Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 48 (27.11.1896)
- Date
- 1896-11-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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»r. 48. Dr. Bloch’s Zatzegsug XIII 4 Crntralorgsn für die gelammten Interessen des Iudenthums. I - —-y L. k PoKsparrklHm-Anü Clraringverkrhr Nr. 810.976. »rd«cNon und Adminiftrstion: | »"N JUnlerr frwearunprakir!«• Telephon*Nr. 6535. »- ■■■■= -■= -=4 - - -- Men, 27. November 1896. - -V - Erscheint jeden Freitag. Brief-Adresse: Wien, I., Hauptpostamt — Fach. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift Wien. - . ■■■= .=» |! »rrogsprri» sür Srflrrrrkb:! Halbjährig 4 fl. — 8 jtr. | Einzelexemplare *6 kr. |[ | Für'» Ausland: i|! halb^hrig 6 jl. lOÄr. || j ganzjährig 10 „ 20 „ J! Lnzeigen: Die «mal gespaltetes! Petitzeile IS kr. j! Inhalt: Leitartikel: Die Mahnungen des Chanukafestes. — Lueger's Zukunftsträume. — Die „andere Moral". — Stanislaw von Kozmian über den Judenstaat und den Antisemitismus. — Arische Ritualmorde. — Rom's Germansirung. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Kleider machen Leute. Vergani's Ehrencomödie. Ein militärisches Urtheil über Dr. Carl Lueger. Der Wahnsinn des Blutmärchens. Verhaftung eines Congregations - Präfecten. Cassirung eines Schwurgerichtsurtheiles. Der Proceß Witte-Stöcker. Die Berichtigung des Herrn Sunmel-Schweinburg Cibenschitz. — Eingesendet. — C o r r e s p o n d e n z e n : Wien, Prag, Budapest, Neutra, Tarnopol, der Antisemitismus in Croalicn, Agram, Frankfurt am Main, Berlin, Strelitz, Duelle in Paris, Ramsgate, London, New-Pork, Upington. — Vermischtes: Wien, Baden, Olmüh, Troppau, Prag, Przemysl, Frankfurt am Main, Warschau, London. — Feuilleton: Der König der Schnorrer. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Die Mahnungen des Chanukafestes. I Der Einzelne, wie eine größere Gemeinschaft offenbaren erst im Leide die Größe, erst in der Noth die Tugend. Oft haben Nationen, haben Eroberer, die vordem von Sieg zu Sieg geschritten waren, beim ersten Mißerfolg sogleich den Muth verloren und sind jäh zusammengebrochen; Keiner hat die Probe bestanden, der nicht auch im Unglück ausrecht blieb und in der Nacht auf dem Morgen hoffte. Wir haben in jungen Jahren jenem Karthager zugejauchzt, der auf italischeln Boden den Römern entgegentrat und sie oftmals auf's Haupt schlug. Größer erschien schon dem Jüngling der römische Senat, der dem besiegten Feldherrn dafür dankte, daß er auch nach dem gefährlichsten Schlage am römischen Staate nicht verzweifelte. Als vor länger als einem Vierteljahrhundert eine große Nation unseres Erdtheiles am Boden lag, hat sie durch die äußerste, wenn auch hoffnungslose Gegenwehr ihre Ehre gerettet und jene leidenschaftlichen Männer, die scheinbar gegen alle Vernunft den Kampf fortsetzten, haben sich dennoch um ihre Nation wohlverdient gemacht, da sie bekundeten, daß die nationale Ehre ihrem Volke der höchsten Opfer werth war. So zeigt sich das Heldengeschlecht der Hasmonäer fast noch größer nach einer Niederlage, als nach einem Triumphe; gerade solcher Vorbilder hat Israel von jeher bedurft; solche Jdealgestalten haben wir auch fiir die Gegenwart nöthig, um nach Enttäuschungen, nach bitteren Erfahrungen nicht zu verzagen. Der Erfolg läßt sich sowohl im Kriege, wie in politischen