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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-11-13 · 46 (13.11.1896) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
46 (13.11.1896)
Date
1896-11-13
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Sette 918 Vr. Vloch's Wochrnfchrist. Nr. 46 nicht ernähren, sondern Ihr utüfctet auch meine Deborah ernähren." „Und wenn?" „Aber Ihr seid ja nicht im Stande, eine Frau zu ernähren." „Nicht im Stande? Wer hat Euch das gesagt?" ries Jankele empört. „Ihr selbst! Als ich zuerst mit Euch befreundet ward, sagtet Ihr mir, daß Ihr blutarm wäret." „Das habe ich Euch gesagt als ein Schnorrer. Aber jetzt spreche ich zu Euch als ein Freier." „Das ist wahr", gab Manasse zu. Er vermochte den Unterschied sofort zu würdigen. „Und als ein Freier sage ich Euch, daß ich kann schnorren genug, um zwei Weiber zu ernähren." „Sagt Ihr das zu Da Costa, dem Vater, oder zu Da Costa, dem Heiratsvermittler °?" „Pst", erklang es von allen Theilen des Hauses, da der Vorhang ausging, und das Haus sich zum Zuhören anschickte. Aber Jankele stand mit dem Stück nicht mehr in Rapport; das Gespenst gruselte und die Heldin rührte ihn nicht mehr. Sein Geist war fieberhaft geschäftig, sein Einkommen zusammenzurechnen, .indem er jeden Pfennig, den er aus diese oder jene Weise erwerben konnte, zusammenschnorrte. Er zog sogar ein zerknittertes Stück Papier und einen Bleistift heraus, schob sie aber rasch wieder in die Tasche, als er Manasses Blick begegnete. „Ich habe vergessen", murmelte er entschuldigend. „Ich vergaß, daß es Sabbath ist, weil ich im Theater bin." Und er setzte seine Berechnungen im Kopse fort; das war natürlich weniger Arbeit. Als das Stück ans war, schritten die zwei Bettler in die kalte Nachtluft hinaus. „Ich habe ausgerechnet", hob Jankele eifrig im Vestibül an, „ich habe ausgerechnet, daß ich wenigstens hundertundfünfzig Pfund" — er hielt inne, um die Abschiedsverbeugung des kleinen Thürstehers zu erwidern — „hundertundfünfzig Pfund jährlich verdienen kann." „Wirklich?" sagte Manasse mit respectvollem Erstauneil. „Ja, ich habe Alles zusammengerechnet. Die Wohlthätigkeit hat zehn Quellen" — „Sowie es geschrieben steht", unterbrach ihn Manasse salbungsvoll. „Mit zehn Worten wurde die Welt geschaffen, und zzehn Generationen waren von Noah bis Abraham; zehn Prüftrngen hatte unser Vater Abraham durchzumachen; zehn Wunder wurden für unsere Vorväter in Egypten und zehn auf dem Rothen Meer gethan, und zehn Dinge wilrden am Vorabend des Sabbath im Zwielicht geschaffen. Und jetzt soll hinzugefügt werden: „Zehn gute Thaten bietet der Arme dem Reichen." Fahrt fort, Jankele." „Zuerst kommt meine Einnahme aus der Synagoge — acht Pfund. Ich gehe wöchentlich einmal hin und bekomme eine halbe Krone.*) „Ist das Alles? Unsere Synagoge gibt dreieinhalb Schillinge." „Ach", seufzte der Pole sehnsüchtig, „habe ich nicht gesagt, daß Ihr eine höhere Race seid?" „Aber das macht nur sechseinhalb Pfund aus." „Ich weiß — die andern dreißig Schillinge rechne ich für Osterbrote und Gewürz. Dann bekomme ich für Schulklopfen zehn Guineen." „Halt, halt", rief Manasse, von plötzlichen Gewissensbissen erfaßt. „Darf ich auch am Sabbath Gefchästssachen anhören?" „Gewiß, wenn sie zusammenhängen mit meiner Heirat — das ist ja ein Gebot. Eigentlich reden wir nur über das Gesetz." „Ihr habt Recht. Fahrt also fort. Aber vergeßt nicht, selbst wenn Ihr zu beweisen vermögt, daß Ihr genug zusammenschnorren könnt', um eine Frau zu ernähren, so bedeutet das nicht, daß ich mich binde, meine Einwilligung zu geben." „Ihr seid schon wie ein Vater zu mir — warum wollt Ihr nicht ein Schwiegervater sein? Nun, auf jeden Fall, Ihr werdet mir einen Schwiegervater finden", fügte er hastig hinzu, als er sah, daß Da Costa's Gesicht lvieder finster wurde. „Nein, nein, am Sabbath darf nicht von Geschäften gesprochen werden", sagte Manasse ausweichend. „Fahrt fort, Euer Einkommen aufzuzählen." „Zehn