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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-10-23 · 43 (23.10.1896) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
43 (23.10.1896)
Date
1896-10-23
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 43 Dr. Vloch's Wochenschrift Seite 859 kammersitzung des Landgerichtes zn Hagen «über welche wir seinerzeit ausführlich berichteten) wurde der Vorstand des „Deutschsocialen Reformvereins", vertreten durch Berwaltnngssecretär Steinbeck und Kaustnann B e ck m a n n, wegen Beleidigung zu je 50 Mark Geldstrafe verurtheilt. Gegen dieses Urtheil legten die Verurtheilten Revision beim Reichsgerichte ein. Letzteres hat nun das vorinstanzliche Urtheil b e st ä t i g t und sich in allen Punkten den Ansichten des Vorderrichters angeschlossen. Aus der Begründung des Urtheils ist hervorzuheben, daß auch das Reichsgericht eine Beleidigung der jüdischen Geschäftsleute Hägens für vorliegend erachtet, da aus der Fassung des Flugblattes hervorgehe, daß speciell die Hagener Inden getroffen werden sollten. Ans Grund dieses Urtheils wird jedem jüdischen Kaufmanne, der sich durch Verbreitung ähnlicher Druckschriften geschädigt glaubt, das Recht zuerkannt, gegen die Herausgeber und Verbreiter klägerisch vorzugehen. Hoffentlich wird von diesem Rechte ausgiebigster Gebrauch gemacht werden. Gleiwitz, 12. October. (S p e n d e.) Die in Leipzig verstorbene, früher hier wohnhaft gewesene Frau Lina Lustig, geborene Schlesinger, hat der hiesigen Synagogengemeinde ein Capital von 100.000 Mark mit der Bestimmung vermacht, daß ans den Zinsen bedürftige, der jüdischen Religion angehörige Personen unterstützt werden. Die Stiftung soll den Namen: „Wilhelm und Lina Lustig'sche Stiftung" tragen. Gleiwitz. In der oberschlesischen Stadt Gleiwitz ist vorige Woche Sailitätsrath Freund zu Grabe getragen worden. Im Jahre 1823 zu N e u - B e r u " als 'Föhn unbemittelter Eltern geboren, wurde er im Jahre 18'U . uer Breslauer Universität zum Doetor der Medicin promyvirt. Bald daraus ließ er sich in Gleiwitz nieder, wo er fei: It; 'nschensreundlichen Berus bis zu seinem Tode ausgeübt hat. ... und arm betrat er die Stadt, in der er es durch unermüdliche Thätigkeit, durch glänzende Begabung, durch hervorragendes Wissen zu cp' §em Einfluß, unbestrittenem Ansehen und allgemeiner Beliebtheit gebracht, die ihn durch die Verleihung der höchsten communalen Würden und Ehren geehrt at. Als Gleiwitzer Ehrenbürger, Stadtvervrdnetenvertreter, Krankenhausdirector ist Sanitätsrath Freund gestorben. In ihm beweint die Stadt Gleiwitz einen ihrer besten Bürger, der sein ganzes Leben hindurch ein segensreiches Wirken zu ihrem Wohl und Gedeihen entfaltet hat. An seinem Grabe trauern die Armen der Stadt; denn er war ein wohlthätiger Mensch, der Gutes that — ganz in der Stille — des Wohlthuns halber, aus aufrichtiger Herzensgüte. Sanitätsrath Freund war ein wirklich guter Mensch — kann einem Verstorbenen etwas Rühmenswertheres nach gesagt werden? Coethen (Anhalt). Wohl wenige jüdische Gemeinden dürsten sich eines solchen friedlichen Zusammenlebens rühmen können wie die hiesige, nicht nur in Hinsicht des Cultus, sondern auch in geselliger Beziehung. Unser Gottesdienst in der vor circa 5 Jahren neu erbauten Synagoge ist der Zeit angemessen geregelt und erbauend, was sich durch den starken Besuch an den hohen Feiertagen, wo kein Gemeindemitglied fehlte, documentirt hat. Dies Alles haben wir in erster Linie unserem nun schon 27 Jahre im Amte stehenden ersten Vorsteher Cvmmercienrath M a y e r zu danken, der es in seiner langjährigen Thätigkeit, verstanden hat, nicht nur die Interessen der Gemeinde zu wahren, sondern auch die Gemeinde nach Außen hin würdig zu vertreten. Wie sehr es unserem ersten Vorsteher Commercienrath Meyer daran gelegen ist, die Gemeinde zusammenzuhalten und das Interesse für das Jndenthum nicht erlahmen zu lassen, beweist er dadurch, daß er sich trotz seines Alters und trotz seiner geschäftlichen Thätigkeit der Mühe unterzieht, Vorträge im Vereine für jüdische Geschichte und Literatur zu halten; so hat er auch in diesem Jahre den Reigen mit einem Vortrage über Lessing's „Nathan der Weise" eröffnet und werden nun weitere Vorträge vom Herrn Rabbiner Dr. S e l i g k w i tz und anderen Gemeindemitgliedern folgen. Paris. Den berüchtigten Compagnon D r u m o n t's, den Abbe Henri Dösportes, hat endlich die längsterwartete Nemesis ereilt; dieser Sittenrichter des Jndenthums, welcher in seinen Pamphleten „Le mystere du sang:1*, „Tue par les juifs1* unter Anderem die wahnwitzige Beschuldigung des „Ritualmordes" und anderer verbrecherischer Neigungen gegen Juden und Judenthum immer wieder zu erheben sich erfrechte, ist