Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 23 (5.6.1896)
- Date
- 1896-06-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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«r. 23 Dr. Bloch’s Jahrgang XIII Centralorgan für die gelammten Interessen des Iudenthums. S. k. PoSsparraffrn-Amt Elearkngverlrrhr Nr. «10.976. Lrd»rlton und Kdmtnillrsitvn: Wien eiulxre Vi'gsrknflrutzr l«- ' Tolaphon-Ülr. 6535. u Wien, 5. Juni 1896. Erschein» jeden Freitag. Brief-Adresse: Wien, I., Hauptpostamt — Fach. Telegramm-Adresse: Bloches Wochenschrift Wien. »r;uK»prrt» für SrstrrrHrtz: ii Halbjährig « fl. — 8 JJt. j! Einzelexemplare 85 Ir. j! Iür*a Nu»Iand: •! halb >«hrig 6 fl. 10 Str.!, »an,jährig iO „ — 20 „ [; vnzeigen: Sie «mal gef)aaltete BeNrzeile 13 fr. Inhalt. L eilartike l: „Asiaten". — Die Trauungsbefugniß der Rabbiner. — Vom goldenen Horn. — Die Freiheitskämpfe der Inden zu den Zeiten der Kaiser Trajan und Hadrian. — Beitrag zur Gescknchle der russischen Inden. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Offener Brief an Seine Excellenz den Herrn Präsidenten des Abgeordnetenhauses Baron Chlumecky. Verein zur Abwehr des Antisemitismus. Etwas über RoLnau. Gladstone über den Antisemitismus. Ein christlich-socialer Pastor als Wucherer. Zur Blutbeschuldigung in Labischin. Eine Reminiscenz. Bon Schreibtisch und Werkpatt. — Eingesendet. — C o r r e s p o n d e n z e n: Wien, Budapest, Berlin, Aus Württemberg, Paris, Von den Ufern der Newa, Neapel, Tring, Jerusalem. — Vermischtes: Wien, Sambor, Floridsdorf, Dubiecko, Wizniz, Lemberg, Beuchen, Bosnien, Bukarest. Pitesti, Smyrna, Sophia, London Paris, Buenos-Ayres. — Feuilleton: Kinder des Ghetto. — Bogumil Kwiecinski, reets Berl Blum. — Briefkasten. — Inserate. „Asiaten". In einer der letzten Sitzungen des Abgeordnetenhauses rief der. antisemitische Abgeordnete Steiner dem Abgeordneten Au spitz, als dieser bei Besprechung der Rückwirkungen der neuen Personaleinkommensteuer auf die Gemeinde Wien sich als geborener Wiener legitimirte, die Worte zu: „Sie sind ein Asiat!" Wir wissen nicht, ob der Zimmermaler Steiner mit dem Bildungsgänge des neuen Bürgermeisters S t r o b a ch, der bekanntlich ganze vier Volksschulclassen absolvirte, zu concurriren vermag; wir wissen auch nicht, wie weit der Racenantisemit Steiner seinen arischen Stammbaum zurückverfolgen kann und in welchem Maße dieser Stammbaum Racenkreuzmrgen aufweist. Die merkwürdigen Enthüllungen, welche die Herren Pacher und Geßmann vor Kurzem gegenseitig über ihre Abstammung machten, erlegen nach dieser Richtung bei allen antisemitischen Koryphäen einige Vorsicht auf. Aber immerhin darf man begründete Zweifel darüber hegen, daß Herr Steiner in die ethnographische Entwicklung des Menschengeschlechtes tief genug eingedrungen ist, um ein autoritatives Urtheil darüber abgeben zu können, wo die Grenze des Asiatenthnms anfängt und wo sie aushört. Der Vorkämpfer des Arierthums im XIX. Bezirke hat offenbar keine Ahnung davon, daß sämmtliche arischen Völker Europas ebenso aus Asien eingewandert sind, wie die nichtarischen, und daß es sich bei dem ganzen Streit um den Vorrang der Einen gegenüber den Anderen nur darum handeln kann, wer früher eingewandert ist. Asiaten, Herr Steiner, sind wir Alle, und es ändert an der Sache gar nichts, ob der eine Völkerstamm