Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 15 (10.4.1896)
- Date
- 1896-04-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 29Ö Dr. Vloch's Wochenschrift Nr. 15 Weiü bemerkt, welches sich, mit einem schweren Sacke beladen, aus einer Hofwohnung hinausschlich, jedoch schöpfte Niemand Verdacht. Das Weib verließ mit seiner Bürde die Stadt und eilte einem Sumpfe zu, der sich entlang der städtischen Bamnschule dahinzieht. Am Rande des Sumpfes angelangt, leerte die Frau den Sack im Gestrüpp aus und eilte auf einem anderen Wege rasch zur Stadt zurück. In der Baumschule waren zufällig mehrere Arbeiter beschäftigt, denen das Beginnen der Frau ausgefallen war. Sie durchsuchten das erwähnte Gestrüpp und fanden zu ihrem nicht geringen Schrecken in demselben die Leiche eines Knaben vor. Einer von ihnen hatte das Weib erkannt und eilte sofort zur Polizei, um die Anzeige zu erstatten. Alsbald erschien eine behördliche Commission am Fundorte der Leiche, wo sich mittlerweile, da sich die Nachricht einem Lauffeuer gleich verbreitet hatte, Hunderte von Leuten angesammelt hatten. „An den Handgelenken und am Halse - der Leiche klafften weite, anscheinend von einem Rasirmeffer herrührende Schnittwunden und wurde festgestellt, daß die Abschlachtuug des Knaben vor etwa achtundvierzig Stunden erfolgte. „Die Frau, deren Gatte, sowie endlich auch die Mutter der Frau, in deren gemeinsamer Wohnung die Kleidungsstücke des ermordeten Knaben, ferner ein Theil des Sackes, in welchem die Leiche hinwegbefördert worden war, vorgefunden wurden, nahm mau sofort in Haft. Später fand man auch noch in der Küche eingegraben einen zur Hälfte mit Asche gefüllten Topf vor. Der Kopf der Leiche war gleichfalls mit Asche dicht bestreut gewesen. „Die Untersnchung gegen die dreiVerhafteten, die natürlich dem Stamme Israel angehören, dauert fort. Vorläufig leugnen sie Alles." Beim Lesen des vorstehenden Berichtes im „Deutschen Volksblatt" war uns das seltsame Verhallen der Eltern des ermordeten Kindes sofort aufgefallen. Der Vater erachtet es für „überflüssig", daß der Polizeipräfect bei den Nachbarn nach dem Verbleib des vermißten Kindes Nachforschungen und Haussuchungen vornehmen lasse, und als der Polizeipräfect bei seinem Vorhaben verbleibt, läßt der Vater durch seine Frau die Nachbarsleute hiervon i n K e u n t n i ß setzen, „damit die Leute sich nicht ängstigen". Die Redaction der „Oesterreichischen Wochenschrift" sah sich denn auch veranlaßt, über die Vorfälle in Bulgarien an Ort und Stelle Ermittlungen zu pflegen und wir erhielten ein überraschendes Resultat. Der Bericht des „ Deutschen Volksblätt" vom 1. April entspricht in allen Punkten vollständig der Wahrheit — bis auf die letzten vier Zeilen. Es ist nämlich nicht wahr, daß die Verhafteten „vorläufig Alles leugnen", vielmehr haben sie, namentlich hat das Weib den Mord sofort eingestandeu, und es ist ferner nicht wahr, daß die Verhafteten „natürlich dem Stamme Israel angehören", es sind vielmehr guteKatholiken und sie haben den Mord blos begangen, um die Juden zu verdächtigen. Herr Vergani thut Unrecht, diese Leute zu verleugnen, deren edle Absicht es doch war, in seinem Parteiinteresse zu wirken. Die Mittheilung, welche wir aus Rustschuk erhaltenhat folgenden Wortlaut: Rustschuk,.In Philippopel (Bulgarien) ist vor 20 Tagen ein katholisches Kind im Alter von 5 Jahren vom Hause der Eltern verschwunden. Die Polizei hat sich sehr bemüht, das Kind ausfindig zu machen, jedoch Alles vergebens. Einige leichtgläubige Fanatiker verbreiteten das Gerücht, die Israeliten hätten das Kind gestohlen, um sein Blnt für die Mazzes der heramrahendm Osterfeiertage zu verwenden. Die Polizei ging der Sache energisch nach, um Ruhestörungen hintanzuhalten, doch das fanatische Volk schürte mehr und mehr die Aufiegung. Montag den 11/23. März d. I. trug eine katholische Frau, eine Nachbarin der Mutter des verschwundenen Kindes, einen Sack auf ihren Schultern und ging irr die Nichtnrrg des Waldes, der auf dem Wege nach Stanimaka liegt. — Auf dem Weg, der nach dem Orte Starrinraka führt, arrkornnrerrd, leerte sie den Inhalt des Sackes und ging wieder rrach Philippopel zurück. In diesem Momente befanden sich in der Nähe Erdarbeiter, die gesehen haben, daß die Frau ihren Sack dort errtleert hat, was ihnen aufgefallerr ist und