Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 14 (3.4.1896)
- Date
- 1896-04-03
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 14 Vr. Vlorh's WochrnfchrM Seite 387 „Sie sind mir ein netter Freund, das nmß ich sagen. Nun, ich gratulire mir selbst nicht." „Nein?" rief er enttäuscht. Sie schüttelte schweigend den Kopf. „Warum nicht?" fragte er ängstlich. „Weil diese erzwungene Heirat die einzige Aussicht für mich war, einen Gatten zu bekommen." David verstand diese Worte nicht ganz; er grübelte nach darüber, als Sam und Lea vorbeigingen. Sam blinzelte ihnen freundschaftlich, wenn auch nicht sehr fein zu. „Ihr Zwei scheint ja ganz gut miteinander anszukommen," sagte er. „Guter Gott!" rief Hanna, erröthend aufspringend. „Es wird schon getanzt. Die Leute werden uns fiir recht gefräßig halten. Es war närrisch von uns, auf einem Ball in ein so ernstes Gespräch uns einzulassen!" „War es ernst?" fragte David sinnend. „Nun, ich muß sagen, mir hat noch nie im Leben ein Gespräch so viel Vergnügen gemacht." „Sie meinen wohl das Souper?" sagte Hanna leichthin. „Beides. Aber Sie sind Schuld, wenn wir uns nicht besser benehmen." „Wie meinen Sie das?" „Sie wollen nicht tanzen?" „Wollen Sie's denn?" .Ja!" „Ich dachte, Sie fürchten sich vor diesen eleganten Herren?" „Das Souper hat mir Muth gemacht." „Nrm, wenn Sie wollen — das heißt, wenn Sie wirklich Walzer tanzen können." „Versuchen Sie's mit mir! Sie müssen jedoch bedenken, daß ich aus der Uebung bin. Am Cap Hab' ich nicht viel getanzt das kann ich Ihnen sagen!" Am Cap! Hanna hörte das Wort, ohne dabei ihre gewöhnliche Grimasse zu schneiden. Sie legte die Hand leicht aus seine Schulter, er umfaßte sie und dann gaben sie sich dem Rausche der langsamen, wonnigen Musik hin. (Fortsetzung folgt.) Der Flickschneider. Novelle von Klemens Junosza. ^Ausschließlich autorisirte Uebersetzung aus dem Polnischen von Malvine Slumberg.) (Schluß.) Die Hälfte des Weges hat Judka schon zurückgelegt, aber was ist das? Die Stadt nähert sich nicht, im Gegeirtheil; sie scheint immer weiter in die Ferne zu rücken und der sack wird immer schwerer. Hat der Schlachziz ihn vielleicht mit Erbsen statt mit Erdäpfeln gestillt? Nein, es sind wirklich Kartoffeln. Warum nur diese Last ihn so zu Boden drückt? Anfänglich hatte sie ihm gar nicht so schwer geschienen und die Abspannung war auch nicht so fühlbar gewesen. Jetzt senken sich die Lider über die müden Augen, die Füße versagen den Dienst, Judka muß ausruhen .... er kann nicht weiterj gehen.. .. Glücklicherweise erhebt sich hier am Wege ein Hügel, auf dem gelbes, dürres Gras wächst. Einst stand dort eine mächtige Eiche, deren einziger Ueberrest, ein breiter, schwarzer Baumstumpf, noch sichtbar ist. Ein prächtiger Ruheplatz! Judka legt den Sack auf den Baumstumpf und läßt sich aus den Hügel nieder. Er hat noch Zeit. Der Nebel hat sich gesenkt und die bleiche, schläfrige Sonne, deren Strahlen durch die Wolken zum Durchbruch kommen, verkündet, daß die Mittagsstunde noch nicht da ist. Judka setzt sich und denkt nach, warum der liebe Gott dem Menschen so dämme, schwache Füße gegeben hat. Wahrscheinlich aus dem Grunde, weil er ihn mit einem durchdringenden Verstand begabte.... Ja, so wird es wohl sein! Indessen läßt sich dies nicht auf alle Leute anwenden. Welch' wunderbare Beine hat zum Beispiel ein Makler; wie ein Hase läuft er den Geschäften nach! Alber einen so feinen Warschauer Ueberzieher verfertigen, das kann er nicht, und mehrere Nächte nacheinander nicht schlafen — ebenso wenig. Es scheint schon so bestimmt zu sein in der' Welt. ^Entweder Talent oder Gesundheit. Judka hat Talent. In Gedanken zählt