Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 52 (25.12.1896)
- Date
- 1896-12-25
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
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Seite 1048 Dr. Vsoch's Wochensttzrist. Nr. 52 Synsgogen-GeMnge der Neuzeit. Besprochen von Ober-Cantor Eugen Davidsohn, Teplitz. Seitdem, die musikalischen Analphabeten aus den Reihen der Cantoren doch allmählich schwinden und das gebildete Publicum im Tempel ebenso schlechte Musik ablehnt, wie man alles Andere ablehnt, das eben nicht am rechten Platze sich befindet, seitdem lichtet sich auch das Dunkel, in das der Synagogengesang gehüllt war. Der bekannte Ausspruch Heine's, „was zu schlecht ist, um gesprochen zu werden, wird gesungen", erfährt, aus den früheren Synagogengesang angewendet, eine völlige Umkehrung. Was so schön war, um. gesprochen zu werden, hätte man besser nicht singen sollen. Dem Wiener Ober-Cantor Sulzer, ruhmreichen Angedenkens, war es beschieden, die lichten Gebilde unserer Gebete von musikalischem Beiwerke zu trennen, dessen nursikalische Gliederung genau so verkümmert war, wie Recht uud Freiheit der Israeliten im Ghetto. Die erste ThäthgkESulzer's fällt in das erste Drittel dieses Jahrhunderts. ' Nach dem Stadium, das zu jener Zeit in musikalischer Kunst überhaupt schon erreicht war, erweist sich die Einführung eines geregelten Synagogengesanges mithin schon als eine Verzögerung. Für manchen unserer lieben Glaubensgenossen, der ein umso aufdringlicheres Urtheil verbreitet, je tiefer unter Null lein geistiger Standpunkt steht, hätte es allerdings noch heute keines Sulzers bedurft und keiner Cantoren, die dem großen Vorbilde folgen. Die Zeit hat Flügel und eilt vorwärts. Daraus ergibt sich der Vortheil, daß, was der Vater bemängelte, beansprucht ausdrücklich der Sohn und unterstützt das Bestreben, dem Synagogengesang eine höhere Stufe einzuräumen, damit er das ästhetische Gefühl eines gebildeten Menschen nicht verletze und nicht als antikes Spielwerk („von jener Zeit!") zum Ergötzen Einzelner werde. Wie aber in allen Dingen, wird auch hier die Gewohnheit zur zweiter: Natur r:nd durch häufiges Anhören viele Jahre hindurch gelangt Mancher in die Versuchung,' den Synagogengesang erst dann für voll zu erklären, wenn er das unmusikalische Gepräge wahrt und dabei die Unarten, die den Spott bekannter, sehr berühmter Musiker hervorgerufen haben. Andererseits vermochte jj ein Sulzer mit seiner abgeklärten, erhabenen Gestaltungskraft so tiefen, packenden Eindruck auf Franz Liszt auszuüben, daß sich das phantasiereiche Urtheil Liszt's über Sulzer als Cantor bis zur Schwärmerei steigerte! In erster Reihe schuf Sulzer einen recitirenden Styl, der das Wort uiü> seine Bedeutung durch entsprechende musikalische Declamation in seiner Bedeutung eben hervorhebt und es nicht einer schönen Melodie um ihrer s e l b st willen unterordnet. Ein zweiter Reformator auf dem Gebiete des Synagogengesanges folgte, Lewandowski in Berlin. Er schlug weiche Gemüthstöne an und gestaltete die Cantilene, gebundene, tonschöne Gesangsform, die sich der lyrischen Poesie in unserem Gebetbuche accommodirt, Texten wie „Zadik katomor". Ein Dritter, dessen Schaffen Verbreitung fand, ist Weintraub. Weintraub'sche Manier hält das nationale Element fest und trägt den Stempel der Virtuosität, soweit, der orientalische Charakter der Melodie (fälschlich Polnischer Gesang genannt) vorwaltet. Alle drei Meister erzogen Schüler, die nun eifrig daran gingen, die Eigenart ihres Lehrers allein als unumstößlichen Styl für den Synagogengesang hinzustellen. Diese treffliche Eigenart, auf Alles angewendet, wurde daher dem Synagogengesang zur Fessel und hatte zur Folge, daß man durch einförmige Manier statt zu verbessern — verschlechterte. Was für die Dichtkunst gilt, gilt in gleicher Weise für die Musik. Die Sentenz darf sich so und so oft wiederholen, die Form aber muß dem jeweiligen Empfinden einer Generation angepaßt sein, um erst in dieser erforderlicher: Form eine ganze Wirkung zu erzielen. Genau so verhält es sich mit dem musikalischen Schaffen. Der Grundcharakter der Melodie soll nicht geändert werden, aber die äußere Form verlangt es umso nachdrücklicher. Daher ist es unmöglich, selbst den traditionellen Synagogengesang in gleicher Weise auszuführen, wie in Zeiten, da der musikalische Geschmack von dem heutigen grundverschieden war. Und da erwirbt sich ein gut unterrichteter Fachmann, ob Cantor oder Chor-Dirigent, ein Verdienst, wenn er der Neuzeit so Rechnung zu tragen versteht, daß traditionelle Weisen, mit modernem Geschmack verwerthet, nicht nur im Gottesdienst Platz finde», weil man auf die Tradition Rücksicht nimmt, sondern weil ihnen durch die entsprechende Gestaltung die Fähigkeit gewahrt wurde, anregend auf das Gemüth zu wirken. Noch größer aber wird das Verdienst, wenn Neues auf cantoralem Gebiete geschaffen wird, ohne mit dem herkömmlichen Styl zu