Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 5 (29.1.1897)
- Date
- 1897-01-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 90 Dr VLoch's Wochenschrift Vir. 5 als besondere Nationalität fühlen, wir wollen das Recht haben, uns je nach Wohnsitz, Erziehung und wirthschaftlichem Interesse als Deutsche, Czechen, Polen rc. zu fühlen. Deutsche, Czechen und Polen erblicken aber in uns ein fremdnationales Element. Wir werden zur Noth geduldet, wenn wir dem Einen oder Anderen unbequem sind. Der Begriff der socialen Gerechtigkeit schließt jedes nationale Superioritäts-Bewußtsein aus. Die Socialpolitiker haben in ihrem Programme eine Wahrheit umgekehrt und halten nun die Umkehrung für die Wahrheit. Gewiß ist cs wichtig, daß die Beendigung des Nationalitätenhaders durch die Erkenntniß der bei allen Völkern in gleicher Weise vorherrschenden socialen Bedürfnisse gefördert würde. Es ist aber nicht wahr, daß die sociale Wohlfahrt durch das Festhalten und Hervorkehren nationaler Ansprüche gefördert werden kann. Das ist ein sonderbarer Socialpolitiker, der in dem Menschen noch etwas anderes als den Menschen sieht. Auch das Auftreten der Herren im niederösterreichischen Landtage hat uns keineswegs gefallen. Dort sind die Juden mehrmals in unerhörter Weise beleidigt worden. Die Socialpolitiker haben in der bezüglichen Debatte das Wort ergriffen, aber sie haben es nicht nur verabsäumt, den Beleidigern mit Entschiedenheit entgegenzutreten, sie sind auch der Besprechung der Judenfrage sehr ängstlich aus dem Wege gegangen und ihr Führer Professor P h i l i p p o v i ch hat sich sogar bestimmt gefunden, den Herren Antisemiten Complimeute zu machen. Es mag ja sein, daß diese Haltung von tactischen Rücksichten dictirt ist, es mag sein, daß die Socialpolitiker weniger die Juden, als die Antisemiten für ihre Ideen captlviren wollen. Ob diese Hoffnung keine eitle ist, darüber wird uns die Zukunft belehren. Vorläufig will sie keine „verjudete" Partei fein, sie will um Alles von uns „unter den Linden" nicht gegrüßt werden. Während sie ausschließlich durch jüdische Stimmen die Mandate für den Landtag erhielten, ist ihnen nichts so widerwärtig und unbequem, als an ihre Pflichten gegen diese ihre Wähler gemahnt zu werden. Wir aber verlangen von einer Partei, die den Schutz aller Unterdrückten und Verfolgten zu ihrer Aufgabe machen will, daß sie nicht aus Opportunismus und tactischen Bedenken vor der ungerechtesten und schmachvollsten aller Verfolgungen, jener der Juden, ihr Auge und ihr Ohr verschließt, wir verlangen, daß sie auch in den Juden arme, gehetzte Menschen sieht, nicht weil, sondern obwohl sie Juden sind Wir stimmen Denen, die in der Judenfrage nur ein Stück der socialen Frage sehen, nicht bedingungslos bei. Es gibt noch andere, als wirthschaftliche Ursachen, aus denen die Juden bedrängt werden. Aber wenn wir uns auf diesen Standpunkt stellen wollten, dann erscheint es uns doch wenig politisch und wenig praktisch, die sociale Frage nicht an ihrem Nächstliegenden Zipfel anzupacken und die Noth der Juden deshalb unbeachtet zu lassen, weil es außer ihnen noch Millionen Anderer gibt, die bedrückt werden. Ungerechtigkeit verträgt ein edles Herz nirgends! Tie Ungerechtigkeit jedoch an einem Punkte dulden, weil noch nicht überall in der Welt Gerechtigkeit herrscht, das ist ein Edelmuth, der doch von des Gedankens Bläffe allzusehr angekränkelt ist. Wir wollen streitbare Kämpfer für unser staatsbürgerliches Recht, nicht akademische Zauderer oder theoretische Utopisten? I. H—r. Dr. Karl Lueger — ein Juden flämmling. Die Grazer deutschnationalen Studenten haben dem Hörer der Philosophie, Ferdinand v. A r l t, einem Enkel des berühmten Professors der Augenheilkunde, die Satissactionsfähigkeit abgesprochen, weil er nachweisbar und eingestandenermaßen mütterlicherseits von dem im Jahre 1245 