Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 2 (8.1.1897)
- Date
- 1897-01-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 2. Dl*■ BlOCh 8 Jahrgang XIV. Centralorgan für dir gefammten Interessen des Iudrnthums. L. ft. Postspsrrssten-Amt I Tlraringv erkrhr Nr. 810.976. | Rrd«rtion und Administration:! Wien! LIntrre Vuggrirnflrstzr 1« ' Telephon>Nr. 6535.! m* ■ .■ -— - — - - Wien, 8. Jänner 1897. ---- Erscheint jeden Freitag. Brief-Adresse: Wien, I., pnuptpoftamt — Fach. Telegramm-Adresse: Blorh's Wochenschrift Wien. 1K- ■..■■■= ü *rrus»strri» für Sestrrrrirh: Halbjährig 4 fl. — 8 Jtt. Tinzelrxrmvlare 35 ft. ganzjährig 10 „ 30 „ j jjHnjeiflfn; Die »mal gespaltete^ Petitzeil: 13 fr. Inhalt: r t i! e I: Ein Unicum in E iropa. — Drohende Entrechtung der Inden Galiziens. — Versammlung der israelitischen Religionslehrer an den österreichischen Mittelschulen in Brünn. — Der Einslus; des jüdischen Geistes aus die antike Welt. — Zur Organt» sation der Wiener Cultusgcmeiude.— V v m Jahrmarkt des Leben s:Die Hindernisse, die noch immer der 'Wahrheit und der Gerechtigkeit entgegen stehen. Politische Papacosias. Das Ende des Expenstnbeuschl. Antisemitische Vertrauensmänner. Moderne Anticorruptionisten. Der convertirte Strick. Der Berliner Hof und der Antisemitismus. Die Juden als Soldaten. — Corr e s p v n d e n z e n: Wien, Prag, Budapest, Bag-Betztercze, RoLnau, Jungbnnzlau, Berlin, Petersburg. London, Constantiuopel, Orel, Algier. — Vermischtes: Wien, Wr -Neustadt, Prag, Karlsbad, Krakau, Proßnitz, 'Nenbistrijz, Troppan, Betos-Csaba, Gr.-Kanizsa, Görz, Lichtenstadt, Berlin, Paris, Rom, Petersburg, Constantinopel, Amsterdam, Bristol, Guuderland, New-Iork. Tunis. — Fe u i l l l e t o n: Der König der Schnvrer. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. ..Ein Unicum in Europa." Im Abgeordnetenhause ist diese Woche das Capitel „Hochschulen" berathen worden, und es wurden bei diesem Anlasse eine Menge von Wünschen vorgebracht, eine Menge von Fragen wissenschaftlicher und realpolitischer Natur behandelt. Der Geist, der an deir Universitäten herrscht, ist überall ein Maßstab für das Culturniveau eines Volkes. Faßt man nun den Kern der vorgebrachten Beschwerden zusammen, so besteht derselbe in der allgemeinen Klage über den unausgesetzten Rückgang der wissenschaftlichen Bedeutung unserer Hochschulen, insbesondere aber der Wiener Universität. Die alma warer Viennense, deren Ruhmesglanz einst die ganze Well überstrahlte, ist in Gefahr, selbst von kleinen deutschen Universitäten überflügelt zu werden. Und die Ursache dieser befremdenden und betrübenden Erscheinung? Oh, man hat über Alles und Jedes gesprochen, nur über die wichtigste Ursache nicht: über den Racendünkel, über den nationalen Hochmuth, über die Selbstvergötterung, die den deutschen Studenten nicht blos aus Fremdnationale, sondern auch auf Vernunft und Wissenschaft verächtlich herabblicken läßt. Seit die Saat Schönerer's an unseren Universitäten üppig in die Halme geschossen ist, wurde deren wissenschaftliche Bedeutung tief herabgedrückt. In der langen, großen Debatte über die „Hochschulen" fand sich Niemand, der die Teutobolderei und den Racenautisemitismus, der die kosmopolitische Wissenschaft aus den Hallen unserer Universität zu verdrängen droht, besprochen hätte. Aber gestreift wurden diese Zustände wiederholt. Der Abgeordnete Luzzatto, der sich als Italiener über die Vernachlässigung seiner Connationalen beklagte, fand