brechen, und das leider gelingt den Wenigsten! Viele der neueren Gesänge verdienen ebensowenig nur in Synagogen beim Gottesdienste j a gesungen zu werden, als außerhalb des Gottesdienstes nicht gesungen zu werden. Mit solchem Schaffen thut man für den Gottesdienst sehr wenig, gibt höchstens einem Cantor Gelegenheit, mit einer gefälligen, schiw klingenden Composition den Beifall seiner Zuhörer zu gewinnen. Obwohl für Anerkennung Jeder empfänglich ist, so wird der ernste Fachmann erst dann Befriedigung finden, nicht wen:: er mit einer minderwerthigen, dafür wirksamen Composition Gefallen erregt, sondern wenn er sich vollständig in den Dienst der heiligen Sache stellen kann und eiir ihr würdiges Material zu interpretiren in die Lage kommt. Eine glänzende Ausnahme von all dem Unzweckmäßigen, das trotzdem unablässig erscheint, bildet eine Sammlung von Synagogen-Gesängen, die von Emanuel K i r s ch n e r, dem Obercantor der israelitischen Gemeinde zu München, in neuester Zeit veröfferrtlicht wurde. K i r s ch n e r schuf Compositionen, die in jedem Tacte und jeder Zeile den gediegenen Cantor und den vorzüglichen Musiker erkennen lassen. Sein Schaffer: ist das Schaffen eir:es ernsten Mannes, der für der: Gottesdien st schuf mit weihvoller Stimmung und als Componist seinen eigenen Weg geht, somit als eine Individualität für sich betrachtet werden muß. Die Gesänge, die Kirschner geschrieben, rechnen allerdings mit zwei Voraussetzungen. Die edle, vornehme Gesangsweise muß dem Cantor geläufig sein, um mit dem Tone das zu verkünden, was an seelischen: Ausdruck durch kunstvolle musikalische Behandlung gemeint ist. Solche Vortragsweise bedingen Nr. 5 und 6 der Partitur. Wie das verklärende Bewußtsein, Wort für Wort des Betenden begleitet, so schwebt in sanften Klängen die dominirende Orgelstimme über der Singstimme; bald aber verzichtet der Componist auf die rein gesangliche Wirkung und wählt inmitten der Cantilene den Sprechgesang für die glaubensstarke Versicherung, die in den Worten »od j’nuwun b’shewo« und noch weiter die rührend schöne Poesie des »Zadik katomor« in kräftigeren Accenten ausklingen läßt. In diesen beiden Compositionen Nr. 5 und 6 schafft nicht blos der vortreffliche Musiker, sondern ein musikalischer Poet, der die schönen Laute einer edlen Seele zu offenbaren weiß. In Nr. 7 behandelt der Componist denselben Text in herköuunlicher Art und ahmt die Weife unserer alten Borbeter nach. Aber auch da soll der musikalisch vornehme Ton gewahrt werden, und all' die Schnörkeleien, aus der Rococo-Zeit Händel's herrührend, werden instrumental'im Orgelsatze wiedergegeben. Die Passagen aber, die, von der Singstimme ausgefiihrt, heute als schon nicht mehr zeitgemäß theilweise betrachtet werden, wirken im Orgelsatze, geschickt harmonisirt, geradezu interessant. Der traditionelle Charakter wird also betont, ohne daß der Cantor einem Strudel von Coloraturen das Wort preiszugeben nöthig hat. Die Coloratur in unserem altjüdifchen Gesang war ja doch nur Manier und that der sinngemäßen Vortragsweise des Textes oft genug Abbruch! In der prächtigen Verschmelzung des Traditionellen und Modernen, durch Orgel und Singstimme leistet aber Kirschner das Beste in den Numnrern 11—15, den 5 Bearbeitungen des »xv'sclionru«-Textes. Hier ist die eigentliche Domäne des Compouisten; hie Cantor, hie Musiker, möchte man wohl sagen. Die goldene Mittelstraße eingeschlagen zu haben zwischen alten „Chasones" und total moderner Gesangsform, das weist dem Synagogengesang neue Bahnen und begründet den Styl für die Zukunft. Bon den fünf Nummern, die erste leitet in einen: einzigen Tacte sofort die ganze Stimmung des Folgenden ein und da waltet soviel religiöser Ernst, da bringt es die Gesangsstimme zu so schönen Wirkungen, dazwischen bringt die Orgel die alte traditionelle Weife in Erinnerung, so daß man nicht dieEmpfindung hat, das Ganze soll nicht musikalischen Effect machen, sondern soll der beredte Ausdruck eines gottergebenen frommen Gemüthes sein. Darauf folgt der Jubelruf des »Adon olom«. Mit breiter Melodie nnd reicher Fülle von Harmonie erreicht der Componist in diesen Hymnen u. A. auch im »Tow l’hodos die begeisterte Stimmung, die den Texten mit siegender Gewalt entströmt. Die Vorzüge anderer Componisten, farbenreiche Stimmführung und hervorragende Klangschönheit durch vortreffliche Combination, werden nach der Begabung, die aus Kirschner's Schaffen spricht, wohl selbstverständlich. Kirschner ist der Mann am Betpulte und das Cantorale findet in ihm eine außerordentliche, gestaltende Kraft; von da aus findet er aber auch die mächtige Steigerung zum Massengesang und weist dem Chore große und wirkungsvolle Aufgaben zu. Wo jüdische Herzen sich in: Gebete Gott zuwenden, werden diese neuen „Synagogen- Gesänge" zu Andacht wecken. und berufen sein, die begeisterte Tonsprache eines Sch’iiach Zibbur zu werden. Herausgeber u. verantw. Redakteur r Dr. Josef S. Bloch.