getauften jüdischen Arzte Königsberg abstamme. Was ein echter Antisemit ist. ahndet also das Jndenblut bis in's xte Geschlecht. Die edlen Grazer Teutobolde sind zwar wie ihre Wiener Commilitonen getreue Anhänger Schönerer's, in dessen Stammbaum bekanntlich Herr. Schmul Leeb Kohn eine sehr hervorragende Rolle spielt, aber die praktische Frage nach der Satissactionssähigkeit der Kinder Schönerer's ist ja bisher no.t, nicht aufgeworfen worden und bleibt einer schöneren Zukunft Vorbehalten. Immerhin öffnet sich da künftigen genealogischen Forschern ein weites Gebiet nützlicher Thätigkeit. und wenn rie Theorie der deutschnationalen Studenten allgemeine Geltung gewinnt, so wird damit die mittelalterliche Institution der Duelle rascher und gründlicher beseitigt werden als durch alle Gesetze und Verordnungen. Denn wer ist sicher davor, daß jener ebenso cynische als geistvolle Ausspruch eines österreichischen Aristokraten: „Wir erzeugen unsere Kammerdiener und unsere Kammerdiener erzeugen uns", nicht auch auf die ehemaligen Haus- und Schntzjuden der stolzesten adeligen und bürgerlichen Familien Anwendung finden kann? Die Theorie, daß ein Tropfen Judenblut das edelste arische Geschlecht auf Jahrhunderte hinaus „verunreinigt" und seine Abkömmlinge den Parias unserer modernen Gesellschaft gleichmacht, hat ja auch ihre gerichtliche Bekräftigung erfahren — die Beleidiger des Herrn v. A r l t sind freigesprochen worden. Mit diesem Richterspruch aber hat der Antisemitismus in Oesterreich seine zwei hervorragendsten Führer, Herrn Schönerer und Herrn Lueger verloren. Ja, auch Herrn Lueger, denn wir haben heute unseren Lesern das interessante, von den Christlich-Socialen bisher sorgsam gehütete Geheimniß zu verratheu, daß auch Herr Dr. Karl Lueger mütterlicherseits ein Judenstämmling ist. Der „Herr von Wien" ist der Sproß einer alten Wiener Bürgerfamilie. Er selbst hat sich einmal mit nicht geringem Stolz auf das Alter seiner Abstammung berufen. Dazumal lebte nun allerdings in Wien nur ein einziger Bürger des Namens Lueger. Es war dies das Jahr der furchtbaren, von Herzog A l b r e ch t angeordneten Judenverfolgung, über welche uns die von Dr. I. Zeibig im „Archiv für Kunde österreichischer Geschichtsquellen" publicirte „Kleine Klosterneuburger Chronik" eingehend berichtet. In dieser Chronik heißt es nun (Band VI] J, Seite 245) wörtlich: »Darnach am schwarzen suntag Mordert man die- »selben juden, all die zeigten viel guets an, vnder der »erden, zu Wien und hat man allein verprent 240 »Person, ein jüdin zu closternenburg liess sich tauffen »und wardt genant barbara, hat vor zu der ehe den »s ch e b e l e i n j n d e n gehabt, die nam darnach zu der »ehe niclas en, des lu eg er, eines erbaren bnrgers »son.« Die dem Flammentode entgangene Gattin des Juden Schebelein, die in der Taufe den Namen Barbara erhielt und sich mit Niclas Lueger zum zweitenmale verehelichte, ist die Stammmutter des heutigen Judenhassers und ersten Vicebürgermeisters von Wien Dr. Karl Lueger. Und ans dieser Abstammung wird auch Manches im Wesen und Charakter des Dr. Karl Lueger klar. Es hat eine Zeit gegeben, in der Dr. Lueger fast ausschließlich mit Juden verkehrte, den Juden Mandl seinen besten Freund und Lehrmeister nannte und eine ihm von Juden gespendete Busennadel mit den zehn Geboten in hebräischen Lettern trug. In seinem Privatverkehr steht der Mann, der sich noch nicht darüber im Klaren ist, ob man die Juden hängen oder köpfen sollte, mit vielen Juden auf dem Dutz-Fnße. Die Nachwirkung des Blutes der jüdischen Stammmutter ist da unverkennbar. Dann kam die große Wandlung, Herr Lueger wurde Antisemit und predigt die Ausrottung der Juden. Wieder ist es der Geist der jüdischen Ahnfrau, der da in ihm lebendig ist, jener Frau, die ihren jüdischen Gatten in der Todesnvth verließ, von ihren Glauben absiel und un-