Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 18 (1.5.1896)
- Date
- 1896-05-01
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 366 Vr Vloch's Wochruschrtst Nr. 18 den Victoriapark gegangen, die Großmutter schlief auf dem Bette, mit einem alten Rock ihres Sohnes zugedeckt (denn es war kein Feuer im Ofen) und mit ihrem frommen Lademecum iit der Hand. Esther hatte ihre Schularbeiten bereits beendet und las nun bei der Holländer-Debby ein kleines, braunes Buch, da sie das „Londoner Journal" iwch nicht genügend vergessen hatte. Salomon hatte seine Aufgaben noch nicht gemacht und balgte sich auf der Straße, wobei Isaak zusehen durfte, und Moses war in Schul', bei einem „Hesped", einer Trauerrede, welche Rabbi Schemuel einer frühzeitig erloschenen Leuchte des Ghettos hielt — keinem Anderen, als dem schwindsüchtigen Maggid, der plötzlich einen viel weniger fashionablen Ort als Bournemouth gesucht hatte. „Er ist gefallen", sprach der Rabbi, „nicht unter der Last des Alters, noch seufzerrd um Erlösung,. weil die Heuschrecke sich träge zeigt.*) Aber er, der die Schlüssel hält, sagte: „Du hast Deine Arbeit gethan; es ist Dir nicht beschieden, sie zu vollenden. In Deinem Herzen war die Absicht, mir zu dienen, von mir sollst Du Deinen Lohn empfangen." Und die dichte, schwitzende Menge in der schwarz drapirten Halle schluchzte vor Schmerz und Tausende von Arbeitern folgten weinend dem Sarge bis zum großen Friedhof. Ein schlanker, schwarzhaariger, schöner Knabe von etwa zwölf Jahren, in einem netten dunklen Anzug mit einem blendend weißen Kragen stolperte die dunkle Treppe des Hauses Royal Street 9fr. 1 hinauf. Er schien hier fremd zu sein und sah ärgerlich aus. Bor der Thür der Holländer-Debby hielt ihn ein kurzer Streit mit Bobby zurück. Er riß die Thür zu dem Ansellschen Zimmer auf, ohne zu klopfen, obwohl er beim Eintreten unwillkürlich den Hut abnahm, dann blieb er enttäuscht stehen. Das Zimmer schien leer zu sein. „Was willst Du, Esther?", murmelte die Großmutter schlaftrunken. Der Knabe blickte zusammenfahrend auf das Bett. Er verstand die Großmutter nicht, denn er hatte seit vier Jahren nicht Jargon sprechen gehört und die Existenz des Dialects beinahe vergessen. Auch das Zimmer erschien ihm kalt und fremd und so unaussprechlich ärmlich. „Wie geht's, Großmutter?", fragte er, indem er zu ihr trat und sie oberflächlich küßte. „Wo snid denn Alle?" „Bist Du Benjamin?", sagte die Großmutter, auf deren strengem verrunzelten Gesicht sich Ueberraschung und Zweifel zeigten. Benjamin errieth chre Frage und nickte. „Aber wie fein sie Dich kleiden! Ach, dafür nehmen sie Dir gewiß Dein Judenthum weg. Volle vier Jahre — ist es nicht so? — bist Du ititit unter lauter Engländern. Wehe, Wehe! Wenn Dein Vater ein frommes Weib geheiratet hätte, wäre sie iwch am Leben, und Du könntest bei uns sein, statt unter Fremde hinausgestoßen zu werden, die Deinen Leib füttern und Dein Seele verhungern lassen. Wenn Dein Vater mich in Polen gelaflen hätte, wäre ich ruhig gestorben, und meine alten Augen hätten nie den Kummer gekannt. Knöpfe Deine Weste auf, lass' mich sehen, ob Du wenigstens ein Arba Kanfes trägst!" Bon dieser Rede verstand Benjamin nur hier und da ein Wort. Seit vier Jahren las er nichts als englische Bücher, hörte er um sich her nichts als Englisch reden — ja, zu Anfang hatte er sich sogar absichtlich bemüht, den Jargon als etwas Erniedrigendes und Beschämendes zu vergessen. „Wo ist Esther?", fragte er. „Esther?", brummte die Großmutter. „Esther ist bei der Holländer-Debby. Sie ist immer bei ihr. Die Holländer-Debby behauptet, sie wie eine Mutter zu lieben. Und warum? Weil sie wirklich ihre Afrltter werden will. Sie schielt auf meinen Moses. Aber fern sei das von uns! Diesmal wird die Frau geheiratet, die ich aussuche, keine solche, die soviel vom Judenthum weiß, wie der Row vom Sonmag, aber auch keine, wie die Frau Simons, die unsere kleine Sarah hätschelt, weil sie meint, daß mein Moses sie nehmen wird. Ein Blinder sieht, was sie will. Aber die Witwe Finkelstein, die wird geheiratet! Das ist eine echte Jüdin — sperrt ihr Geschäft zu, so wie es Schabbes wird, arbeitet nicht in den Sabbath hinein, wie so viele Andere, und geht selbst Freitag Abend in Schul'. Man soll nur sehen, wie sie chr Awromele aufgezogen hat — noch