Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-04-17 · 16 (17.4.1896) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
16 (17.4.1896)
Date
1896-04-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021115-3021132--05507-3029768
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 310 Dr. Vloch's Wochrnfchrist. Nr. 16 thatfächlich der Glaubens- und Bekehrungseifer katholischer Priester im Laufe der Jahrhunderte verübt hat. Aber nicht mit dem gleichen Maßstabe ist die 'Niedertracht zu messen, welche Herr B c r g a n i durch die von ihm in diesem wie in anderen Fällen versuchte Fälschung der Wahrheit begeht. Er erzählte die Philippvpler Blutthat Punkt für Punkt nach dem amtlichen Rapporte. Aber während der amtliche Rapport ausdrücklich erklärt, daß das Kind von Katholiken ermordet wurde, die bereits Alles gestanden haben, fügt B e r g a n i seinem Berichte die teuflische Lüge bei: „Die Untersuchung gegen die drei Verhafteten, die natürlich dem Stamme Israel angehören, dauert fort. Vorläufig leugnen sie Alles". Das ist nicht der Fanatismus des Verbrechens selbst, das ist iiicfjt jener Fanatismus, der sich über sein Thun und Handeln nicht Rechenschaft zu geben vermag, das ist nicht das Zerrgebilde der Religiosität, welche mit der Vernichtung der Andersgläubigen das eigene Seelenheil zu begründen glaubt. Ernst V e r g a u i ist weder religiös, noch fanatisch, er denkt auch nicht an sein Seelenheil im Jenseits, sondern an das Heil seines gerundeten Leibes im Diesseits. Sein Bericht über diesen aus religiösem Fanatismus vollbrachten antisemitischen Ritualmord ist ein größeres Verbrechen, als der Mord selbst! Und daß man es hier nicht mit einer vereinzelten Niedertracht des Ehrenbürgers von Mühldorf zu thun hat, beweist die im „Deutschen Volksblatt" vom 14. April l. I. erschienene dritte Fortsetzung der „enltnrgeschichtlichen" Skizze: „Die Juden in Wien", in welcher Folgendes erzählt wird: „Ein am 5. November 1406 in der Judenstadt ausgebrochener Brand, welcher drei Tage währte, und welchen gelegt zu haben man die Juden beschuldigte, um die ganze Stadt einzuäschern, führte zu Ausschreitungen, welche aber von keinen nennenswerthen Folgen begleitet waren. Vierzehn Jahre später kan: es zu einer Verfolgung, welche bedeutend größere Dimensionen annahm und die grauenvollsten Scenen heraufbeschwor. Vor dem jüdischen Passahfeste verbreitete sich plötzlich die Nachricht, die Juden hätten drei Christenknaben getödtet, um ihnen das Blut abzuzapsen, und gleichzeitig habe ein Jude in Enns die heilige Hostie verunglimpft. Herzog Albrecht befahl nun, sümmtliche Juden, die dessen beschuldigt waren, in Haft zu nehnien, und erließ am 24. Mai 1420 den Befehl, alle Juden in Oesterreich irlls Gefängniß zu werfen. Den Gefangenen wurde überdies angekündigt, „es hinge lediglich .von dem Willen des Kaisers ab, ob nicht alle Juden durch Feuer ausgerottet werden sollen". An: 21. März 142 l wurde das Urtheil vollzogen und 110 Personen auf der „Gäuselweide" am Erdberg verbrannt. Die Asche der Gerichteten wurde in die Donau geworfen. Alle übrigen Juden wurden aus dem Lande vertrieben re." — Auch hier ist Alles richtig wiedererzühlt. Aber wenn Vergant, der Cato von Mühldorf, dem Philippvpler Berichte eine Kleinigkeit hinzugefügt hat, so hat er hier eine Kleinigkeit von dem historischen Sachverhalte weggelassen. Er vergaß nämlich zu bemerken, daß n a ch h e r, als die Juden schon verbrannt und vertrieben waren, jene drei Kinder im Wasser gesunden w u r d en, in welches sie e i n g e b r o ch e u und versunken w a r e n, als sie sich am Eise vergnügten. Daß im Jahre 1420 religiöser Fanatismus das Verschwinden der drei Knaben in der oben erzählten Weise deuten konnte, nimmt nicht Wunder. Daß aber im Jahre 1896 ein Wiener Zeitungs- Herausgeber die historischen Thatsachen derart fälscht, um die Blutbeschuldigung gegen die Inden wieder anzufachen, das rechtfertigt den Ausspruch, daß innerhalb der antisemitischen Mörderbande diejenigen nicht die Schlimmsten sind, welche Messer und Dolch führen. Es gibt noch ärgere Schurken, die mit kalter Berechnung ausbeuten, was jene in religiösem Fanatismus verübt haben! Der Cultus des Gottes