Kämpfen, die oft dem Kriege gleichen, nicht voraus berechnen; es ist ein schönes und auch ein wahres Wort, daß die gerechte Sache siegt, nur vollziehen sich geschichtliche Processe nicht mit der Einfachheit eines Rechenexempels, es gilt Geduld zu haben, es gilt nicht irre zu werden am Rechte, auch wenn im Moment die Bösen triumphiren. Wie Viele geben in unseren Tagen den großen weltgeschichtlichen Proceß des Judenthums schon auf, weil einige Anzeichen sich zeigen, wir könnten ihn verlieren; statt die Anstrengungen zu verdoppeln, lassen sie schlaff die Hände sinken; sie reißen schon aus, wenn es einigen professionsmäßigen Verführern gelingt, die Menge für eine kurze Zeit zu bethören; sie haben keine Ahnung davon, daß nach jener wundersamen Ironie, die im Weltenschicksal waltet, der Sieg der Bösen oft ihre Niederlage vorbereitet; laut rufen die Verführer, die Charlatane, sie haben ein Heilmittel fiir alle Noth; und es ist oft der einzige Weg, sie zu ent-- larven, daß ihnen die Macht eingeräumt, wird für eine kurze Zeit zu schaden und dadurch ihren Unwerth zu offenbaren. Juda Makkabi ist mit einem Löwen ^verglichen worden; als solcher erscheint er uns, wenn er als Sieger ausfährt und die Feinde vor ihm zittern, aber auch wenn er unterliegt, auch der verwundete, der todte Löwe selbst ist immer noch erhabener, furchtbarer, als die „lebendigen Hunde", deren Meute die Juden verfolgte; denn der todte Mann, der sterbend für seinen Glauben mit seinem Blute gezeugt hat, wirbt für seinen Stamm, fiir seinen Glauben und schafft bei Freund und Feind die Ueberzeugung, daß es eine heilige Sache sein müsse, für die es solche Priester und solche Opfer gibt. Das ist die Stimmung jenes Psalmisten, der in dem hundertundzweiten Psalm eine düstere Schilderung _ seiner Noth uns gibt: „Schlaflos gleich ich dem Vogel, der auf dem Dache flattert", meine Tage sind wie ein schwankender Schatten, ich verdorre wie Gras" und dennoch schließt er mit dem Zuruf: „Die Kinder Deiner Knechte werden sicher wohnen und ihr Nachwuchs ist vor Dir gefestet". Das ist die Stimmung religiöser Menschen; nicht die eigene Zeit gleichsam als die Abenddämmerung. betrachten, der dann fiir das uachwachsende Geschlecht die Nacht folgen wird, sondern in der Ausdauer, mit der wir die Prüfung ertragen, in dem Muthe, mit dem wir kämpfen, in dem Bewußtsein, daß wir ungerecht leiden, die Bürgschaft finden, daß es wieder licht werden wird. Wie eitel ist doch all dies Vorausrechnen? Die größten Kriegshelden haben es anerkannt, daß trotz alles klugen Planens der Erfolg doch stets an einem Faden hänge; der verständige Staatsmann vergißt in Sorge und Hoffnung nie diesen einfachsten Satz: „Inzwischen geschieht etwas", dieses unbestimmte Etwas, das immer eintritt, kann, benützt, nützen und die Lage völlig umwandeln. Wie viele Stationen gab es auf dem Lebenswege Juda Makkabis, wo ein einfacher Mensch verzweifelnd den Kampf aufgegeben hätte. Nach so vielen Siegen hätte doch ^der jüdische Stamm wahrscheinlich erliegen müssen, wenn Antiochus Epiphanes, der Urheber des ganzen Unheils, länger gelebt und die Kräfte des ungeheueren Reiches gegen Judäa zusammengefaßt hätte. Der Tod, der Allüberwinder, war der mächtigste Bundesgenosse des Makkabäers und hat den jüdischen Siegen erst das Siegel aufgedrückt. Antiochus ärgert sich über die Siege der Juden,