den Umweg über H o ch a s i e n genommen oder ob der andere direct aus K l e i n a s i e n an die Küsten Europas gelangt ist. Würde die asiatische Abstammung einen Makel begründen, dann müßten die Neger Jnnerafrikas, die Indianer Amerikas und die Papuas der Südsee allen arischen Völkern Europas an Adel der Race überlegen sein und jeder Hottentote oder australische Buschmann wäre mehr werth als Herr Leopold Steiner mit all' seinen eichelfressenden Vorfahren. Bleibt also nur die Frage, wer früher eingewandert ist. In diesem Punkte aber können wir die für Herrn Steiner höchst schmerzliche Thatsache nicht unterdrücken, daß an der Stelle, wo sich heute unser schönes, von Herrn Strobach so glorreich verwaltetes Wien erhebt, die Juden viel früher ansässig waren, als die Urväter unserer racenstolzesten Arier. Wiederholt haben wir bereits an der Hand unwiderleglicher geschichtlicher Zeugnisse nachgewiesen, daß die Römer bereits eine starke Judencvlonie an der Stelle des heutigen Wien antrasen. Eine den Antisemiten gewiß unverdächtige Autorität, Herr Guido L i st, der ja zu den Mitarbeitern der „Ostdeutschen Rundschau" gehört, schreibt in einem interessanten Aussatze über den Ursprung Wiens als deutsche Stadt: „In diese Zeit, zwischen 15 vor und 65 nach Christo, ist die Errichtung des Judenviertels zu setzen, da dieses außerhalb der Grenzen des ersten römischen Standlagers, aber innerhalb der Brandwälle angelegt erscheint und in dem noch heute „I u d e n p 1 a tz-' genannten Platze seinen Mittelpunkt fand. Die Anlage dieses Ghettos, sowie dessen Lage abseits der römischen Via principalis, der heutigen Wipplingrrstraße, b ekundet unleugbar römischen Ursprung. — So lange sind also die Juden schon in Wien! Wo waren damals die Ahnen der Lueger, P a t t a i und Consorten?" Bei dem Baue der neuen Burg wurden Grab st eine m i t h e b r ä i s ch e n Inschriften ans dem XIV. und XV. Jahrhundert aufgesunden, mit gut erhaltenen und lesbaren Inschriften, welche Zeugniß ablegen von der Existenz und Blüthe der Jndengemeinde irr Wien in ftühesten Zeiten. In dem alten Bürgerspitalsgebüude, welches nach dieser Zeit errichtet wurde, fanden sich ähnliche, mit hebräischen Lettern bedeckte B r u ch st ü ck e von Grabsteinen zugleich aus den Stiegen eingemauert und als Baumaterial benützt. Bei der Demolirung der ehemaligen kleinen Kaserne, des alten Schlosses der einstigen Gutsherrschast in Mauer bei Wien, eines Baues vom XVI. Jahrhundert, wurden als dort verwendetes Baumateriale sragmentirte Grabsteine mit hebräischen Inschriften aus dem XlV. Jahrhundert geftmden. Wie in Wien, so läßt sich das Gleiche Nachweisen in allen Provinzen des Reiches. Anläßlich einer Erdaushebung wurde in Großwardein ein silberner Becher mit folgender Inschrift geftmden : „Moses den Szoser der Großwardeiner jüdischen Gemeinde 1450". Dieser Fund beweist, daß in Großwardein schon vor fünsthalbhundert Jahren eine Judengemeinde bestanden haben müsse. Aehnlich sind die Nachweise, welche die historische Wissenschaft in Bezug aus die Juden in Böhmen und P r a g seftgestellt. In der im Xll. Jahrhundert geschriebenen Ramschach'schen Chronik wird erwähnt, daß anläßlich eines Schanzenbaues die Grabsteine der drei jüdischen Friedhöfe, die tausendjährigen kostbaren Denkmäler der Vorzeit, dem Machtgebote der Roth ge-