Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 31 (31.7.1896)
- Date
- 1896-07-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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«r. 31. Dr. Bloch’s Jahrgang XilL Centralorgsn für die gesammten Interessen des Iudenthums. -R L. k Poltsp«rrslkPn-Ilmi Clearingverkehr Nr. 810.976. Lrdrclion und Administrallon: Wien ., nlere T NKarteriNratze I»!) Telephon - Kr. 6S3S Wien. 31. Juli 1896. -n Erscheint jeden Freitag. Brief-Adresse; Wien, I., Hauptpostamt — Fach. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift Wien. »rrug«Prrt» für Srsterrrtrü: Halbjährig 4 fl. — 8 Jfr. Einzelexemplare Sft fr. Für'» Ausland: halb'Ihrig 5 jl. 10 Ar.!| ganzjährig 10 „ 20 „ IjRnjeiaen: Die 4mal gespaltete!• Petitzeile 12 fr. ' jj *- Inhalt. Leitartikel: 0 näs a pro näs. — Der Kropf des eisernen Mannes. — Flora Gaß, die Racenbewußle. — Tie Verjudung ber Socialdemokratie. — Zur Lage in Mähren. — Ueber die Statuten der galizischen Cnltnsgemeinden. — B o in Jahrmarkt des Lebens: Der verjudete Geßinann. Jüdische Soldaten. Leipzig. Der Geßmann-Marsch. Der Schlafgenosse des Rabbiners. — Beitrag zur Geschichte der russischen Juden. — Die jüdische Moderne. — C o r r e s p o n d e n z e n : Wien, Die blonde Bestie, lieber unsere letzte Beschlagnahme, Graz, Prag, Groß-Kauizsa, Wiener-Neustadt, Berlin, London, Italien, Sydney. — B e rmischte s: Wien, Rossitz, Ooerhollabrnnn, Saoz,Karlsbad,Bann, Prag, Preßburg, Proßnitz, Nicolsburg, Retz, Hohenelbe, Lemberg. — Feuilleton: Kinder des Ghetto. — Literatur. — Briefkasten. — Inhalt der Beilage: Statut dir israelitischen Cultusgemeinde in Wien. — Die Alliance Israälite Universelle. — Rachel. 0 näs a pro näs. Von Hofrath Prof. Dr. Alois Zucker. Der Antisemitismus tritt in ein neues Stadium seiner Entwicklung. Er soll jetzt nach Art der Wissenschaft gründlich durchdacht als logische Nothwendigkeit sich darstellen. Die hervorragendste, oder doch wenigstens die gewichtigste deutsche Zeitschrift „Preußische Jahrbücher" intonirt bereits in einigen Nummern eine neue Melodie zu dem alten Lied. P. Arthur Bonn s, der sich „Pastor von Groß-Mukrov in der Lausitz" nennt, veröffentlicht acht ersonnene Briefe, die er „einer Jüdin" schreibt, in denen er sein Programm entwickelt — ein Programm, hinter welchem der gebildetste Theil der modernen denlschen Antisemiten steht. Es ist dies ein belehrender Artikel, den zu lesen ich allen Denen empfehlen möchte, welche bezüglich der Bedeutung dieser häßlichen Bewegung sich noch immer einem optimistischen Zweifel hingeben. Ein wahrer Schauer erfaßt den denkenden und zugleich fühlenden Menschen, wenn er liest, wie ihn der Herr Pater versichert: „Ich stimme mit Euch überein — in den Sympathien für ein Volk, dessen edle Anlagen in so brutaler Weise unterdrückt wurden" — daß er der jüdischen Frau, der er schreibt, Recht gibt, „es sei der Antisemitismus eine rohe, durch und durch schlechte, aus den niedrigsten Motiven hervorgegangene, verthierte Bewegung" und daß er dann dennoch seine Betrachtung damit endigt, indem er die Juden beschwört, sie mögen doch ja alle mit einem Schlage ihre Kinder taufen lassen, — allerdings müßte es das lutheranische Christenthum sein, denn nur dies ist für