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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-04-17 · 16 (17.4.1896) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
16 (17.4.1896)
Date
1896-04-17
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 16 Dr. Bloch's Wochrnfchrist Seite 325 große Familie zu ernähren haben. Es würde wie eine Lüge ausfehen, wenn ich die Wahrheit sagte." Das war ein Argument nach dem Herzen des Maggids, aber es überzeugte ihn nicht ganz. „Sie werden Erkundigungen einziehen," murmelte er. „Ihre Familie ist in Polen, Sie schicken Ihr Geld dorthin." „Das ist wahr," sagte der Maggid matt, „aber doch gefällt es mir nicht." „Ueberlassen Sie das mir!" zürnte der Schlatten-Schammes. „Ein Schamhafter kann nicht lernen und ein Leidenschaftlicher nicht lehren — so sagt Hillel. Wenn Sie auf der Kanzel stehen, höre ich^ Ihnen zu; wenn ich die Feder in die Hand nehme, hören Sie mir zu! Wie sagt das Sprichwort: wenn ich ein Rabbi wäre, würde die Stadt brennen: aber wenn Sie ein Schreiber wären, würde der Brief verbrennen. Ich gebe mich nicht für einen Maggid ans, thnn Sie sich Glicht als Briefschreiber auf!" „Aber glauben Sie, daß es ehrenhaft ist —" „Schma Jisroel!", rief der Schlatten-Schammes, ungeduldig mit den Händen in die Luft fahrend. „Ich schreibe schon seit zwanzig Jahren Briefe." Der Maggid schwieg und ging sinnend weiter. „Und wie heißt der Ort, wohin ich gehen will? Burmllnd?", fragte er. „Bournemvnth," corrigirte Jener. „Es ist ein Ort an der Sndknste Englands, wohin die atleraristvkratischsten Schwindsüchtigen gehen." „Aber es muß dort sehr thener sein," seufzte der arme Maggid erschreckt. „Thener? Natürlich ist es thener," bestätigte der Schlatten- Schammes pompös. „Aber werden wir auf die Kosten sehen, wenn es sich um Ihre Gesundheit handelt?" Der Maggid war derart von Dankbarkeit erfüllt, daß er sich beinahe schämte, zu fragen, ob er dort koscher essen könne; aber der Schlatten-Schammes, der wie ein großes Lexikon anssah, beruhigte ihn nach jeder Richtung. Dreizehntes C a p i t e l. Sugarmann s Barmizwah Gesellschaft. Ebeneser Sugarmann's Barmizwah-Tag brach an. Fortan war er selbst für seine Sünden verantwortlich, und dariiber herrschte große Freude. Bis Freitag Abend lvaren so viele Geschenke angekommen — vier Cravattennadeln, zwei Ringe, sechs Taschenmesser, drei Paar Machsorim und dergleichen — daß sein Vater sorgfältig die Thüre verrammelte und mitten in der Nacht, als er eine Maus über den Fußboden rascheln hörte, in kaltem Schweiß gebadet erwachte, das Fenster anftiß und „Einbrecher!" schrie. Aber die „Einbrecher" rührten sich nicht, Alles war still. Die im Schlaf gestörte Frau Sugarmann ertheilte ihrem Jonathan eine Rüge, und dieser kroch wieder in sein Bett. Sugarmann pflegte stets nobel zu sein, und durch die Vermittlung eines Kunden wurde die Barmizwah in der „deutschen Schul" gefeiert. Ebeneser, ein großer Junge mit schwachen Augen und schlichtem schwarzen Haar, trug einen schönen, neuen schwarzen Anzug, einen schönen, seidenen Gebetshawl mit blauen Streifen, eine glitzernde Uhrkette, einen goldenen Ring und ein hübsches neues Gebetbuch mit vergoldeten Ecken. Alle Knaben unter dreizehn Jahren faßten den Entschluß, so rasch als möglich aufzuwachsen und die Verantwortung für ihre Sünden zu übernehmen. Ebeneser schritt unverzagt auf das Almemmor, und seine Stimme zitterte beim Vorlesen des Gesetzabschnittes nicht mehr, als die Triller erforderten - dann begab er sich, stolz wie ein Spanier, auf die Galerie zu seiner Mutter, die ihm einen so lauten Schmatz gab, daß man es in der ganzen Synagoge hörte, gerade so, als ob sie eine „wirkliche Dame" gewesen wäre. Hierauf folgte bald das Barmizwah-Frühstück, bei dem Ebeneser eine englische Predigt und eine Rede hielt, die offenkundig der Schlatten-Schammes geschrieben hatte. Alles lobte die schönen Gesinmmgen des Knaben und die schöne Sprache, in derer sich ausdrückte. Frau Sugarmann vergaß angesichts dieser Versicherungen von Respect und Liebe alle Sorgen, die Ebeneser ihr gemacht hatte, und vergoß reichliche Thränen; da sie unrein Auge besaß, konnte sie nicht sehen, was ihr Jonathan sah und was ihm die Freude an Ebeneser's Dankesergüssen für die erhabene Erziehung, die seine theuren