er die Röcke, die er in der letzten Zeit genäht. Reizende Röcke! Dann sucht er zu errathen, was Bajle für den Sabbath wohl gekocht haben mag? Wahrscheinlich lauter gute Dinge. Ach, solch' ein sabbath ist doch ein herrlicher Tag! Man ißt, schläft und preist den Schöpfer. Wer den Sabbath zu feiern besohlen, war sehr weise! ... O ja! .. . . Judka's Gedanken schweifen in die Vergangenheit — vor seinem inneren Auge wechseln die Bilder wie irr einem Kaleidoskop. ... Er sieht sein ganzes Leben vor sich — ihm wird so schlimm.Was wieder? Das ist nur Uebermüdnng, der Schlaf fordert seine Rechte. Judka's Hailpt senkt sich auf die Brust, der Körper neigt sich seitwärts. Der Aermste legt die Hände unter dem Kops, streckt die Füße von sich und — schläft ein. Zwei Krähen fliegen herbei, lassen sich aus einen Feldrain nieder und betrachten den Flickschneider mit großer Aufmerksamkeit. Wahrscheinlich wundern sie sich über den am Wege schlafenden Juden; denn daß derselbe nicht tobt ist, wissen sie ganz genan, bah! Krähen kennen den Unterschied zwischen Schlaf und Tod. Die Sonne neigt sich schon zum Untergang, als ein dreispänniger Leiterwagen rasch vorüberfährt. Trotz des schlechten Weges greisen die kräftigen, gutgefütterten Pferde tüchtig aus. Die Insassen des Wagens sind: Herr Jacenty, ein Pächter aus der Nachbarschaft, und Grzela, sein Kutscher. Wahrscheinlich fahren sie in die Stadt, mn eine Maschine abznholen, denn der Wagen ist sorgfältig mit Stroh ausgebettet und mit Futter fiir die Pferde sind sie aus mehrere Tage versehen. „Halt, Grzela!" ruft Herr Jacenty, „sieh' nur, was liegt dort am Wege?" Grzela hielt die Pferde an. „Ich glaube, Herr, es ist ein Jude..." „Ist er betrunken? Oder vielleicht krank?" „I/ Herr, er ist am Ende todt; da ist es am rathsamsten, weiter zu fahren; man könnte uns als Zeugen vor's Gericht fordern." Sicherlich. Wenn er todt ist, machen wir, daß wir fortkommen, aber falls er lebt, nehmen wir ihn mit." Grzela sprang vom Wagen himmter. „Herr," sagte er erstaunt, „das ist Judka, der Schneider aus Losice! Aber er lebt, denn er athmet noch ein wenig." „Judka!" rief Herr Jacenty mit dröhnender Stimme, „weißt Du denn nicht, Canaille, daß der Samstag im Anzuge ist?" Erschrocken sprang Judka in die Höhe, blickte unl sich und konnte sich zuvörderst gar nicht daraus besinnen, was mit ihm geschehen und wieso er hergekommen war. „Steig' auf!" sagte Grzela. „Wir werden Dich mitnehmen-" Dankend und fast bis zur Erde sich neigend nahm Judka das Anerbieten an. Er klettere mit seiner Last aus den Leiterlvagen und erzählte nun dem Pächter, woher er komme. „Aber so am Wege hinzusallen," sagte Herr Jacenty halblaut wie zu sich selber, „das ist doch sonderbar! Gar nicht wie ein Mensch." „Nu," erwiderte Judka, „bei uns sagt man ja: eine Henne ist kein Vogel, eine Ziege ist kein Vieh und Schneider sind keine Menschen..." „Keine Menschen! Wieso? Was bist Du denn?" „Nu, sie sind ja Menschen, und doch wieder nicht, denn sie sind ja Schneider..." „Geh', das ist unverständliches Geschwätz! Und wer hieß Dich vier Nächte nacheinander schlaflos zubringen?" „Niemand. Alber sehen Sie, jeder Mensch muß leben; ein Schneider muß auch ein Bischen leben; und wenn er will leben, so kann er nicht schlafen, denn wenn er wollte schlafen, so könnte er nicht leben. Das ist doch eine ganz einfache Erklärung." „Ein gescheidter Jude!" mischte sich hier Grzela in's Gespräch. „Die Canaille findet doch immer Ausflüchte!" Mehrere Stunden später saß Judka in einem neuen Rock und einer spitzen Pelzmütze an einem weiß gedeckten Tische und Frau Bajle, mit einer alterthümlichen, mit Blumen und gelben Bändern