Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 48 (27.11.1896)
- Date
- 1896-11-27
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 48 Seite 963 Vr. Vloch's Wochrnschrifi von der Welt, dttllt, wenn Ihr bei d e m ein Mittagessen bekämet, wäret Ihr in der That ein König der Schnorrer zn nennen." Jankele war bleich und Zitterte. Ein glücklicher Gedanke kam. ihm. „Aber er ist ja auch verheiratet" rief er. „Eßt bei ihm morgen zu Mittag", entgegnete Manasse unerbittlich. „Er speist am Sabbath besonders königlich. Erlangt Zutritt zu seinem Tisch und und Ihr sollt' in meine Familie zugelassen werden". „Aber Ihr kennt nicht den Mann — es ist unmöglich", rief Jankele. „Das ist die Ausrede eitles ungeschickten Schnorrers. Ihr habt mein Ultimatum gehört. Kein Mittagessen — keine Frau. Keine Frau — keine Mitgift". „Wie hoch würde diese Mitgift fein?" fragte Jankele zur Ablenkung. „Oh großartig — ganz großartig. Zuerst all das Geld, das sie von der Synagoge bekommt. Unsere Synagoge gibt armen Brüllten eine beträchtliche Mitgift. Es bestehen zli diesem Zwecke große Stiftungen". Jankeles Augen glänzten. „Ah, was für noble Leut' seid Ihr Spanier." „Daun würde ich wohl auch ineiilem Schwiegersohn meinen ganzen Jerusalemer Besitz überlassen". „Habt Ihr einen Besitz im heiligen Lande?" fragte Jankele. „Oh, erster Güte, mit nnbezweifelbaren Ansprüchen. Außerdem würde ich Euch natürlich die eine oder die andere Provinz in England überlassen." „Was?" keuchte Jankele. „Muß ich nicht?" sagte Manasse gütig. „Bedenkt doch, mein eigen Fleisch und Blut? Ab, hier bin ich zll Hause." Es ist zu spät, um Euch noch zu bitten, hereinzukommen. Gut Sabbath. Bergeßt nicht, morgen beim Rabbi Reue-Pöckelhering zu Mittag zu essen." „Gut Sabbath!" stammelte Janlele und kroch schweren Herzens heim liach Dinah's Buildings, Whitechapel, wo das Alldenken an ihn noch bis auf den heutigen Tag fortlebt. Rabbi Reue-Pöckelhering war ein nichtofficieller Prediger, der in Privathäusern Trauergottesdienste abhielt, da er eine schölle Gabe der Beredtsamkeit besaß. Er war ein großer, aufgedunsener Mann mit überhüngendenl Bauch und rothem Bart; sein geistlicher Trost rührte bis zn Thräuen. Seine Kunden wußten, daß er in seinem Privatleben sich jede Befriedigung gönnte und nur in Bezug auf Wohlthätigkeit enthaltsam war; aber sie verwechselten diese Rollen nicht miteinander. Als Tranerredner befriedigte er alle Welt: er war regelmäßig, pünktlich, ließ die Versammlung nicht warten und lvar sehr darin geübt, zu zeigen, daß in Gilead noch immer Balsam sei. Er zeigte das auf fünf Arten, und die Varianten hingen von den Umständen ab. Wenn er den Verstorbenen, was häufig geschah, nicht gekannt hatte, so pflegte er im Corridor zu fragen: „War es ein Mann oder eine Frau? Ein Knabe oder ein Mädchen? Verheiratet oder ledig? Sind Kinder da? Kleine oder große? Wenn diese Fragen beantwortet waren, so war er auch bereit. Er wußte genau, welche seiner fünf Trostpredigten er zu halten hatte — alle lvaren genügend unbestimmt und allgemein gehalten, und selbst wemi er die Antworten im Corridor mißverstanden hatte und sich bmtit über den Kummer der hinterlassenen Witwe eines verstorbenen Witwers ausbreitete, war es nicht schlimm. Die paar unmöglichen Stellen konnten durch ein Mißverständniß der Zuhörerschaft erklärt werden. Manchmal — aber sehr selten — wagte er, ein paar zn der besonderen Gelegenheit passende Ergänzungssätze hinzuzufügen, aber er that das sehr behutsam; denn Jemand, der einen Ruf als Stegreifredner hat, kann sich nicht genug davor hüten, sich vom Augenblick Hinreißen zu lassen. Sobald es sich nicht um Todtenreden handelte, hatte er kein Glück; auf jeden Fall führte sein einziger Versuch, auf einer englischen Synagogenkanzel zu predigen, zu einem Spitznamen. Er hatte als Thema die Rene gewählt, die er der Gemeinde mit großer Sorgfalt erklärte. „Zum Beispiel", sagte der Prediger, „ging ich neulich über London-Bridge, als ich ein Fischweib mit einem Korb Pöckelhäringe dastehen sah. „Wie viel?" frage ich. „Zwei um dreieinhalb Pence", sagte sie. „Oh, das ist furchtbar theuer", sage ich. „Man bekommt drei um zwei Pence." Aber sie wollte sie um diesen Preis nicht hergebeu, und ich ging weiter, indem ich mir dachte, daß ich auf der anderen Seite wohl eine andere Fran mit solchen