Deutsche das allein seligmachende. Wie viel Schlechtigkeit, wie viel Fanatismus bergen diese glatten Worte des gelehrten Herrn Pastor, der übrigens in seinen! nationalen Dünkel den romanischen und auch slavischen Stämmen die Fähigkeit, das wahre Christenthum zu erfassen, einfach abspricht. Nichts ist im Stande, mehr Abscheu hervorzurufen, als gerade eine solche national-pietistische Sprache; die gröbsten Anwürfe und Beschimpfungen erträgt der Mensch viel leichter, als gelehrte, scheinbar von Humanität übersprudelnde Phrasen, die in Wahrheit die Vernichtung und Ausrottung des Judenthums mit allem Nachdruck unerbittlich fordern *! Aus dem Kalendäf cesko zidovsky des Jahres 1896/97. Ins Deutsche übersetzt von Dr. B. Diesen Theorien ist ein kleines Unglück widerfahren; es läßt sich nämlich durch Zeugen, die noch leben, ihre ganze Verlogenheit Nachweisen. Der historische Ursprung des modernen deutschen Antisemitismus ist einzig und allein in den deutschen Siegen des Jahres 1870 zu suchen — hiefür können Millionen noch Lebender Zeugenschaft geben. Ohne dieses Ereigniß gäbe es keinen Antisemitismus überhaupt und insbesondere keinen deutschen Autisemitisinus. Dieses historische Factum läßt sich weder durch gelehrte Phrasen, noch durch künstliche ethnographische Zusammenstellungen umstoßen, und dies umsoweniger, als diese Erscheinung nur eine bloße Wiederholung ist. Gerade so wie die Juden für ihre heroischen Kämpfe gegen die Franzosen in den Jahren 1813 bis 1815, für ihre Aufopferung als Dank den Racenantisemitismns ernteten, der erst im Jahre 1848 endete, gerade so dankt ihnen mit derselben Bewegung das deutsche Volk ihre gewiß nicht geringere Aufopferung für das Jahr 1870. Sicherlich kennen viele der geehrten Leser das historische Bild, welches die Feier des Jom-Kipur des Jahres 1870 vor Metz darstellt; ein jüdischer Maler sollte nun ein Bild davon entwerfen, wie sich der großmüthige deutsche Sieger seinen Helfern dasiir dankbar zeigt. Vielleicht könnte er sich dabei an jenen polnischen Maler anlehnen, der neben den Heldeuthateu des V. Posnifchen Regimentes gleich auch die Belohnung darstellt, die jenen Helden zu Theil wurde. Also das Selbstbewnßtsein des Ziegers der Jahre 1870,71 und nichts Anderes sonst hat den Antisemitismus geschaffen; ein jeder Versuch einer anderen Auslegung ist eine bewußte Lüge. Daß andere Völker und Staaten den Antisemitismus ausgenommen haben, ja daß derselbe sogar in das von den Deutschen bezwungene Frankreich Eingang gefunden, auch das ist nur eine natürliche Folge. Sclavische Gesinnung ist eS, die sich jeder Selbstkritik begibt, die sie veranlaßt, dem Sieger Alles, womöglich selbst seine Handlungen nach Affenart nachzuahmen. Der Sieg der Deutschen im Jahre 1870 über den unerhörten Leichtsinn der Franzosen hat den Ersteren ein moralisches Uebergewicht auf unabsehbare Zeit gesichert, und so lange dieses Uebergewicht dauert, wird sich der Antisemitismus auch unter solchen Völkern Bahn brechen, die durchaus keinen Grund haben, die Ereignisse der Jahre 1866 und 1870 71 durch Bedrückung und Beschimpfung der Juden mitzufeiern, welche glauben, dem Deutschthum zu widerstehen, aber gerade damit beweisen, daß sie bereits dem Einflüsse der deutschen Theorien verfallen find.