Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 24 (12.6.1896)
- Date
- 1896-06-12
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 24 Dr. Vloch's Wochenschrift. Seite 481 Abgeordneter Prinz H o h e n l o h e sagte nun heute unter Anderem: Ich meine, man sollte den Artikel (über die Detailreiseirden) g a n z st reiche it. (Lebhafte Zustimmung links.) Ich könnte auf die große Unzufriedenheit Hinweisen, die darüber in weiten Kreisen gerade des Mittelstandes herrscht. Ich erachte es für eine Pflicht jedes Volksvertreters, bei jeder Gelegenheit so oft w i e m ö glich der Tendenz e n t g e g e n z u t r e t e n, die G e w e r b e s r e i h e i t und überhaupt die B e w e g u n g s s r e i h e i t e i n z us ch r ä n k e n. (Große Bewegung. Hört! Hört! und lebhaftes Bravo! liuks.) Die immer mehr um sich greifende Tendenz, nach Einmischung des Staates z u rufe n, i st g er a d e z u e i n e K r a n k h e i t (Lebhafte Zustimmung links), die ich als Abgeordneter bekämpfen muß. (Sehr gut! links.) Es ist in einer Protestversammlung gesagt worden, mail solle das berühmte Wort Bismarck's: „Die Deutschen fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt!" auch in Bezug auf die Detailreisenden nicht vergessen. (Sehr gut! links.) Ich bitte, den Artikel 8 abzulehnen oder wenigstens alle Verbesserungen anzunehmen, die hier möglich sind. (Wiederholter lebhafter Beifall, anhaltende Bewegung rechts und im Centrum.) Leider noch viel zu gelinde fortgekommen sind die Veranstalter eines jener gesetzwidrigen antisemitischen Flugblätter, recte Schandschristen, in denen eine Anzahl Staatsbürger in den Verruf erklärt wird, denn von der Strafkammer in Hagen ist eine Entscheidung von principieller Bedeutung gefällt worden. Einige Zeit vor Weihnachten vorigen Jahres erschien dort ein von der deutsch-socialen (sagen wir lieber antisemitischen) Partei verfaßtes, auch anderwärts viel verbreitetes Flugblatt, das von Hans zu Haus verbreitet wurde. Der Inhalt des Flugblattes gipfelte darin, die Weihnachtseinkäufe nicht bei Juden zu machen, deren Geschäftsgebahren mit Lug und Trug durchsetzt sei. Vier jüdische Kaufleute fühlten sich beleidigt und stellten Strafantrag gegen zwei Mitglieder des deutsch-socialen 'Vereines. Die Strafkammer lehnte die Eröffnung des Hauptverfahrens ab, weil der Inhalt des Flugblattes sich allgemein auf die Juden, nicht speciell auf die in Hagen beziehe, und diese nicht zur Stellung des Strafantrages legitimirt seien. Das Ober-Landcsgericht ordnete hierauf die Strafverfolgung an. In der Verhandlung der Strafkammer wurde nunmehr die Stellung des Strafantrages für berechtigt erachtet, und es erfolgte die Verurtheilnng der Angeklagten zu je 50 Mark Geldstrafe. Man hätte die Betreffenden mit fühlbarer Freiheitsstrafe belegen sollen, denn derartige Flugblätter enthalten den Thatbestand des groben Unfugs in idealer Concurrenz mit Nöthigung. Ein energisches Vorgehen der Gerichte gegen solch ein in jeder Beziehung zu verwerfendes Gebühren thäte umsomehr noth, da die Frechheit, mit der das Jn-die-Achterklären der unbequemen jüdischen Concurrenz sich häufig zur bodenlosen Gemeinheit selbst den unfügsamen christlichen Geschäftsleuten gegenüber gestaltet. So ward, — wir wissen momentan nicht wo — ein Berzeichniß der „deutschen" (im antisemitischen Sinne christlichen) Geschäfte veröffentlicht, worauf sich eine Anzahl anständig denkender Geschäftsleute, die auch theilweise fürchteten, ihre jüdische Kundschaft würde sich verletzt fühlen, ihre Aufnahme in jener ominösen Liste verbat. Die Folge davon war, daß die betreffende „Parteileitung" jene Geschäftsleute nun durch die Drohung belästigte, nunmehr deren Namen in einer besonderen Rubrik zu veröffentlichen — das heißt, sie nunmehr ihren Gesinnungsgenossen! gegenüber zu boykvttiren. Heißt das nicht, nach Banditenart, den Leuten vor die Brust springen? London. Aus dem Leben des Baron Hirsch wird folgender interessante Vorfall berichtet. Baron Hirsch hielt sich als junger Mann einst in einer türkischen Stadt auf, in der die Cholera wüthete. Einen Abend brachte er mit österreichischen Offizieren zu, und es wurde über Mnth und Feigheit gesprochen. Das Resultat des Gespräches war eine Wette. Baron Hirsch behauptete entgegen der Aenßerung eines Officiers, er würde mit eiirem Choleraleichnam das Bett theilen, der Officier sollte die ganze Nacht in der Thüre Wache stehen. Baron Hirsch gewann die Wette. Am nächsten Morgen verließ er mit dem Officier das Haus. Sie begegneten einen der häufigen Leichenzüge, es geschah ein Unfall, der Sarg fiel zu Boden, öffnete sich, und der Leichnam eines schönen, jungen Mädchens wurde sichtbar, es war die Schwester von Baron Hirsch's Begleiter, der nicht einmal eine Ahnung davon hatte, daß seine Schwester erkrankt war. Die Erschütterung des jungen Officiers war so groß, daß er sofort zu Boden stürzte. 