Pöckelhäringen treffen würde. Es waren herrliche, fette Häringe und das Wasser lief mir im voraus im Munde zusammen. Aber als ich auf der anderen Seite der Brücke angelangt war, war kein anderes Fischweib zu sehen. Ich beschloß daher, zu dem ersten zurückzugehen, denn eigentlich waren die Häringe wirklich sehr billig, und ich hatte nur ein bischen feilschen wollen. Aber als ich zurückkam, war die Frau schon ausverkauft. Ich hätte mir das Haar vor Aerger ausraufen können. Run, das nenne ich Reue." Bon damals ab war der Rabbi das, was die Gemeinde Reue nannte. Er wurde auch Pöckelhäring genannt. Die Vorliebe des Rabbi für concrete Erläuterung abstracter Ideen lvar jedoch nicht zu unterdrücken, und eine gewisse Illustration der Wohlthätigkeit fand in allen seinen fünf Trostpredigten einen Platz: „Wenn Ihr ein Paar alte Hosen habt, schickt sie dem Rabbi." Rabbi Pöckelhäring selbst war jedoch wie die meisten Prediger Alles, nur keine concrete Erläuterung der Tugenden, die er predigte. Er lebte nobel — durch die Nobilitüt Anderer — aber Niemand konnte sich rühmen, von ihm einen Heller mehr bekommen zn haben, als er schuldig war, während die Schnorrer ihn einfach als eine Art Bankrotteur ansahen. Seinerseits grollte auch er der Welt, denn er bildete sich ein, daß seine Arbeit nur zu geringfügig belohnt ward. „Ich bekomme so wenig, daß ich nicht leben könnte, wenn nicht die Fasten wären", klagte er bitter. Und in der That, die von der Religion gebotenen Fasten waren für ihn viel mehr werth, als fiir Jankele; seine Mahlzeiten waren so reichlich, daß seine Ersparnisse aus dieser Quelle thatsächlich eine kleine Revenue bildeten. Wie Jankele bemerkt hatte, war er verheiratet, und seine Frau hatte ihm ein Kind geschenkt; aber es starb im Alter von sichen Jahren, indem es ihm den einzigen herben Kummtzx seines Lebens hinterließ. Er war zu eifersüchtig, um während dieser finsteren Tage einen Concurrenz-Trvstprediger zu rufen, und keine feiner eigenen fünf Predigten schien für den Fall zu passen. Es dauerte ein paar Monate, eher er seine Mahlzeiten wieder regelmäßig aß. Niemals hatte Jemand, der nicht vom Gesetze dazu berechtigt war, in seinem Haufe eine Mahlzeit bekommen. Obwohl seine Frau nur für zwei zu kochen hatte, kochte sie gewöhnlich ftir drei, da sie ihren Gatten nicht für eine Einheit ansah. Sich selbst rechnete sie als Halbes. Aus diesem Grunde zeigte Jankele eine deutliche Verstörtheit, als er sich, in den Feiertagskleidern eines Anderen, etwa eine Viertelstunde vor Mittag dem Hause des Rabbi Pöckelhäring näherte, um dessen Sabbathmittagmahl mit ihm zu theilen. „Kein Mittagessen - keine Hochzeit", lautete Da Costa's strenger Ukas. Was Wunder, wenn das unerreichbare Mahl in seinen Augen die Großartigkeit eines Hochzeitsfestes annahm! Deborah Da Costa's liebliches Gesicht quälte ihn wie eine Fata Morgami. Es war ein frostiger Sabbath, aber noch eisiger war sein Herz. Der Rabbi bewohnte in Steward-Street, Spitalfields eine elegante Wohnung im Erdgeschoß, denn er versagte sich selbst nichts als Wohlthätigkeit. Vor dem Eingänge befand sich ein Portal, ein hölzerner, von zwei Säulen getragener gothifcher Spitzbogen. Während Jankele die drei hölzernen Stufen Hinaufstieg, wobei er so schwer athmete, als wären es dreihundert gewesen, und sich fragte, ob er auch nur jenseits der Thür gelangen würde, kam ihm die Versuchung, umzukehren, friedlich zu Hause zu Mittag zu essen und Da Costa vorzuspiegeln, daß er mit dem Rabbi gepraßt habe. Manasse würde es ja nicht erfahren — hatte er doch gar keinen Schritt unternommen, um sich zu vergewissern, ob er die Probe bestanden habe oder nicht. Eine solche Nachlässigkeit, dachte Jankele mit gerechter Empörung, verdiente eine gebührende Strafe. Aber anderseits erinnerte er sich, welches Vertrauen Manasse in ihn setzte; Manasse hielt ihn für einen Ehrenmann, und des Gönners Seelengröße erweckte in dem Parasiten ein Echo von Ritterlichkeit. (Fortsetzung folgt). Literatur. Christliche Stimmen über S. Kohn's Ghettobilder. Die St. Gallner Blätter sprechen sichln einer Kritik zu S. Kohn's alten und neuen Erzählungen, die auch in unseremBlatte seinerzeitgehörig gewürdigt wurden, überdessen Eigenart folgendermaßen aus: Der Verfasser erzählt mit großer Meisterschaft. In diesem Werke sind die Hauptkräger der