als ganz gemeiner Betrüger entlarvt und, steckbrieflich verfolgt, im Eisenbabnzuge verhaftet worden. Der Biedermann hatte seine Publicationen „gegründet" und die Antheilscheine, die auch nicht einen Pfennig werth sind, Leuten von der Art, die nicht alle wird, ansgeschwatzt. Als ihm der Boden unter den Füßen zn heiß wurde, suchte er zu entfliehen, wurde aber nahe der Grenze erwischt und ist bereits auf dem Wege nach Mazas. Wieder Einer! Paris. Die einleitenden Schritte zur Errichtung einer palästinensischen Bank sind hier geschehen. Diese wird ihre Thätigkeit daraus erstrecken, kleinen Grundbesitzern aus ihre Bodenerzeugnisse Darlehen zn gewähren. Einige jüdische Pariser Banguiers haben dem Unternehmen ihre Unterstützung zugesagt. Das Capital, für welches öffentliche Subscriptivnen eingeleitet werden, wird 500.000 Francs betragen. Petersburg. (Religiöse Duldsamkeit des Czaren). Der Czar hat aus eigenen Mitteln zur Erinnerung an die Geburt seiner Tochter, der Großherzogin Olga, eine Volksschule errichtet, über welche die Czarin das Prvtectorat übernommen hat. Die „Osstcial Gazette" hat nun die Statuten der Schule veröffentlicht; einige Paragraphe davon sind von ungewöhnlichem Interesse für die Inden. Wir theilen drei Paragraphe der Statnten mit: 3. P a r a g r a p h. Es werden Kinder beiderlei Geschlechts ohne Unterschied des Glaubens ausgenommen. 16. Paragraph. Kinder/ die nicht dem orthodoxen Glauben augehören, sollen von Vertretern ihrer eigenen Religion unterrichtet werden. 31. Paragraph. Kinder, die nicht dem orthodoxen Glauben angehören, sollen ihre religiösen Pflichten nach Maßgabe der Vorschriften ihrer eigenen Religion erfüllen. Genf, im October. Der ausgezeichnete Physiologe Professor Dr. Moritz Schiff, dessen Tod wir bereits gemeldet, war ein Frankfurter von Geburt. Seine Studienzeit siel in die ersten Vierziger-Jahre, also in die Epoche der großen grundlegenden Entdeckungen Johannes Müller's iu Berlin und Magendies' in Paris. Schiss war ein Zögling des berühmten Senkenbergischen Instituts; hier erhielt er seine zoologische Ausbildung, die er später in Paris vervollständigte. Magendies' Einfluß bestimmte den jungen geistvollen Gelehrten, sich ausschließlich mit physiologischen Arbeiten zu beschäftigen. Den ruhigen Gang seiner wissenschaftlichen Untersuchungen unterbrachen die politischen Stürme des Jahres 1848. Er trat als Arzt in das badische Revolutionsheer ein. Als er nach dem unglücklichen Ende dieser Episode wieder seine wissenschaftliche Laufbahn anfnehmen wollte und sich bei der Universität Göttingen zur Privatdvcentur meldete, da verweigerte ihm die hannoversche Regierung den Eintritt in den Lehrkörper dieser berühmten Hochschule, im Hinblick ans seine revolutionäre Vergangenheit. Inzwischen war der schweizerische Studienrath ans den hochbegabten jungen Forscher aufmerksam geworden, und er übertrug ihm die Professur für vergleichende Anatomie an der Berner Hochschule, an welcher er von 1854 bis 1863 lehrte. In diese Zeit fallen Schiffs' aufsehenerregende Arbeiten aus dem Gebiete der Nerven- und Muskelphysiologie und seine classischeu Untersuchungen über die Znckerbildung in der Leber. Als dann später der Lehrstuhl ber Physiologie in Florenz besetzt werden sollte, da wurde der deutsche Gelehrte in die Medicäerstadt berufen, wo er bis zum Jahre 1876 seines Amtes waltete. Er gehörte zu den gefeiertsten Lehrern der Physiologie in Italien. Schließlich folgte er einem sehr ehrenvollen Ruse an die Genfer Hochschule, der er bis zu seinem Lebensende angehörte. Mit Moleschott und Valentin trug Schiff am meisten dazu bei, die neue exacte Forschungsmethode, welche hauptsächlich durch Johannes Müller ausgebildet worden war, aus die schweizerischen und italienischen Hochschulen zu übertragen. Wenn er auch durch die äußeren Verhältnisse gezwungen war, dem Vaterlande den Rücken zu kehren, so hat er dennoch seinen Theil dazu beigetragen, den deutschen Namen im Aus lande, namentlich in Italien, zu hohen Ehren zu bringen. Bis in sein Greisenalter hinein — Schiss ist 73 Jahre alt geworden — hat er sich die freiheitlichen Gesinnungen seiner Jugend treu erhalten. Er war ein Mensch, das heißt ein Kämpfer sein. London. Fräulein Giulia Marwick, die Ichlvester der verstorbenen Alexandra Ehrenberg, ist zur Professorin für Gesang an der Gnildhall Musikschule ernannt worden. Der ausgezeichnete Reisende Mr. Ney Elias, Generalconsul für Großbritannien in Meshed, wird nach einer Dienstzeit von 22 Jahren in der indischen Regierung seinen Abschied nehmen. Er war früher politischer Geschäftsträger in Beludschistan. Er ist Besitzer der goldenen Medaille der Geographischen Gesellschaft.

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