum hat denn der Bürgermeister die Juden geladen?", fragt sie naiv auf der ersten Spalte, um auf der zweiten von einem „Muß" zu sprechen, zu dem sich der Bürgermeister „nicht gern" entschlossen habe. Und damit soll bewiesen sein, daß dieser Ball kein exclusiv antisemitisches Fest gewesen ist? Aber der Leitartikelschreiber der „Reichswehr" bleibt bei dem Negativum nicht stehen. Er behauptet auch positiv, daß die „Geselligkeit als neutrales Gebiet von beiden Theilen respectirt werden sollte, der die feindlichen Extreme in das erwünschte juste milieu zurückführt." Mit anderen Worten: Jene Inden, die man als den Abschaum der Menschheit, als eine verworfene Race in allen sonstigen Beziehungen des privaten und öffentlichen Lebens meidet, jene Juden, die man'als feige und ehrlos Nr 7 bezeichnet, die man insgesammt Diebe, Räuber, Vampyre des christlichen Volkes nennt, jene Juden, deren Menschenthnm man sogar leugnet, von denen man sagt: sie seien wohl Geschöpfe Gottes wie die Thiere, die Pflanzen, die Steine, aber keine Menschen, die sollen nun hingehen und auf einem antisemitischen Ballfeste, zu dem sie nur gezwungen, oder wie es in dem Artikel heißt: „pflichtgemäß" geladen wurden, unbefangen und liebenswürdig lächeln, als ob nichts geschehen wäre? Jene Juden, die Herr Lueger hängen oder köpfen, Herr Schneider in der Donau ertränken oder niederschießen, Herr Bergani ins Schwarze Meer treiben will, die sollen vor dem Buffet des antisemitischen Gemeinderathes ihre Gläser füllen und auf das Wohl solcher Feinde anstoßen? Die „Reichswehr" hat einen starken Stich ins Militärische, und nirgends ist das Bewußtsein der persönlichen Ehre stärker ausgeprägt, als in den Reihen unserer Armee. Die Inden müßten fürwahr seltsame Ehrbegriffe haben, wenn sie den Rathschlägen der „Reichswehr" folgen wollten. Das Blatt erinnert daran, daß bei stüheren gleichen Anlässen der päpstliche Nuntius die Hand des Dr. Prix schüttelte, welcher die Civilehe in Wien legitimirte, daß der Czar im Pariser Stadthause sich von einem socialistischen Bürgermeister begrüßen ließ. Ja, wenn an den Juden nichts Anderes gehaßt würde als eine politische Meinung! Wenn man sie nur als Liberale oder gar als Socialisten bekämpfen würde! Aber ist das der Standpunkt der Strobach. Lueger und Schneider? Hat es Dr. Lueger nicht in einem Interview mit einem französischen Journalisten ausgesprochen, er wolle es dahin bringen, daß die Juden fortgehen? Man bestreitet uns die Menschenrechte und die Rechte von Staatsbürgern. Und mit solchen Leuten sollen wir uns vergnügen und an einem Tisch sitzen? Und angesichts eines solchen, auf die völlige Vernichtung der Juden abzielenden Hasses spricht man von der Möglichkeit eines mildernden Compromisses zwischen den feindlicher: Extrernen auf dem neutralen Gebiete der Geselligkeit? Es ist schwer, mit eirrem Gegner zu polemisirerr, der als Kampfobject vorrückt. Der „Reichswehr" ist die antisemitische Bewegung nur der „große sociale Kamps um die Ausgleichung der Verhältnisse des Mittelstandes". Dieser Kampf, sagt sie, muß ausgeglichen werden mit vereinter: Kräfterr. Gehört dein: die Aushungerung der jüdischen" Dienstmänner und Hausirer und die bestialische Verweigerung eirrer Unterstützung jüdischer Waisenkinder auch zu dieser „Ausgleichung der Verhältnisse des Mittelstandes"? Wir haben uns die Empfindlichkeit schon einigermaßen abgewöhnt, rvir selbst haben einer neuen socialen Richtung unter unseren Glaubensgenossen das Wort geredet. Wir verstünden den Haß dieses heute so viel umschmeichelten „Mittelstandes" gegen jüdische Träger des Großcapitals, gegen einzelne Auswüchse des geschäftlichen Lebens, die angeblich bei Juden deutlicher bemerkbar sein sollen als bei Christen. Aber was hat dem christlichen Schuster und Tischler der arme jüdische Dienstmann, was haben den catonischen Herrn Gregorig, der beim liberalen Landesausschusse wegen der Anstellung seines Sohnes betteln ging, die jüdischen Waisenkinder zu Leide gethan? Wenn die „Reichswehr" mit solcher Unmenschlichkeit die Ausgleichung der Verhältnisse des Mittelstandes erhofft, — dann — versteht sie die Lüge nicht oder sie will sie nicht verstehen, um über die wahre Natur des Kampfes mit einer leeren Phrase hinwegzutäuschen. Und zum Schluffe noch Eins, vielleicht das Wichtigste! Die „Reichswehr" spricht von der Pflicht „monarchisch gesinnter Loyalität"'. In der Uebung dieser Pflicht lassen wir uns von Niemandem überbieten. Die monarchische Treue und Loyalität der Juden ist aus allerhöchstem Mrnde wiederholt anerkannt worden und sie konnte in diesen langen bangen Jahren der Kränkung und Verfolgung durch nichts erschüttert werden. Darüber also brauchen wir keine Belehrung und nehmen auch keine an. Aber die Pflichten der Loyalität äußern sich nicht blos in der Theilnahme an öffentlichen Festen, welche von dem Glanze der Majestät überstrahlt werden. Wir fassen diese Pflichten auch noch etwas tiefer. Die Treue und Hingebung zu Kaiser und Reich gebietet uns heute, alle verfügbaren Mittel dazu z:: verwenden, daß wir die durch die antisemitische Hetze bedrohten Existenzen unserer Glaubensgenossen stützen, denn ihr Zusammenbruch würde den Staat zahlreicher, bisher steuerkräftiger Bürger berauben. Die Wohlthätigkeit, die wir früher ohne Unterschied derCvnfesiion geübt haben, können und dürfen wir heute nur noch unsere:: bedrängten Glaubensbrüdern allein zuwenden, und wir glauben damit dem Staate und unserem erhabenen Monarchen besser zu Dr. Vlvch's Wochenschrift.