als Jude auch ein Wort über den Antisemitismus. Er sprach sein Bedauern darüber aus, daß der Antisemitismus in Oesterreich, ein Unicum fast in Europa, nicht nur jeden Tag mehr florire, sondern immer gefahrdrohendere Proportionen für die öffentliche Ruhe, für die Sicherheit einer großen Zahl von Staatsbürgern annehme, was gewiß, wenn nicht mit einer Connivenz, so doch mit einem nonchalanten Gewährenlassen seitens der Regierung geschehe. Und der Unterrichtsminister Baron Gautsch sagte Folgendes: „Hart sind die Gegensätze der Zeit, und ich glaube, es ist deshalb umsomehr darauf hinzuarbeiten, daß sich die Gegensätze mildern, daß der Eine den Anderen verstehe und nicht vielleicht aus Unverständuiß blindlings hasse, und dies zu erstreben, erscheint niir kein Mittel zu gering zu sein. Eines dieser Mittel, und gewiß nicht das geringste, ist die Bildung, jene l solide Bildung, welche den Empfangenden bescheiden macht und I zu selbstständigem Urtheil erzieht." j Die Worte des Ministers fanden lebhaften Beifall und > sie verdienen ihn auch, wenn man ihren Werth absolut, und . nicht relativ, an den thatsächlichen Verhältnissen abmißt. Gewiß, die Bildung macht tolerant, nachsichtig für die Fehler Anderer, strenge gegen die eigenen Fehler, sie macht bescheiden gegenüber dem eigenen und gerecht gegenüber fremden Verdienst. Die Unbildung dagegen macht roh, hochmnthig, anmaßend, unduldsam. Nud wenn wir nun sehen, daß seit Jahren die Rohheit, der Hochmuth, die Anmaßung und die Unduldsamkeit unter den deutschen Schulen in's Ungeheuerliche wachsen, dann muß man zu dem logischen Schluffe kommen, daß die wissenschaftliche Bildung derselben in der gleichen Proportion im Sinken begriffen ist. Der Abgeordnete Luzzatto hat die Macht, die der Antisemitismus bei uns erlangt hat, ein Unicum in Europa genannt. Ein Unicum in Europa,das war Oesterreich auch zur Zeit Metternich's, als es sich mit einer chinesischen Mauer gegen das Eindringen wissenschaftlicher Erkenntniß abgeschlossen hatte. Heute besorgt der Antisemitismus die Geschäfte der Metternich'schen Polizei; er verhindert es, „daß der Eine den Linderen verstehe". Das Verständniß des Einen durch den Andern ist in der That die wahre Bildung, das ist jener altruistische Geist, der den Begriff der Humanität geschaffen hat, und der Antisemitismus — das ist die Lehre der brutalen Selbstsucht, die zurückleitet zur Bestialität. Aber was geschieht bei uns, um das gegenseitige Unverständniß, den gegenseitigen blinden Haß in Verständniß und Wohlwollen umzuwandeln? Kein Volksvertreter hat es gewagt, den Finger in die schwärende Wunde zu legen und ein fteies, mannhaftes Wort über das nichtswürdige Treiben der Racenantisemiteil an den deutschen Universitäten Oesterreichs zu sprechen. Keiner ist aufgestanden und har darauf hingewiesen, daß aus diesen Universitäten deni Staate alljährlich Hunderte tüchtiger jüdischer Aerzte, Juristen und Professoren erwachsen und daß man trotzdem allen Schimpf und Unglimpf gegen die Juden duldet. Vor langen Jahren hat es in Wien eine angesehene studentische Vereinigung gegeben, deren Wahlspruch lautete: „Im Tempel der Wissenschaft sind alle Betenden gleich." Dieser Verein besteht längst nicht mehr, denn der erhabene Grundsatz, zu dem er sich bekannte, hat seine Geltung verloren. Der Tempel der Wissenschaft wird heute durch Ausbrüche der rohesten Leidenschaften entweiht und Keiner will mehr den Andern verstehen. Mögen die Männer, denen die Sorge ftir