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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-12-11 · 50 (11.12.1896) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
50 (11.12.1896)
Date
1896-12-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 986 Dr. Vloch's Wochenschrift Nr. 50 zrrg'des christlichen Glaubensbekenntnisses — das ersetzt Wissen, Talent, Bildung. Kein jüdischer Lehrer wird mehr ernannt, er mag seine Prüfungen mit Auszeichnung abgelegt, seine Qualisication glänzend dargethan haben ÜMt dem geistigen Gut der Gemeinde wird ebenso gewirthschastet, wie mit dem materiellen. Trotz der tendenziösen Klage, daß die. liberale Partei der neuen Majorität leere Cassen hinterlassen habe, werden Tausende und Abertausende von Steuergulden zu Zwecken der clericalen Agitation verschleudert. Der Rettungsgesellschaft und dem Volksbildungsverein hat man die bisher bezogenen Subventionen entweder ganz verweigert oder zu absolut unannehmbaren Bedingungen angeboten. Dagegen hat man dem katholischen Schulderem, einem antisemitischen Hetzverein der schlimmsten Sorte, ohne Bedenken 1000 fl. und dem Kirchenbauverein von Breitensee 30.000 ft., sage dreißigtausend Gulden, überwiesen. Ein parteiischeres, willkürlicheres Regiment, einen ärgeren Mißbrauch mit der Gemeinde-Autonomie, eine crassere Verhöhnung von Recht und Gesetz hat die Welt noch nicht gesehen! Aber je schlimmer, desto besser! Die Eiterung der antisemitischen Pestbeule an dem herrlichen Leibe dieser alten Kaiserstadt muß noch künstlich befördert werden. Wir begreifen die vornehme Empfindung, welche die Leitung der Talmud-Thora-Schule vor zwei Jahren bewogen hat, durch die Zurückziehung ihres Subventionsgesuches einer unerquicklichen Debatte vorzubeugen. Aber die Verhältnisse liegen heute anders wie vor zwei Jahren. Damals wollte mau vielleicht der liberalen Majorität eine Verlegenheit ersparen, heute erscheint es zweckmäßig, der antisemitischen Mehrheit eine Verlegenheit zu bereiten. Das Gesuch möge erneuert werden, Herr Lueger und seine Garde sollen vor die Nothwendigkeit gestellt werden, auch hier offen Farbe zu bekennen! Dem katholischen Schulverein und der evangelischen Sä ule hat man Zuschüsse bewilligt, die Herren sollen Gelegenheit haben, mit aller Nacktheit zu bekennen, daß die Stadt Wien die Bekenner jeder Eonfession schützt, nur nicht jene der jüdischen. Falsche Vornchmthuerei ist hier nicht am Platze! Das Staatsgrundgesetz über die confessionelle Gleichberechtigung existirt noch — der Gemeinderath der Stadt Wien soll nur den Muth finden, zu erklären, daß er dieses Grundgesetz mißachtet, daß er sich an die Bestimmungen der Verfassung nicht gebunden erachtet. Man beseitigt einen Feind nicht, indem man ihm ausweicht, sondern nur, indem man ihm rücksichtslos auf den Leib rückt! Der Iudenkreuzer. Bersöhnungsschalmeien Ionen in den Spalten unserer Tagesblätter. Holder Friede, süße Eintracht! Sie haben sich wiedergesunden ... Jene fortschrittlich gesinnten Elemente des Ausschusses am Währinger Jubiläumstheater haben sich eines — Besseren besonnen, Sie haben eingesehen, daß die Zimperlichkeit der Gesinnung nicht in unsere Tage paßt, sie haben durch die That bewiesen, daß Ueberzeugung Affectation ist und sie laßen sich's nicht nehmen, daß es eine Ehre ist, die Beine unter einen antisemitischen Tisch zu stecken, soserne man die Assecuranzpölizze gegen den Hinauswurf im Sacke hat. So feiett die herrliche Coalitionsidce, die man überwunden glaubte, neue, ungeahnte Triumpfe und das Zurückstellen der Principien erweist sich Nachgerade als der Weisheit letzter Schluß. Warum soll eine Partei nicht ohne Principien leben können? Die Liberalen machen den Versuch, ihr Aus- und Einkommen ohne Liberalismus zu finden. Zwar erinnert das an die schöne Geschichte von dem alten Gaul, den sein Besitzer an's Fasten gewöhnen wollte und der durch einen peinlichen Zufall gerade in dem Augenblicke umstand, in welchem er sich an das Nichtessen gewöhnt hatte; aber was thut's? Wer wird sich um solche Kleinigkeiten scheeren? Wer wird nörgeln und kritteln in einem Augenblicke, in dem racenreine Antisemiter