Guineen für Schnlklopfen. Ich habe zwanzig Kunden, die —" „Wartet einen Augenblick, diesen Punkt kann ich nicht durchlassen." „Warum nicht? Es ist ja wahr." „Mag sein! Aber Schulklopfen ist eine ausgesprochene A r b e i t." „Eine Arbeit?" „Nun, wenn es keine Arbeit ist, früh morgens aufzustehen und an die Thüren von zwanzig Frommen zu klopfen nnd sie zum Morgengottesdienst zu wecken, dann ist auch der christliche Glöckner ein Bettler. Nein, nein, ein Einkommen aus dieser Quelle kann ich nicht als rechtmäßig betrachten." „Aber die meisten Schnorrer sind ja Schulklopfer." „Die meisten Schnorrer find Minjanleute und Psälmenfager, eutgegnete der Spanier verächtlich. „Ich aber nenne das eine Erniedrigung. Was, für eilt Trinkgeld dem Gottesdienste beiwohnen! Für Lohn unfern Schöpfer anbeten! Ein Beten unter solchen Bedingungen heißt Arbeiten." Seine Brust schwoll vor Stolz und Verachtung. „Ich kann das nicht Arbeit nennen", protestirte der Schnorrer. „Wenn dem so wäre, könnte man ja auch sagen, daß der Vorsänger arbeitet % Dber der Prediger? Ei, ich rechne ja vierzeyn Pfund jährlich für -Mtzine Dienste als Minjanmann." , Vierzehn Pfund, so viel?", ' „Ja, seht Ihr, ich habe außer der Synagoge auch meine Privatkundeu. Wenn in einem Hause ein Trauerfall ist, können sie nicht immer zehn Freunde zum Beten znsammenbringen, und da rufen sie mich. Wie könnt Ihr das Arbeit nennen? Es ist ja nichts als Freundschaft. Und je mehr sie mir bezahlen, desto mehr Freundschaft fiihle ich für sie", fügte Jankele blinzelnd hinzu. „Außerdem gibt mir die Synagoge eine Kleinigkeit extrf«, für's Todteuansagen." In jenen primitiven Zeiten, da kein Mensch noch von einer jüdischen Zeitung träumte, wurden die täglichen Todtenlisten von einem zu Fuße gehenden Schnorrer veröffentlicht, der im Ghetto herumging und mit einer Pyx raffelte — einer kupfernen Geldbüchse mit einem Griff und einem Deckel, der mit einem Schloß versehen war. Wenn die Neugierigen dieses Todtengerafsel hörten, blieben sie stehen und fragten den Schnorrer: „Wer ist gestorben?" „So und soeben fo und so — Begräbniß an dem und dem Tage — Trauergottesdienst zu der und der Stunde", antwortete der Schnorrer, und der Fragesteller steckte fromm etwas in die „Büchs", wie sie genannt wurde. Das Eingesammelte wurde dem heiligen Verein übergeben — das heißt mit anderen Worten: dem Begräbnißverein. „Vielleicht nennt Ihr das auch arbeiten?" schloß Jankele in schüchtern herausforderndem Tone. „Natürlich, wie nennt Ihr es denn?" „Leibesbewegung. Es erhält inich gesund. Einmal sagte einer meiner Kunden (bei deni ich jede Woche eine halbe Krone schnorrte), er hätte es satt, daß ich jeden Freitag käme und sie mir abholte. Er wollte sich für sechs Pfund jährlich ansgleichen, aber ich wollte es nicht annehmen." „Aber das war ein sehr billiges Angebot, er zog nur zehn Schillinge als Interessen von seinem Gelde ab." „Daran lag mir auch nichts, aber ich wollte ein Pfund mehr für die Entziehung meiner Leibesbewegung, und das wollte er nicht zahlen; so gibt er mir noch immer;ede Woche eine halbe Krone. Manche von diesen wohlthätigen Leuten sind schrecklich geizig. Aber was ich sagen wollte: Ich trage die Büchs zumeist in den Sttaßen herum, wo meine Kunden sind. Das verbessert meine Stellung als Schnorrer." „Nein, nein, das ist eine Täuschung. Was, seid Ihr so schwachsinnig, um das zu glauben? Alle Philantropen sagen das natürlich. Aber Ihr wißt doch sicherlich, daß Schnorren und Arbeiten nie mit einander vermengt werden dürfen. Zweien Herren kann man nicht auf einmal dienen; man muß feinen Beruf wählen und dabei bleiben. (Sin Freund von mir folgte einst dem Rath der Philantropen, statt mich um den meinen zu fragen. Er besaß eines der besten Provmzgeschäfte im Königreich, war aber so schwach, in jeder Stadt auf die Vorlesungen der Gemeindevorsteher zu hören, die ihm Arbeit predigten, nnd zuletzt *) Drei Schillinge.

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