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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-05-29 · 22 (29.5.1896) · page 16

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
22 (29.5.1896)
Date
1896-05-29
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 444 Vr. Vloch's Wochrnsttzrifi Nr. 22 sie ihm große Aufmerksamkeit zu Theil werden ließ. Die kränklich aussehende, kleine Frau schwatzte ihm stundenlang von ihren Krankheiten vor und lud ihn ein, von ihrer Mediän zu kosten, was ein Compliment war, das Frau Belkowitsch nur ihren bevorzugtesten Gästen gönnte. Nach und nach trug sie sogar in seiner Gegenwart ihre Nachthaube, als ein Zeichen, daß er zur Familie gehöre. Durch diese Ermuthigung wurde Joschi vertraulich und theilte seiner künftigen Schwiegermutter auch die Details der Krankheiten seiner Ämtter mit. Er konnte jedoch nichts Vorbringen, was Frau Belkowitsch nicht überflügelte, denn sie war eine in Krankheiten außerordentlich universelle Frau. „Ich bin so schwach aus meinen Beinen", pflegte sie sich gegen Joschi zu rühmen. „Ich bin mit ungleichen Beinen geboren worden; eines ist dick und eines ist dünn. Und so muß man herumgehen!" Joschi sprach seine theilnehmende Bewunderung aus, und die Werbung machte große Fortschritte. Manchmal waren auch Fanny und Peßach Weingott anwesend und sehr liebenswürdig gegen den Bewerber. Er begann einen Theil seiner Schüchternheit und seines lauernden Wesens zu verlieren und sah seinen wöchentlichen Besuchen bei der Familie Belkowitsch mit wahrem Vergnügen entgegen. Es war wieder einmal die Geschichte von Cymon und Jphigenia. Die Liebe übte sogar aus seine Gesprächstalente günstigen Einfluß; denn wenn Belkowitsch seine langen Reden hielt, warf Joschi mehreremals und bisweilen an richtiger Stelle ein „so" ein. Herr Belkowitsch liebte es, seine eigene Stimme zu hören und lauschte ihr mit hocherhobenem Bügeleisen. Manchmal bemerkte er inmitten seiner Reden, daß jemand spreche und die Zeit verlor; dann rief er dem Zimmer zu: „Still, macht ein Ende, macht ein Ende!" und verstummte. Aber gegen Joschi war er besonders höflich und unterbrach sich selten, wenn sein erwählter Schwiegersohn an seinen Lippen hing. Die Causerien besaßen einen vertraulichen, zärtlichen Reiz. \ „Ich möchte gern plötzlich todt niederfallen," sagte Belkowitsch mit der Miene eines Philosophen, der Alles überdacht hat. „Ich habe keine Lust, im Bette zu liegen und mich mit Medicinen und Doctoren herumzuplageu. So ein langes Sterben ist sehr kostspielig." „So?",' sagte Joschi. „Mach Dir keine solche Sorgen, Bär!", mahnte Frau Belkowitsch. Joschi's Liebe zu Becky nahm durch diese intimen Gespräche mit chrer Familie jede Woche zu. Zuletzt wurde seine Liebe belohnt und Becky willigte auf heftiges Drängen ihres Vaters ein, einen ihrer Verehrer zu enttäuschen und zu Hause zu bleiben, um ihren künftigen Gatten kennen zu lernen. Freilich gab sie ihre Einwilligung erst nach dem Mittagessen, nachdem es kurz vorher zu regnen begonnen hatte. Kaum trat Joschi in's Zimmer, so errieth er, daß der Traum eine andere Gestalt angenommen hatte. Hinter einer Nähmaschine sah er eine schreckliche Schönheit stehen. Sein Gesicht wurde feuerrotst, seine Beine begannen zu zittern. Er wünschte, daß die Erde sich öffnen und ihn gleich Korach verschlingen möge. „Becky," sagte Herr Belkowitsch, „das ist Herr Joschi Schmendrik." Joschi grinste krampfhaft und nickte mit dem Kopf, als wollte er das bestätigen. Der runde Filzhut, den er trug, rutschte herunter, die breite Krampe auf seinen Ohren ruhte. Durch eine Art Nebel schimmerte eine furchtbar seine Maid. Becky starrte ihn hochmüthig an und rümpfte die Nase; daun begann sie zu kichern. Joschi hielt ihr kraftlos seine riesige, rothe Hand hin. Becky beachtete sie nicht. „Nu, Becky?", flüsterte Belkowitsch so laut, daß man es über die Straße hätte hören können. „Wie geht's? Gut?", sagte Becky sehr laut, als ob sie glaubte, daß auch Taubheit zu den Fehlern Joschi's gehöre. Joschi grinste beruhigend. Wieder entstand Schweigen. Joschi war im Zweifel, ob die Convenienz ihm nun erlauben würde, sich jetzt zu verabschieden. Er fühlte sich gar nicht behaglich. Alles war bisher so prächtig gegangen; es hatte ihm ordentlich Vergnügen gemacht, in dieses Haus zu kommen. Jetzt aber war Alles verändert. Der Strom treuer Liebe fließt nie glatt dahin, und das Erscheinen dieser neuen Persönlichkeit bei der Brautwerbung war entschieden peinlich. Der Vater kam ihm zu Hilfe. „Ein Bischen Schnaps?". fragte er. „Ja", sagte Joschi. „Chaje, nu! Hol' die Flasche!" Frau