sie waren nerrgierig, zu sehen, was es wohl sei; sie begaben sich an die Stelle, wo die Frau den Inhalt ihres Sackes entleerte urrd zu ihrem Staunen fanden sie den L e i ch n a rn eines Kindes zwischerr zwei Bäumen liegend. Ohne viel Zeck zu verlieren, sind die Arbeiter irr die Stadt gelaufen, um dieser: Fund der Polizei anzuzeigen, welche gleich nach Untersuchung der Sache constatirte, daß die Frau, welche den Leichnam dort ablagerte, eine Katholikin sei, welche auch gleich arretirt wurde. Die Leiche des Kindes, dessen Körper viele Löcher hatte, wurde ins Spital gebracht. Die Aerzte constatirten, daß das Kind erdrosselt wurde. Bei der Untersuchung gestand die katholische Frau, dast sie selbst das Kind getödtet habe. Man vermuthet jedoch, daß ihr Mann, sowie noch zwei andere Katholiken am Morde betheiligt sind, die denn auch arretirt wurden. — Aus der Untersuchung hat man ersehen, daß ohne Zweifel dieser Mord begangen wurde, um die Juden zu verdächtigen. Die Polizei hat auch demgemäß die strengsten Maßnahmen getroffen und hat um 12 Uhr Mittags folgende Ordre publicirt: „Jede Person, ohne Unterschied der Religion und Nationalität, welche sich erlauben sollte, die Israeliten zu beleidigen, wird strenge bestraft werden, denn das Kind, welches verloren war und todt aufgefunden wurde, i st vor: einer K a t h ol i k i n, der Nachbarin der Mutter des Kindes, ermordet worden. — Die Polizei hat ihre Maßnahmen getroffen." Die in Bulgarien erscheinende spaniolische Zeitschrift „El Tiempo" berichtete über den Vorfall in gleichem Wortlaut. Es ist aber kaum anzunehmen, daß die antisemitische L ü g n e r b a n d e. sich veranlaßt fühlen würde, die g efälschten Berichte zu corrigiren. In dergleichen Affaire berichtet man uns aus Lemberg: Die „Gazeta Narodowa" vom 2. d. M. schreibt unter btv Spitzmarke Ritual m o r d : „Ein Herr „K.o w" berichtet uns aus Sofia", daß beinahe jährlich vor den jüdischen Osterfeiertagen christliche Kinder auf bulgarischem Gebiete verschwinden. Dieser Bericht begnügt sich nicht mit dun gegenwärtigen Falle, sondern rccapitulirt auch frühere Fälle zur Auffrischung des Gedächtnisses. In Philippopel sollte gegenwärtig ein üjähriger Knabe, Namens „Josef", dem Ritualmorde zum Opfer gefallen sein, der „vor 3 Wochen" verschwunden sein sollte. Ein Weib sollte das Opfer in einem Sacke aus der Stadt getragen und in einen Graben neben einem Moraste geworfen haben. Nach einer genauen Beschreibung der verstümmelten Leiche, der bei Nachbarn gefundenen Kindeskleider, des unter einem Fußboden gefundenen Füßchens, enthaltend Asche, die auch ausdemKopfeder Leichebemerkt gewesen wäre.berichtet die„GazetaNarodowa", daß besagtes Weib, eine getaufte Türkin, ihre Thal auch vor dem Richter geleugnet haben sollte; sie berichtet ferner von einer Schlägerei zwischen Juden und Christen, vergißt jedoch über das richterliche Urtheil zu berichten. Der ganze Artikel ist so zweideutig geschrieben, daß durch die Spitzmarke, durch die Citirung früherer Fälle, durch Weglassung des richterlichen Urtheiles, durch die Erwähnung der Schlägerei zwischen Christen und Juden der flüchtige L.ser den Eindruck empfängt, als würde ein jüdischer Ritualmord vorliegen. Es liegt das Gegentheil vor: ein antisemitischer Rimalmord. Nicht die Juden haben ihrer Religion ein nie dagewesenes Opfer gebracht, wohl aber Hut hier der Antisemitismus einen Mord begehen, lassen, um seinem Fanatismus zu sröhnen: Beschuldigung auf die Häupter der Juden zu hänfen. Jedenfalls sollte die „Gazeta Narodowa" den Anstand haben, bei solchen Beschuldigungen das Gesammtbild deutlicher zu zeichnen, das Hauptmoment nicht zu verschweigen, die Nebenmomente nicht in den Vordergrund zu schieben, sich in perspektivischen Abkürzungen bei Darstellung der Thalsachen nicht zu gefallen und bei Beschuldigungen den ganzen Namen zu nennen. „K-o w" und „Jose f" gilt nicht, Das polnische Antisemitenblatt hütet sich wenigstens, die Verhafteten für Juden zu erklären und sucht durch eine zweideutige Darstellung den Sachverhalt zu verdunkeln. Herr Vergani dagegen genirt sich nicht, das Lügen ist sein gewohnheitsmäßiges Gewerbe. Um so nachdrücklicher muß es hier constatirt werden, in Philippopel hat es sich wieder einmal gezeigt, wessen man sich von der antisemitischen M ö r d e r b a n de z u versehen hat.