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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-10-30 · 44 (30.10.1896) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
44 (30.10.1896)
Date
1896-10-30
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nr. 44 Br. Vloch's Wochenlrtzrifl „Um Euch iu seinen Augen zu erhöhen. Woher sollte er wissen, daß wir uns gezankt hatten? Er würde gedacht haben, daß Ihr unhöflich gegen Euren Gast seid." „Das ist Alles sehr schöil, aber warum habt Ihr meine Kleider verkauft?" „Ihr habt doch nicht erwartet, daß ich sie tragen würde? Nein, ich kenne meine Stellung, Gott sei Dank." „Was sagt Ihr da, Herr Da Costa?" fragte die Wirthin. „Oh, wir sprachen von Don Mendoza", antwortete Grobstock mit geläufiger Zunge. „Wir sind neugierig, ob er Dick Humphreys in Doneaster schlagen wird." „Oh, Joses, hast Du von Don Mendoza beim gestrigen Souper nicht genug gehabt?" ries seine Frau protestirend. „Ueber solche Gegenstände Pflege ich nie zn sprechen", sagte der Schnorrer, indem er seinen Wirth mit einem vorwurfsvollen Blick betrachtete. Grobstock stieß ihn verzweifelt mit dem Fuße unter dem Tische an. Er wußte, daß er dem König der Schnorrer seine Seele verkaufte, war aber zn schlapp, um dem Moment entgegenzutreten. „Nein, Da Costa thut es gewöhnlich nicht", gab er zu, „da aber- Don Mendoza ein Portugiese ist, fragte ich ihn zufällig, ob er je in der Synagoge zu sehen wäre." „Wenn es nach mir ginge", brummte Da Costa, „würde er in den Bann gethan werden. Ein Boxer, ein Zerstörer von Gottes Ebenbild!" „Bei Gott, nein", rief Grobstock aufgeregt. „Wenn Ihr gesehen hättet, wie er seinen Gegner in sünfunddreißig Minuten —" „Joses, Josef, erinnere Dich, daß es Sabbath ist", rief Frau Grobstock. „Ich möchte unseren Don Mendoza gern siir Euern David Lewy anstauschen", sagte Da Costa streng. David Lewy war die literarische Zierde des Ghetto, ein Schuhmacher und Huterer, der hebräische Philologie und die Musen pflegte und in Bertheidigung jeines Glaubens eine Lanze mit Dr. Priestley, dem Entdecker des Oxygens, und Tom Payne, dem Entdecker der Bernnnft, gebrochen hatte. „Pah, David Lewy, der verrückte Hntmacher!" rief Grobstock. „Er schlägt aus seinen Büchern gar nichts heraus." „Ihr solltet auf mehrere Exemplare subscribiren", entgegnete Mauasse. „Ja, wenn Ihr sie schreiben würdet", entgegnete Grobstock mit einer Grimasse. „Ich habe sechs Exemplare seiner ^län^nn Sacra“ und ein Dutzend Exemplare von seiner Pentateuchübersetzung", erklärte Manasfe'mit Würde. „Ja, Ihr könnt es erschwingen", höhnte Grobstock mit grimmigem Humor. „Ich muß mir mein Geld verdienen." „Trotzdem ist es sehr gut von Herrn Da Costa", fiel die Wirthin ein. „Wie viele Leute, die für großen Reichthnm geboren sind, verhalten sich gegen Gelehrsamkeit ganz gleichgiltig." „Richtig, höchst richtig", sagte da Costa, „die Meisten sind A m razi m. *)" , Nach dem Abendgebet stimmte er, von Jankele unterstützt, fröhlich den hebräischen Segensspruch an, und ehe er sich entfernte, sagte er zu 'der Wirthin: „Möge der Herr Euch mit Kindern segnen?" „Ich danke Euch", antwortete sie sehr bewegt. „Es wäre mir sehr angenehm, wenn Ihr mir die Hand Eurer Tochter anvertranen würdet, falls Ihr eine hättet." .