Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-07-03 · 27 (3.7.1896) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
27 (3.7.1896)
Date
1896-07-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021115-3021143--05755-3030006
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 526 Vr Vloch's Wochrnschrtst. Nr. zehn der bisher deutschvertretenen Wahlkreise bald den Slaven znfallen werden. Dazu bedeutungsvolle Stadtvertretungeu, wohl auch eine und die andere Handelskammer. Zehn Mandate! Dazu 72 Mandate der neu creirten Wähler, welchen voraussichtlich das Deutschthum nicht einmal die letzte Sorge sein wird; dazu die Deutschconservativen, die nicht nur das Deutschthum kalt behandeln, sondern jederzeit bereit sind, für irgend eine Concession es an den eisernen Ring zu verschachern. Wie verhält sich nun zu solchem klaren Einmaleins der erste Programmpunkt der deutschen Volkspartei? Nicht nur, daß die deutsche Volkspartei vor deutschnationalen Interessen jedes andere innerpolitische Interesse offenbar nicht zurückdrängt, bekunden sich in den angeschlossenen Programmpunkten die Deutschnationalen als die schmählichsten V e r r ä t h e r des Deutschthums, als solche, die, um mit Dr. Carl Lueger zu reden, das Deutschthum in Oesterreich in einem Techtelmechtel mit den Clericalen hinterlistig verkauften. Der erste Programmpunkt ist eine elende Verlogenheit, ein Deckmantel vor den Augen des Volkes, damit man nicht sehe, wohin das deutsche Volk von Herrn Steinwender und Consorten, von der deutschen Volkspartei, geführt werden soll. Wer das ist noch nicht Alles. Wie, wenn alle Juden in slavischen Kronländern, auf's Aeußerste gereizt, sich beifallen ileßen, sich zum Czechenthum zu bekennen, für ihre Kinder böhmische Schulen zu verlangen, die deutschnationalen antisemitischen Lehrer zu decimiren und dafür czechische Lehrer zu verpflanzen? Sie mögen es verlangen, die Regierung wird ihnen nicht nachgeben. Denen wohl nicht, aber der 6 Millionen-Nation, die sich der Sache sofort krast- und eifervoll annehmen würde, wohl endlich doch! Was bliebe denn der Regierung übrig? Wenn sich die Deutschen so gegenseitig auffressen, muß sie sich zuletzt doch nur auf Polen und Czechen stützen. So könnte es auch in Brünn, in Jglau, in allen Städten geschehen und der schöne Traum von einem „geschlossenen deutschen Sprachgebiete" wäre ausgeträumt. Heute schlagen die Deutschnationalen da auf die Juden, wo sie nicht die Entscheidung zwischen Deutschen und Slaven in der Hand haben, aber die Verfolgung ist ein gewaltiger Hammerschlaq, welcher die Solidarität allerorten stählt. Doch, wird man meinen, diese Gefahr bestehe nicht. Die Juden können ja nicht darauf verzichten, ihre Kinder deutsch unterrichten zu lassen; ihr Gewerbe, Handel und Weltverkehr verweisen sie ja darauf. Ganz richtig! Sie werden ihre Kinder auch unter allen Umständen deutsch bilden lassen, wie es ja auch seitens der czechischen, polnischen, ja ungarischen Juden schon jetzt geschieht. Ueberall wird da auch das Deutsche neben der nationalen Schule in den freien Stunden gepflegt. Das ist ja eben die traurige Aussicht der Deutschnationalen. Die Juden dürften politisch zu den Slaven und in der Concurrenz gegen die Deutschen einst Stellung nehmen müssen. Wer wofür verräth die deutsche Volkspartei, wofür verkauft sie das hochheilige Ideal der eigenen Nationalität, das Deutschthum? Das ist die dunkle bedeutungsvolle Frage. Zur bloßen Befriedigung des reinen Judenhasses geschieht es nicht. Denn der Judenhaß an und für sich hat überhaupt keinen Sinn; er kann nur als Mittel zu einem bestimmten Zweck begriffen werden. Dieser Zweck aber kann kein anderer sein, es liegt uns auch genug Material bereits vor, um es zu beweisen zu können — Äs die Vorherrschaft der Reaction. Unter Reaction verstehen wir aber keineswegs die katholische Religion oder auch nur die katholischen Priester, sondern jene unduldsame herrschsüchtige, grausame Reaction, welche Staaten zertrümmert,Wohlstand vernichtet, Krieg entfesselt, Schwefel und Pech regnen lassen möchte, bis dem menschlichen Geiste keine fteie Regung, der Wahrheit keine Forschung, der Wissenschaft kein Spielraum, den Lebenszielen kein Fortschritt, dem Wohlstand keine Hoffnung, der Menschheit keine Liebe mehr bliebe — sondern nur ein einziges allbeherrschendes R o m in jesuitischer Fassung. Die Heeresmassen der Reaction ziehen im vierfachen Aufmärsche von allen vier