keine sechs Jahr war er alt, da hat er schon ganz T'nach verstanden! Außerdem hat sie Geld und hat ein Auge auf ihn geworfen." Ter Knabe sah ein, daß an ein Gespräch nicht zu denken war, murmelte etwas Unverständliches und lief die Treppe hinab, um eine Spur der verständlicheren Familienmitglieder zu finden. Glücklicherweise erinnerte sich Bobby des früheren Streites und versperrte, da er das letzte Wort haben wollte, Benjamin so eigensinnig den Weg, daß Esther herauskam, um ihn zu beruhigen und mit einem lauten Freudenschrei dem Bruder in die Arme sprang. Dabei ließ sie das Buch, das sie in der Hand hielt, gerade auf Bobby's Nase fallen. „Oh Benjy, bist Du's wirklich?! Ach, wie ich mich ftene, wie ich mich freue! Ich wußte, daß Du eines Tages kommen wirst. Oh Benjy! — Bobby, Du böser Hund, das ist ja Benjy, mein Bruder! Debby, ich gehe hinauf, Benjamin ist da! Benjamin ist da!" „Schon recht, Kind!", rief Debby hinaus. „Bring' ihn mir bald! Schick' Bobby herein, wenn Du fortgehst!" Die Worte endeten in einem Hustenanfall. Esther jagte Bobby eilig in's Zimmer und zog und schleppte dann Benjamin hinauf. Die Großmutter war wieder eingeschlafen, und schnarchte friedlich. „Sprich leise, Benjy!", bat Esther, „Großmutter schläft." „Sei ruhig, Esther, ich Hab' gewiß keine Lust, sie aufzuwecken. Ich war vorhin hier und konnte kein Wort von ihrem Geplapper verstehen." „Ja, sie verliert alle ihre Zähne, die Arme." „Nein, nicht deswegen, sie spricht den schrecklichen Jargon. In dieser langen Zeit hätte sie doch wirklich Englisch erlernen können. Hoffentlich sprichst Du es nicht, Esther!" „Ich muß, Benjy, Vater und Großmutter sprechen zu Hause nie etwas Anderes, sie können nur ein paar Worte Englisch. Aber die Kinder dürfen es nicht reden, außer mit ihnen. Du solltest hören, wie die kleine Sarah Englisch spricht. Es ist wunderbar. Nur wenn sie weint, sagt sie „weh is mir" auf Jüdisch. Ich gebe ihr dafür einen Klaps, aber dann schreit sie noch mehr „weh is mir!" Oh, Benjy, wie schön Du in dein weißen Kragen aussiehst — gerade so wie der kleine Graf im vierten Classen-Lesebuch. Wenn ich Dich nur den Mädchen zeigen könnte! Oh, was wird Salomon sagen, wenn er Dich sieht? Seine Hosen sind an dm Knieen immer durchgestoßen." „Aber wo sind sie denn Alle? Und warum ist kein Feuer im Ofen?", fragte Benjamin ungeduldig. „Es ist eklig kalt hier!" „Vater hofft, für morgen eine Anweisung auf Brot, Kohlen und Fleisch zu bekommen." „Na, das ist ein schöner Empfang!", brummte Benjamin. „Ach Benjy, es thnt mir so leid! Wenn ich nur gewußt hätte, daß Du kommst, dann hätte ich bei Frau Belkowitsch ein .paar Kohlen ausgeborgt. Aber stampfe ein Bischen mit der: Füßen, wenn Dich friert! Nein, vor der Thür! Großmutter schläft. Warum hast Du mir nicht früher geschrieben?" „Ich wußte es nicht früher. Der alte Vieräugige — das ist einer unserer Lehrer, den wir so nennen, weil er immer eine Brille trägt — fuhr heute in die Stadt, und da er sich ein paar. Pakete nachtragen lassen mußte und ich der Beste in der Classe bin, nahm er mich mit. Er erlaubte mir, Euch zu be- . suchen, aber Punkt Sieben muß ich ihn an der Station bei London Bridge erwarten. Du hast Dich nicht sehr verändert, Esther." „Nicht?", sagte sie mit einem rührenden Lächeln. „Bin ich nicht gewachsen?" „Nicht um vier Jahre. Es kommt mir so vor, als wäre ich gar nicht weg gewesen. Wie schnell die Zeit vergeht! Ich werde bald Bar-Mizweh." „Ja. Jetzt, wo ich Dich wieder Hab', Hab' ich Dir soviel zu sagen, daß ich gar nicht weiß, womit ich anfangen soll. Als Vater Dich das eine 9Nal besuchte, konnte ich nicht viel aus ihm Herauskriegen und Du selbst schreibst so selten. „Denk' an die Postmarke, Esther! Woher soll ich das Geld dazu nehmen?" „Ja, Benjy, ich weiß, Du möchtest öfter schreiben. Aber jetzt mußt Du mir Alles erzählen. Haben wir Dir sehr gefehlt?" „Nein, nicht gerade!" „Oh, gar nicht?", rief Esther enttäuscht. „Ja, Du hast mir anfangs gefehlt, Esther", sagte er beruhigend. „Aber wir haben fortwährend soviel zu thun und und zu denken. Es ist ja ein ganz anderes Leben." „Und bist Du zuftieden, Benjy?" „Oh ja, sehr Denk doch nur: regelmäßige Mahlzeiten, dann und wann Orangen und Backwerk und Unterhaltungen, ein Bett ganz für sich allein, eine warme Stube, ein großes y Vergl. Kohclet XII, 5.