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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-12-25 · 52 (25.12.1896) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
52 (25.12.1896)
Date
1896-12-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
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«r.. 52 Jatzrgsmg Xill. Dr. Bloch’s Cenlralorgan für dir gelammten Interessen des Iudenthums. L. k. -ostsparraffen-Lmr Clearingverkehr Nr. 610.976. iRrdnrNon und Administration: Wun ., Kttlm Vuosrtrnpratzr 1«. Telephon-Hr. 6535. -—^-- Wien, 25. Deeember 1896. ->.«. — Erscheint jeden Freitag. Brief-Adresse: Wien, I., Hauptpostamt — Fach. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift Wien. m-.~=m!) »rzngnprrt» für Srstrrrrirst:! Halbjährig 4 fl. — S Kr. | Einzelexemplare 15 kr.! 18r*» JRnalanb: > halbjährig » fl. —!0Kr. ^! ganzjährig IO ,=W . |j Sn jeigen: Die 4mal gespaltete Petitzeile 11 kr. «- ' =i Ä^halt: Artikel: An dir Jahreswende. — Constitnirung des Wiener Eulmsvorstandes. — Menschenjagd zur Weihnachlsfeier. — Laßt nur durch „christliche" Lehrer euren Kindern Privatunterricht ertheilen! — Tie Juten als Soldaten. — Bonr goldenen Horn. — Die Bibelexegese an der „Israelitisch-theologischen Lehranstalt" in Wien. — B o in Jahrmarkt des Lebens: Dr. Max Löw in Aachen. Modernes und talmudisches Snasrecht. Arische Humanität. Jahr 200Ü nach Noreja. Ein Lehrer des Christenthums. Modernes Christenthum. Antisemitische Gelehrsamkeit. Ein antisemitischer Fleischselchcr. Eine Bahn zum Berge Sinai. Wort und Thaten eines antisemitischen Professors. — C o r r e s p v n d e n z e n: Wien, Floridsdorf, Brünn,Prag, Lemberg, Budapest. Berlin, Breslau, Kritik eines Laien, Posen, Paris, London. L e r m i s ch t e s : Wien, Wien-Mariahils, Bleistadt, Troppau, Aus Budapest, Nagy- Besztercze, Suczava, Przemysl, Berlin, Katlowitz. Paris, London. — F e u i l l l e t o n: Der König der Schnvrer. — L'.teratur. — Brieskastkli. — Inserate. — Beilage: Türken und Juden. — Eine Galerie berühmter Antisemiten. — Madame Furtado- Heine. — Oesterreichlsche Moralstatistik. — Synagogen-Gesänge der Neuzeit. Wir ersuchen unsere geschätzten Jtbonnenfen um rechtzeitige Cinsendung der taufenden lAbonnemenfsgebühr, damit die Zusendung des Blattes Reine Unterbrechung erleidet. Rn der Jahreswende. In ewigem Gleichmaß schreitet die Zeit fort, aus Tagen werden Jahre, aus Jahren Jahrhunderte, aus Jahrhunderten Jahrtausende. Und das ist der Stolz und Ruhm des Volkes Israels, daß seine Wurzeln zurückreichen in die Uranfänge des Menschengeschlechtes und daß seine Laubkrone empvrragt in die Höhen einer unermeßlichen Zukunft. Ein Jahr vergeht und ein neues kommt — aber was will das bedeuten in der Geschichte dieses Volkes, das inmitten der Vergänglichkeit alles Irdischen immer von Neuem seine Unvergänglichkeit erweist! Seltsam! Tage bitterer Drangsal sind über die Inden in Oesterreich hereingebrochen, und nun, da wir der alten Uebung folgen und an der Jahreswende ein Wort an unsere Leser, ein Wort an die Gesammtheit unserer Glaubensgenossen richten wollen, verwandelt sich die Klage, die sich uns ans die Lippen drängen wollte, in milden Feierklang, in freundlichen Trost. Aber so war es immer, wenn Israel bedrängt und verfolgt wurde. In unseren Glaubensbüchern lebt die Geistesstärke Mosis, die