Eltern ihm hatten angedeihen lassen, gänzlich vergällte. Zn dem Frühstück waren hauptsächlich Männer eingeladen worden, und der Tisch war mit Biscnit, Obst und Süßigkeiten geschmückt, die nicht zum Mahle gehörten, sondern zur Erfrischung weniger begünstigter Gäste, die tagsüber vorsprechen würden, dienen sollten. Nun hatte Jeder der Gäste einen Knaben mitgebracht, der gleich einem Pagen hinter dem Stuhl seines Vaters starrd. Ehe diese Schmarotzer au die gebackenen Fische gingen, griffen sie in die mit Süßigkeiten beladenen Teller und gaben davon ihren Sprößlingen. Das war nur recht und billig, denn bei solchen Gelegenheiten haben Kinder stets die Prärogative, zu naschen. Als jedoch während des Mahles jeder Vater von Zeit zu Zeit, ohne die lebhafte Unterhaltung mit dem Nachbar zu unterbrechen, wie mechanisch mit der Hand in die Schüsseln fnbr und den geraubten Schatz nachlässig nach rückwärts in die Hände seines Kindes gleiten ließ, das ihn eilig in die Tasche stopfte, begann Sugarmann unruhig auf seinem Sessel herumzurutschen. Nicht ein einziger heimlicher Griff entging ihm, und ein jeder traf ihn wie ein Nadelstich. Bald war sein Herz so zerstochen wie ein Nadelkissen. Ter Schlatten-Schammes trieb es am ärgsten und vertuschte seine Uebelthaten mit endlosen Evmplimeuren. „Ausgezeichnete Fische, Frau Sugarmalln!" sagte er, geschickt ein paar Alandeln hinter seinen Stuhl prakticirend. „Was?", fragte Frau Sugarmann, die schwerhörig war. „Großartige Schollen'.", schrie der Schlatten-Schammes, nachlässig ein paar Rosinen nach rückwärts befördernd. „Das glaub' ich," sagte Frnxu Sugarmann mit ihrer dünnen Stimme, „sie waren noch in der Pfanne lebendig." „Haben fie gezischelt?", fragte Herr Belkvwitsch die Ohren spitzend. „Nein," sagte Bestie. „Was meinen Sie damit?" „In meiner Vaterstadt gab einmal ein Fisch in der Pfanne ein Geräusch von sich," erwiderte Belkowitsch. „Nu, und wenn?", meinte der Schlatten-Schammes, indem er eine Feige im Hintergrund verschwinden ließ. „Das Oel zischt." „Nein, ein wirkliches Geräusch, wie etwas Lebendiges," sagte Belkvwitsch zornig. „Die Frau riß ihn aus der Pfanne und lief znm Rabbi. Aber er wußte nicht, was er damit anfangen sollte. Glücklicherweise war ein heiliger Reisender aus der fernen Stadt Ridnik, ein Ehasfid, über Sabbath bei ihm eingekehrt. Er gebot dem Weibe, den Fisch in ein Sterbegewand zu nuckeln und ihn so rasch als möglich ehrlich zu begraben." „Eine wahre Geschichte!," sagte der Schlatten-Schammes ironisch. „Ganz/ Warschau hat sie sich vor einem Jahre erzählt." „Sie hat sich begeben, als ich ein Knabe war," rief Belkowitsch in wachsender Entrüstung. „Ich erinnere mich ganz gut daran. Manche legten die Sache günstig aus, Andere waren der Ansicht, daß die Seele des Fischhändlers in den Fisch gewandert sei, denn der Fischhändler war ein paar Tage zuvor gestorben. Und der Rabbi, der es bezeugen kann, ist noch am Leben — möge seine Leuchte noch lange scheinen! obwohl man mir geschrieben hat, daß er das Gedächtniß verloren hat." Der Schlatten-Schammes reichte seinem Sohne mir skeptischer Miene eine Birne. Ter alte Gabriel Hamburg, der Gelehrte, kam dem Erzähler mitleidig zu Hilfe. „Rabbi Salomon Maimon berichtet, daß er i» Posen einem ähnlichen Begräbniß beiwohnte," sagte er. Ter Schlatten-Schammes lachte laut auf. „Lachen Sie nicht!," mahnte Frau Belkowitsch. „Auch ich bin nicht wegen meiner eigenen Sünden mit ungleichen Beinen auf die Welt gekommen." „Ich muß lachen, wenn ich von Narren höre, die Fische anderswo begraben, als in ihren Magen," sagte der Schlatten- Schammes, indem er eine brasilianische Nuß nach hinten beförderte, wo fie ruhig von Salomon Ansell annectirt ward. Tieser hatte sich nneingeladen in's Zimmer geschlichen und den anderen Knaben aus seiner vortheilhaften Position verscheucht. Das Gespräch begann sich zu erhitzen, Breckeloff gab ihm daher eine andere Wendung. „Meine Schwester hat Einen geheiratet, der nicht Karten spielen kann," sagte er in kläglichem Ton. „Ein Glück für sie!", erscholl es. „Nein, das ist eben ihr Pech!", entgegnete er. „Er will nämlich spielen." Die ganze Gesellschaft lachte, erinnerte sich aber dann, daß Breckeloff ein „Badchen", ein Spaßvogel, war.

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