Belkowitsch schritt an die Commode iit der Ecke des Zimmers und ergriff eine dort stehende große Flasche. Dann brachte sie zwei fußlose Gläser und füllte sie mit dem Schnaps eigener Erzeugung. Hierauf reichte sie eines Joschi und das andere ihren Gatten, Joschi murmelte einen Segensspruch, dann glotzte er die Gesellschaft an und rief: „Lechajim"*) „Lescholaum!,"**) antwortete der alte Mann, indem er den Branntwein hinuntergoß. Joschi that dasselbe, als sein Blick dem Becky's begegnete. Fünf Minuten kämpfte er mit dem Ersticken. Frau Belkowitsch schlug ihm mütterlich aus den Rücken. Als er sich halbwegs erholt hatte, ergriff ihn von Neuem das Gefühl seiner Erniedrigung. Becky kicherte noch immer hinter ihrer Nähmaschine. Joschi firhlte abermals, daß die Last der Unterhaltung auf ihn ruhte. Er schaute seine Stiefel an, und da er dort nichts erblickte, sah er wieder auf und grinste die Gesellschaft wieder an, als ob er ihr seine Rechte cediren wollte. Da die Gesellschaft iedoch darauf keine Antwort gab, schneuzte er sich enthusiastisch. Herr Belkowitsch sah seine Verlegenheit, machte Chaje ein Zeichen und schlüpfte, von seiner Frau gefolgt, aus dem Zimmer. Joschi blieb mit der schrecklich seinen Maid allein. Becky stand da, summte ein Liedchen vor sich hin und schaute die Decke an, als ob sie Joschi's Existenz vergessen hätte. Solange ihre Augen diese Richtung hatten, fiel es Joschi leichter, sie anzusehen. Er warf Seitenblicke auf sie, die immer kühner und kühner wurden und sich zuletzt in ein ununterbrochenes Anstarren verwandelten. Wie fein und schön sie war! Seine Augen begannen zu funkeln, ein wohlgefälliges Lächeln breitete sich über sein Gesicht. Plötzlich schaute sie hinunter, und ihre Augen trafen sich. Joschi's Lächeln verschwand und machte einem schafsmäßigen Ausdruck Platz, während seine Beine schwach wurden. Die schrecklich feine Maid gab eine Art Schnauben von sich und begann dann wieder die Decke zu betrachten. Allmälig sah Joschi wieder nach ihr hin. Wirklich, Sugarman hatte ihre Reize nicht übertrieben. Aber — hatte Sugarman nicht auch gesagt, daß sie ihn ' liebe? Joschi wußte nichts von Mädchen^ außer was er i'itier -fiei im Talmud gelesen hatte. Sehr wohlmöglich, daß Becky jetzt dabei war, ihre feurige Zuneigung auszudrücken. Er watschelte auf sie zu, während sein Herz heftig klopfte. Nun war er so nahe, daß er sie berühren konnte. Das Liedchen, das sie trällerte, summte in seinen Ohren. Er öffnete den Mund, um zu sprechen. Da wurde sich Becky plötzlich seiner Nähe bewußt und warf ihm einen Basiliskenblick zu. Die Worte erstarrten auf seinen Lippen. Ein paar Secunden lang blieb sein Mund offen, dann spornte ihn das Bewußtsein, daß es lächerlich wäre, denselben ohne Laut wieder zu schließen, an, irgend einen, wenn auch noch so sinnlosen Ton von sich zu geben. Er machte eine heftige Anstrengung, und von seinen Lippen tönte es in hebräischen Lauten: „Aschre joischwe weißechoh, oid jehallelüchoh Seloh!"*) Das war kein Compliment für Becky. Joschi's Gesicht strahlte in fteudiger Erleichterung. Infolge einer höheren Eingebung hatte er das Mincha-Gebet begonnen; er fühlte, daß Becky^die fromme Nothwendigkeit verstehen würde. Mit inniger Dankbarkeit gegen den Allmächtigen setzte er den Psalm: „Selig ist das Volk rc." fort. Dann drehte er Becky den Rücken, machte drei Schritte rück- und vorwärts und begann stumm „Schemonoh Eßreh" zu beten. Gewöhnlich leierte er die „18 Segenssprüche" in fünf Minuten ab. Heute dehnte er sie aus, bis er die Tritte der znrückkehrenden Eltern hörte. Dann haspelte er das Uebrige mit Blitzesschnelle herunter. Als Herr und Frau Belkowitsch in das Zimmer zurückkehrten, sahen sie an seiner glücklichen Miene, daß alles in Ordnung war und widersetzten sich seiner sofortigen Entfernung sticht. Am nächsten Sonntag kam er wieder nnd freute sich, daß Becky nicht zu Hause war, obwohl er gehofft hatte, sie zw treffen. Die Werbung machte entschieden an diesem Nachmittag; große Fortschritte. Herr und Frau Belkowitsch waren liebenswürdiger denn je, weil Becky sich geweigert hatte, von einem solchen „Schmok" sich den Hof machen zu lassen. Während der Woche hatte es manche Streitigkeiten gegeben, aber Becky. achtete nicht auf die Worte ihrer Eltern, welche ihr Joschi als einen „sehr würdigen jungen Mann" empfahlen. Sie erklärte, „daß Einem alle Sünden vergeben würden, wenn, man ihn blos ansieht." *) Zum Leben **) Zum Frieden *) Selig sind, die in Deinem Hause wohnen, ewig sollen sie Dich loben, Selah!"

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