48 Stunden später war er der Cholera erlegen. London. (Ehrung eines I o u r n a l i st e n.) Unter Führung des Cardinals B a u g h a n hat sich eine zahlreiche, aus Parlamentsmitgliedern und Corporationsvertretern bestehende Deputation bei dem hier weilenden Herausgeber der ..New-Dork World", Mr. Joseph P ul itze r, eingefnnden, um denselben in einer Adresse die Anerkennung für die Verdienste auszusprechen, welche sich die genannte New-Aorker Zeitung um die Herbeiführung freundschaftlicher Beziehungen zwischen Großbritannien und den Vereinigten Staaten erworben hat. In seiner Ansprache an Herrn P u I i tz e r betonte der Cardinal seine Genugthuung darüber, seinen Gefühlen gegenüber den großen Friedensverdiensten Pnlitzer's Ausdruck geben zu können. Die Befürchtungen — sagte der Cardinal — die man früher gegen Demokratien gehegt, hätten sich als unbegründet erwiesen. Die beiden englisch sprechenden Reiche, die Union wie Großbritannien, zeigen die besten Dispositionen. Diese Dispositionen sind jedoch nicht ausreichend; es blieb das Bedürfniß nach einem Perm a n e n t e n Friedenstribunal zwischen den beiden stammverwandten Großmächten, um dessen Errichtung sich P u l i tz e r weitere große Verdienste erwerben könnte. Auf diese Rede und Ansprachen der Vertreter der internationalen Friedensliga antwortete P u l i tz e r mit kurzem herzlichen Wort und bat unter Hinweis auf seinen leidenden Zustand um die Erlaubniß, seine Erwiderung von seinem Sohne verlesen lassen zu dürfen. Dieselbe betont zum Schluffe, daß es ein E rfordern iß der Civilis ation sei, alle individuellen und internationalen Differenzen und Streitigkeiten nach Rechts- und Bernunftgründen und nicht mit den Waffen auszutragen. Es gibt keine Civilisation ohne Frieden und keinen dau* ernden Frieden ohne allseits anerkanntes Schiedsgericht. Zionisten an der Cambridger Universität. Die englischen Zionisten („Chovevi Zion") gewinnen an Zahl, Bedeutung und Einfluß. Ein Beweis ihrer vortrefflichen Organisation ist die Vereinszeitschrist „Palästina", und wie sehr die von ihnen vertretene Idee täglich an Verbreitung gewinnt, beweist die Nachricht, daß alle jüdischen Studenten an der Cambridger Universität, die irgendwie Namen und Einfluß haben, dem neugegründeten „Zelte" beigetreten sind. Ter Name, wohl dem alten Rufe „Zu deinen Zelten, o Israel!" entlehnt, ist sehr glücklich gewählt; er hat einen historischen volksthümlichen Klang. Mr. L. D. Barnett, ein hervorragender elastischer Philologe, ist „Befehlshaber" und Mr. O. E. D. Avigdor, der Sohn eines um die zionistische Idee hochverdienten Mannes, Secretär des Zeltes. Das Cambridger „Zelt" bedeutet für die Bewegung zu Gunsten der Colonisation Palästinas einen großen moralischen Erfolg. Bislang recrutirten sich die Anhänger dieser Idee fast ausschließlich aus den niederen Kreisen des Volkes; mit der Errichtung des Cambridger Zeltes hat die Idee ihren siegreichen Einzug in die Hallen der Reichen und Gebildeten gehalten. Kopenhagen, 1. Juni. Am 27. v. M. wurde unter zahlreicher Volksbetheiligung und im Beisein der geistiqen Elite Kopenhagens das Denkmal für den 1894 verstorbenen jüdischen Arzt und Philantropen Professor L. I. Brandes enthüllt. Vor dem städtischen Krankenhause, in welchem Professor Brandes seine segensreiche Wirksamkeit entfaltet hatte, erglänzt auf blaugrauem Marmorsockel die überlebensgroße Broncrbüste des Unvergeßlichen. Einer der anwesenden Notabeln hielt die Enthüllungsrede und hob nach Besprechung der zahlreichen Humanitären Verdienste des Gefeierten hervor, es sei das erste Mal, daß hierzulande ein Denkmal für einen Juden errichtet würde, und man könne hieran die feste Hoffnung knüpfen, daß die häßliche, culturfeindliche Bewegung, die in anderen Ländern so hoch geht, niemals Hieherdringen würde. Nach diesen Worten erhoben sich Alle und entblößten ihre Häupter, während der Schleier von der Büste siel. — Professor Brandes hatte ein warmes jüdisches Interesse und bekleidete vor Jahren die Stellung eines Repräsentanten in der hiesigen Gemeinde. 'New - Nork, im Mai. Die Sinai - Gemeinde in Chicago hat ihren Rabbiner Dr. Emil G. Hirsch vor Ablauf seiner Bertragszeit auf weitere zehn Jahre mit dem Gehalte von 12.000 Dollars wiedergewählt. Zu gleicher Zeit wurde Dr. Hirsch von der Zions- Gemeinde mit einem Gehalte von 2400 Dollars zum Rabbiner gewählt. Er predigt in der Sinai-Gemeinde am Sonntag Morgen, in der Zion-Gemeinde am Freitag Abend. Dr. Hirsch, der im städtischen Wahlkampfe erfolgreich für reine Municipalverwaitung eintrat, wurde jj von der republikanischen Partei als Wahlmann für die kommenden