Seiten gegen den freien Geist der Menschheit heran — das sind die C l e r i c a l e n, die katholische Bol kspartei, die Christlich-Socialen und die Deutsche Volkspartei. Alle haben sie einen inneren Zusammenhang, haben ein Techtelmechtel mit einander. Zunächst empfiehlt sich den Menschensreunden unermüdliche Beleuchtung des geschilderten Programmes tausendmal, millionenmal immer wieder, bis es endlich klar wäre, unermüdliche Aufklärung im Umgänge, im Handels- und Berufsverkehre, beim Glase Bier, in den Waggons, in Gesellschaft, in Büchern, Gedichten, Liedern, Tragödien, Comödien, all überall, wo sich nur Gelegenheit bietet. Ein längerer, aber durchaus nicht aussichtsloser Weg! Aber auch Thaten müßten geschehen; gegen Petroleusen müßten auch Petroleusen aufgeführt werden. Wie haben die Antisemiten Wien erobert? Man schäme sich nur nicht, zunächst durch einen Wahlfond. Im Parlamente wurde es offen ausgesprochen, daß auch der Erzbischof gezwungen wurde, Geld dazu herzugeben. Mit dem Gelde wurden wohl nicht Stimmen gekauft, das wäre strafbar; aber handfeste und lungenstarke Agitatoren, auch Freibiere bezahlt, welche stark besuchte, dichtgedrängte antisemitische Versammlungen sicherten und jede liberale Versammlung zu beunruhigen oder gar zu sprengen verstanden. Die Juden und Liberalen, welche doch nicht so ohneweiters zum alten Eisen werden geworfen sein wollen, hätten nun desgleichen für einen ausgiebigen Wahlfond zu sorgen. Dieser aber sollte keineswegs an Wien verschwendet werden. Wien ist bereits zu tief gesunkeir, muß vorläufig seinem antisemitischen Schicksal überlassen bleiben. Aber in der Provinz ist das Publicum leichter zu überschauen, da wären allerorten redegewandte, breitschulterige, unermüdliche Agitatoren so zu belohnen, daß sie mit Eifer einen stets bereiten brüllfähigen Chor zu dirigiren wüßten, die jede volksfeindliche deutschverrätherische antisemitische Versammlung zu sprengen zu Hintertreiben mächtig genug wären und offene Ohren, freies Feld für volksfteundliche Aufklärer zu bieten verstünden. Man schrecke vor keinem noch so antisemitisch verseuchten Orte zurück. Wien hat gezeigt, wie schnell das wandeln kann, und in jedem Orte werden sich Helden finden, die es an genialer Verwegenheit einem Dr. Carl Lueger gleichthun können. Die Regierung dürfte es gerne sehen, denn so religiös gesinnt sie auch sein möge, so würde sie sich doch etwas freier und in Erfüllung ihrer staatlichen Pflichten etwas weniger behindert fühlen, wenn die vier Lager der politischen Clericalen irgend eine kleine Niederlage sich holen sollten. Arischer Wucher in England. Soeben ist im Verlage von Duncker und Humblot in Leipzig der erste Band der berühmten „Englischen Wirtschaftsgeschichte" von Professor W. I. Ashley erschienen, in dem sich auch ein interessantes Capitel über den Wucher der Cahorsiner befindet (Bd. I, S. 199 ff.). Es beweist von Neuem, daß der Wucher gut arischer Leute dem der Juden im Mittelalter nichts nachgab. Professor Ashley schreibt: „Nach der vermuthlich zu Anfang des 12. Jahrhunderts zusammengestellten, mit dem Namen „Gesetze Eduards des Bekenners" bezeichnten Sammlung soll Eduard als Strafe für den Wucher Geldbußen und Aechtung angeordnet haben: „Der König pflegte zu sagen: er habe während seines Aufenthaltes am Hofe des Königs von Frankreich gehört, daß der Wucher die Wurzel alles Nebels sei". Mit dem Entstehen geistlicher Gerichte wurden indeß Fälle, in denen es sich um Wucher handelte, der weltlichen Gerichtsbarkeit entzogen. Der ums Jahr 1178 schreibende Verfasser des Dialogus de scaceario unterläßt nicht, darauf hinzuweisen, daß der König über einen wucherischen Geistlichen oder christlichen Laien bei dessen Lebzeiten keine Gewalt habe, sondern daß die Bestrafung des letzteren, je nach seinem Range, den geistlichen Gerichtshöfen Vorbehalten sei." Nach seinem Tode dagegen sollte, sofern er nicht nach Gebühr bereut, das heißt durch seinen letzten Willen verfügt hatte, daß denen, von welchen er seinen ungerechten Gewinn genommen, Ersatz zu leisten sei — seine Habe dem König verfallen. Diese Vereinbarung zwischen den geistlichen und den weltlichen Gerichtshöfen wurde durch eine Verordnung vom Jahre 1341 bestätigt, in welcher es heißt: „Dem Könige und seinen Erben soll die Gerichtsbarkeit zustehett über Wucherer, die verstorben, und den Ordinarien der heiligen Kirche die Ge-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.