„Ihr seid sehr liebenswürdig", murmelte sie, aber der Ausruf ihres Gatten übertönte ihre Worte: „Die Hand meiner Tochter — Euch!" „Gewiß, wer bewegt sich in besseren Kreisen, als ich? _ Wer würde so leicht im Stande sein, eine passende Partie für sie zu finden?" „Oh, in diesem Sinne", sagte Grobstock in einer Hinsicht besänftigt, in der anderen gereizt. „In welchem Sinne sonst? Ihr glaubt doch nicht, daß ich, ein Sephardi, sie selbst haben wollte?" „Meine Tochter braucht Euern Beistand nicht", antwortete Grobstock kurz. „Noch nicht", stimmte Manasse zu, indem er sich erhob. „Aber wo werdet Ihr, wenn die Zeit kommt, einen besseren Heiratsvermittler finden? Ich habe bei der Berheiratung der *) Ignoranten. Seite 883 Töchter größerer Männer als Ihr es seid die Hand im Spiele gehabt. Seht Ihr, wenn ich ein Mädchen oder einen jungen Mann empfehle, so kenne ich sie nicht blos oberflächlich, ich habe sie in der Vertraulichkeit ihres Hauses gesehen — vor Allem bin ich im Stande zu sagen, ob sie einen guten, wohlthütigen Charakter haben. Guten Sabbath!" „Guten Sabbath!" murmelte der Wirth und die Wirthin, Abschied nehmend. Frau Grobstock dachte bei sich, daß er ihr trotz aller seiner großen Bekanntschaften die Hand hätte reichen können. „Hier geht es hinaus, Jankele", sagte Manasse, indem er ihm die Thür zeigte. „Ich freue mich wirklich, daß Ihr kommen konntet — Ihr müßt wiederkommen." IU. C a p i t e l. Zeigt, w i e Sein e M a j e st ä t i n's T h e a t e r g i n g und gefreit w a r d. Während Manasse der Große, erster Bettler von Europa, in Begleitung seines polnischen Parasiten durch Grodmansfields schleuderte, und Beide in heiterer Ruhe das von dem Schatzmeister der großen Synagoge, Josef Grobstock, beigestellte Abendbrot verdauten, zerriß plötzlich eine kriegerische Musik die stille Abendlnft und ließ die Pulse der Schnorrer höher schlagen. . Aus dein Platze trat ein Trupp Recrnten in der malerischen weißen Uniform hervor, gegen die sich die berittenen Officiere in ihren blanen Mänteln und Beinkleidern mit rothen Streifen artig abhoben. „Ah", sagte Da Costa mit schwellender Brust, „dort gehen meine Soldaten." „Eure Soldaten?" rief Jankele erstaunt. „Ja, seht Ihr nicht, daß sie in das indische Haus in Leadenhall Street znrückkehren*)?" „Nu und wenn?" sagte Jankele achselzuckend und die Handflächen ansstreckend. „Und wenn! Ihr habt doch gewiß nicht vergessen, daß der Tölpel, in dessen Haus ich Euch eben bewirthete, ein Director der ostindischen Compagnie ist, deren Soldaten diese dort find." „Oh", sagte Jankele, und sein mystificirter Gesichtsausdruck machte einem Lächeln Platz. Das Lächeln verschwand bei dem strengen Blick des Spaniers; er beeilte sich, seine Belustigung zu verbergen. Jankele war von Natur aus ein Hanswurst, und es kostete ihn große Mühe, seinen Gönner so ernsthaft zu nehmen, wie dieser Potentat sich selbst nahm. Vielleicht hätte Manasse Bneno Bazillai Azevedo Da Costa weniger Macht gehabt, wenn er mehr Humor gehabt hätte. Die Männer der That sind auf einem Auge blind. Cäsar würde nicht gekommen sein und gesiegt haben, wenn er wirklich gesehen hätte. Der Gönner, von dem flüchtigen Blinzeln im Auge des Schützlings verletzt, ging schweigend in gleichem Schritt mit der Militärmusik weiter. „Es ist ein scheuer Abend", bemerkte Jankele zerknirscht. Die Worte waren seinen Lippen kaum entfahren, als er sich bewußt ward, daß er die Wahrheit gesprochen hatte. Der Mond guckte hinter einer weißen Wolke hervor, die Luft war mild, Schatten von Lanb lagen quer über dem Weg, und die Musik spielte ein Lied von Liebe und Tapferkeit. Jankele mußte plötzlich an Da Cofta's liebliche Tochter denken; ihr Gesicht schwebte im Mondenschein. Manasse zuckte nnbesänstigt die Achseln. „Wenn man gut zu Abend gegessen hat, ist es immer ein schöner Abend", sagte er ärgerlich. Es war, als hätte die Wolke den Mond überzogen, und ein dichter Schleier fiel über das Gesicht von Da Cofta's lieblicher Tochter. Aber Jankele faßte sich rasch. „Ach ja", sagte er, „der heutige Abend ist durch Euch wirklich schön für mich geworden." Der König der Schnorrer winkte abwehrend mit seinem Stabe. „Es ist immer ein schener Abend für mich, wenn ich mit Euch beisammen bin", fügte Jankele unverzagt hinzu. ivlgi). * Das Haus der oftindischen Compagnie in London.

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