uns mit dem guten Beispiele vorausgehen, zwar den Juden, aber nicht den Judenkreuzer zu verschmähen! Unsere Antisemiten leben nicht nur, was ihr socialpolitisches Programm beispielsweise anlangt, von den Brosamen, die sie an gut jüdischen, sozusagen koscheren Speisetafeln aufgelesen haben, sie gehen einen Schritt weiter, ihre Tactik erinnert mitunter sehr bedenklich an jüdische Anecdoten, deren Vorzüge darunter nicht leiden, daß man sie der gegenwärtigen Zeitströmung zuliebe seltener erzählt. Das ist zum Exempel ein prächtiger und wie Figura zeigt, höchst actueller Scherz: A. Ich verkehr' nicht mit jedem P . . ch! B. Aber ich! Dieses selbstbewußte und zugleich selbstverleuguende: „Aber ich!" kommt Einem unwillkürlich zum Bewußtsein, wenn man das Vorgehen jener Juden erwägt, die sich bereit gefunden haben, ohne irgendwelche ernstliche Garantien in den Ausschuß des Währinger Jubiläumstheaters wieder einzutreten und ihr eigenes, sowie ihrer Glaubensgenossen sauer erworbenes Geld für antisemitische Kunstzwecke niederzulegen. Wenn wir eine Zeit lang geglaubt haken, es gebe keine — antisemitische K u n st, so sind wir nunmehr eines Besseren belehrt. Jawohl, es existirt eine antisemitische Kunst, und ihre Jünger haben es sogar bereits zu höchst anerkennenswerther Vollendung gebracht. In der antisemitischen Kunst, die Judenkreuzer kunstgerecht einzufangen. Freilich gibt es Dilettanten und Virtuosen dieser Kunst. Jener Diurnist, der letzten Sonntag in einer antisemitischen Frauenversammlung mit dem dummdreisten Zugeständniß herausplatzte: „Nehmt den Kreuzer vom Juden, aber tragt keinen Kreuzer zum Juden!" ist ein blutiger Dilettant. Dieser Naivling planscht aus der Schule, er gefährdet die Erreichung der antisemitischen Ziele, und bringt sich nebenher in Conflici mit dem Obersten Gerichtshof, der sich letzthin über den geschäftlichen Boykott Andersdenkender höchst bedeutsam geäußert. Es ist ein wahres Glück für den boycvitlustigen Diurnisten, daß bekanntermaßen die österreichischen Gesetze nur gegen, nicht für die Juden gelten, sonst könnte seine christliche Nehmmoral von höchst bedenklichen Folgen für ihn begleitet sein. Da sind die Antisemiten des Währinger Theater-Ausschusses ganz andere Leute. Das sind Virtuosen der antisemitischen Kunst. Sie verstehen den Judeukreuzer weit schmerzloser an sich zu zieh n, ihre Fertigkeit bringt es zustande, daß sich manche Juden eine Ehre daraus machen, ihr Geld an jene Stätte zu tragen, an der sie selbst verpönt und verachtet sind. Diese antisemitischen Theatergründer «ollen Gott dafür danken, daß es Juden gibt, die noch ein — Ehrgefühl haben, d. h. ein Gefühl für die Ehre, antisemitische Gründergelüste zu bezahlen. Die stille, unentwegte Thätigkeit dieser Herren ist aber eine so von Erfolg gekrönte, daß die Agitatoren der Franenversammlungen nichts nützen, im Gegentheil den Judenkreuzer höchstens verscheuchen können! Journalistische Raubritter. Das Capitel Zeitungscorruption hat in den jüngsten Tagen eine denkwürdige Bereicherung erfahren. Unsere antisemitischen Maulhelden freilich, die halten stille, sie finden kaum ein Wort der Mißbilligung über jene Sumpfhöhle, in welche uns der Proceß Leckert- Lützow ebenso gründliche wie unerfreuliche Einblicke verschaffte. Und das nimmt doch Wunder bei jenen fingerfertigen Burschen, die sonst keine Gelegenheit verabsäumen, um nach bewährtem Muster ihr markerschütterndes: „Haltet den Dieb!" auszustoßen! Den Feinden der Preffe, den Gegnern der öffentlichen Meinung bot wahrlich der Sensationsproceß von Berlin ein ungeheures Material, deffen VerwerthLng keinerlei Schwierigkeiten begegnen konnte. Hier sah man thatsächlich, welch' furchtbarer Mißbrauch mit der Presse getrieben werden kann, hier konnte man an dem Gemeinplatz irre werden, daß die Presse die Wunden heile, welche sie schlug. Und doch dieses verbissene Schweigen im antisemitischen Blätterwald, trotzdem diese apostolische Milde, die ungewohnte Toleranz! Das ist doch edel, das ist großmüthig! Man weiß doch, daß der Journalismus ein Judengewerbe ist, daß die Presse durch und

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