Mammon. «.; -p. (Vergleiche Nr. 5 der „Oesterreichischen Wochenschrift".) „Wollen wir die schamlose öffentliche Eorruptivn ans unserem christlichen, arischen Volksleben ausscheiden,' das unerträgliche Joch des Mammonsgötzen abschütteln, um zu der alten Vätersitte zurückznkehreu, so muffen nur vor Allem die Macht des Judenthums brechen und das Gift des Semitismus in dem Volkskörper unschädlich machen." Sv ungefähr äußerte sich Herr Tr. P att ai in einer vorwöchentlichen Antisemitenversammlung. An die zahlreichen antisemitischen Defraudanten und Erpresser, an die antisemitischen Diebe und Hehler, deren Bekanntschaft wir im Laufe der letzten Jahre im österreichischen Gerichtssaal gemacht haben, dachte der Redner nicht. Auch über den Verbleib gewisser Armengelder schnüeg sich der antisemitische Anwalt aus und wegen der Mülfldorser Defrandationen brauchte Herr Dr. Pattai sich nicht auzustrengen, nachdem die Angelegenheit das österreichische Schwurgericht noch beschäftigen wird. Reden wir nicht von der Gegenwart, wie war es denn in der Vergangenheit, nüc sah es in der frühesten Vergangenheit aus? Dr. M. Landau hat bei einer Gelegenheit an einige elassische Aussprüche gut erinnert. Pausanias erzählt von griechischer: Feldherren, die für Geld ihr Vaterland verriethen, und bemerkt dazu: „Bekanntlich haben die Spartaner (das tapfere elassische Mnstervolk!) auch später die athenischen Feldherren erkauft"; Jugurtha sagte von ganz Rom, „es warte nur aus einen Käufer". Aehnlich äußern sich die Dichter, welche der ganzen Stimmung ihrer Zeit Ausdruck geben. „Zuerst das Geld und dam: die Tugend" ist jetzt die Parole, klagt Hvraz, und „nur der Reichthum verschaffe Freude und Ansehen", setzt Ovid hinzu. „Holdseliger, als die Musen, spricht ein reicher Mann", meint Enripides, während Aeschplos es ans die Parvenüs abgesehen hat: „Denn die des Reichthums Gabe schnitten unverhofft Sind stets und maßlos gegen Sclaven hart gesinnt." Der Lustspieldichter Menander (im vierten Jahrhundert vor Christi) sagt: „Epicharmis mag wohl Wind unb Wasser, Erde, Sonne und Sterne für Götter halten; ich aber glaube, daß nur Gold und Silber die wahren und mächtigen Götter sind; hast Du sie in Deinem Hause, dann kannst Du Alles haben, was Du willst: Felder und Häuser, Diener nnd Möbel, Freunde, (gefällige) Richter und Zeugen." Viel kürzer drückt sich Hesiod ans: „Ein Mensch ist nur, wer was besitzt", während der alte indische Grammatiker Bhartrihari ungefähr wie Boileau sagt: „Der Reiche ist edel, weise, gelehrt, wohlberedet und schön, alle guten Eigenschaften beruhen auf dem Gelde." Äv sagte der Florentiner Anton Francesco D v n i: „Wer Geld hat, wird für klug gehalten, iver aber arm ist, mag er noch so gut nnd gelehrt sein, gilt für einen Dummkopf und gemeinen Kerl." Ariost beschuldigtein seinem „Rasenden Roland" die Frauen seiner Zeit, daß sie nur nach Erlverb streben, ivährend die edlen Frauen alter Zeit die Tugend mehr als den Reichthnm liebten. Ein halbes Jahrhundert früher meinte der Spanier Fernan Perez de Guzinera, das Studium der Genealogie sei erwas höchst Zweck-, loses, denn „in unserer Zeit" bestehe der Adel nur im Reichthum, der Reichste sei auch der Edelste. Im vierzehnte:: Jahrhundert klagte Boccaccio, daß selbst die nächsten Verwandten „den Armen nicht leiden mögen, wer kein Geld hat, findet keinen Freund." Cecco von Ascoli, ein gelehrter Zeitgenosse Dante's, schrieb einen humoristischen Brief an - die ehrenwerthen „Herrei: Gulden und Pfennig", wvrii: er um ihre Hilfe bat, „denn ohne Eure Unterstützung sind Adel, Weisheit, Gelehrsamkeit, Tapferkeit und Schönheit nichts werth; alle menschliche Oiewalt beruht auf Euch, Ihr verrichtet zahllose Wunder, machet die Blinden sehend nnd die Tauben hörend." In einen: lateinischen Gedicht aus dem zwölften oder dreizehnter: Jahrhundert heißt es : „Jetzt ist Nummus (das Geldstück) höchster König aus Erden, Könige verehren ihn und dienen ihm, ihm gehorcht der Pfaffen käufliche Schaar, er herrscht ir: den Räumen der Aebte u. s. w. Und in einem anderen: „Einst verachteten Philosophen das Geld, jetzt würde ein Plato ohne Geld ein Narr sein."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.