Dulderkraft Hiobs und der Heldenmuth der Makkabäer. Je wilder die Stürme der Jahrtausende an uns rüttelten, umso kraftvoller haben wir uns entwickelt. Was faul und morsch war, haben diese Stürme hinweggesegt, was tüchtig war, ist geblieben. So ist das Judenthum immer mehr eine Auslese der Besten und Edelsten, so ist es nicht nur im biblischen, sondern auch im modern-naturwissenschaftlichen Sinne des Wortes in Wahrheit ein „au se r w ä hl t e s Volk" geworden. Und so wird es bleiben für und für! Wem aber einmal diese tiefe Erkenntniß aus den tausendjährigen Bedrängnissen des jüdischen Volkes ausgegangen ist, der kann nicht bei der Betrachtung der augenblicklichen Kümmernisse schwächlich und unmännlich klagen. Das Alles ist schon dagewesen in hundertfach schlimmeren Formen und ist wieder vorübergegangen wie ein Gewittersturm, dessen feurige Blitze doch die ewigen Bergriesen nicht zerschmettern können. Gewiß, der Wechsel des Jahres vollzieht sich unter traurigen Erscheinungen und den Juden in Oesterreich ist ein furchtbarer Kamps auserlegt. Nicht unsere bürgerlichen Rechte allein, auch unsere materielle Existenz ist in Gefahr und die schwere Sorge bleicht unser Haupt, welches Schicksal dereinst unseren Kindern beschieden sein wird. Tausendfach schrecklicher als das Los des Blindgeborenen ist das Los dessen, der das Licht der Sonne gesehen und dann erst erblindet ist. Wir haben den Strahlenglanz der Freiheit und der bürgerlichen Gleichberechtigung gesehen und doppelt schwer drückt auf uns heute die dumpfige Lust des gesellschaftlichen Ghettos, in das man uns wieder einsperren will. Aber unsere unvergeßliche Vergangenheit, die Erfahrungen unserer herrlichen Geschichte geben uns das Recht, das Haupt inmitten der allgemeinen Mißachtung hochzntragen und aus eine bessere Zukunft ■ hoffen. Die „Oesterreichische Wochenschrift" darf das Zeugniß für sich in Anspruch nehmen, daß sie in dem Kampfe um die bürgerlichen Rechte der Juden, in der Abwehr der Angriffe aus diese Rechte stets im Vordertresten gestanden ist. Was aus Politischem Boden für unsere Glaubensgenossen auszusechten war, das haben wir ausgefochten. Wenn es nicht zu unbescheiden ist, von eigenen Verdiensten zu reden, dann dürfen wir sagen, daß wir für diesem Kampfe Waffen geschmiedet haben, die vor uns noch kein Anderer geschwungen hat und deren Schärfe unsere Feinde mit Angst und Schrecken erfüllte. Aber die Kampfziele haben sich verschoben. Neue Gestaltungen, neue Strömungen ringen in unserem politischen Leben nach Geltung. Wiederholt haben wir es at letzter Zeit ausgesprochen, daß hinter den antisemitischen Plänklerketten neue, gewaltige Heerschaaren sichtbar werden, deren Haß nicht mehr den Juden allein, sondern Allen, Allen gilt, die den Fortschritt, die Geistes- und Gewissensfreiheit wollen. Und auf der anderen Seite erblicken wir hinter den ausgerollten Reihen der liberalen Partei gewaltige Volksmassen, die Freiheit und Recht nicht blos für einzelne Classen und Eonsessionen, sondern für Jedermann, den das Weib geboren hat und der ein Menschenantlitz trägt, fordern. Die Besitzenden und Bevorrechteten stehen ans der einen, die Besitzlosen und Entrechteten aus der anderen Seite. Noch hören wir die alten Schlagworte, aber ihr Inhalt ist ein anderer worden.

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