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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-04-03 · 14 (3.4.1896) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
14 (3.4.1896)
Date
1896-04-03
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 278 Dr VLvch's WortzenMrrltr Nr. 14 ließ seinen sogenannten „tiefbetrübten" Kindern, die, auch in unserer „leistungsfähigen" Zeit bemerkenswerthe Summe von hundertundfünfzig Millionen Silber- Rubel. Dieser bedeutende Erblasser hat die Armen und Nothdürftigen seiner Stadt und seines Vaterlandes mit — keinem HWösWA bedacht. Nicht etwa aus Vergeßlichkeit oder weil der 'Tod WrÄkMaschte — nein, er starb nach langer Krankheit und bei vollem Bewußtsein. Aber aus — Princip. 'Er hat nämlich auch wlchrend seines laugen Lebens nie einen Groschen zu wohlthäügen Zwecken gespendet, nie einen Groschen einem Armen gegeben. Sein Tasche n-Wörterbuch enthielt die Wörter „Mitleid"- und „Wohlthätigkeit" nicht. Er fand es geradezu unbegreiflich, daß Menschen von chrem eigenen Hab und Gut etwas für fremde Leute ausgeben. Der Mann war die verkörperte Geldgier. Uebrigens ein Seif made man, der keine Mittel scheute, um sich zu bereichern. Erschreckend hartherzig und rücksichtslos. Ein Exploitirer ohne Furcht und Gewissen. Ein Sweater, ein Arbeiterausbeuter und überhaupt ein Blutsauger, wie es kaum die üppigste Phantasie eines socialdemokratischen Märchenschreibers ausden.-en würde. Uebrigens ein schr bescheidener Mann, der selten von sich hören ließ. Nur einmal wurde sein Name in der ganzen civilisirten und auch uncivilisirten Welt viel genannt. Es war vor mehreren Jahren. Die gesummte Presse des In- und Auslandes brachte damals lange Berichte über einen Proceß wegen einer riesigen Zolldefraudation in Taganrog; es handelte sich um die Bagatelle von dreißig Millionen Rubel. Der Zolldefraudant war unser braver Mann. Er ruhe sanft! Er ruht auch sanft. Die russische Presse und speciell die antisemitischen Blätter, die doch sonst so allwissend und so mittheilsam sind und die so gerne das Richteramt über Lebende und Todte ausüben, beobachten diesem bemerkenswerthen „Todesfall" gegenüber eure vielsagende Grabesstille. Und Diejenigen, welche von dem „großer: Todten" sprechen, thun es mit gutmüthigem Humor. Sie nennen ihn in gemächlicher Weise einen „komischen Kauz", einen „Sonderling", nur Einzelne versteigen sich bis zum Ausrufe „merkwürdiger Geizhals". Sie finden es „drollig", daß der'hundertfünfzigfache Millionär nie ein Almosen ab. Sie finden es „spaßig", daß der hundertfünfzigfache Millionär nieeinen Groschen zu Humanitären, patriottschenoder' Bildungszwecken gab. Sie finden es „urkomisch", daß der Hundertfünfzigsache Millionär, als man chm während des russisch-türkischen Krieges um eine Spende zum Besten der verwmrdeten Krieger angrng, ganze 75 Kopeken (-- 1 fl.) hergab! Und viele ähnliche „edle Züge" des große» Erblassers werden sine ira et studio in den versteckten Winkeln der Tagesblätter unter. „Vermischtes" als „Curiosum" erzählt. Warum diese unerhörte Nachsicht? Nun, die Auflösung dieses Räthsels ist nicht schwer! Der brave Mann war nämlich ein — verzeihen Sie mir das harte Wort — Urarier, ein rechtgläubiger Grieche!*) Also — Schwamm d'rüber! * * Rrrr .. . ein anderes Bild. Es war einmal ein reicher Jude. Nun, das ist etwas Seltenes. Dieser reiche Jude war sehr wohlthätig. Nun, das ist etwas Gewöhnliches. Er übergab der jüdischen Gemeinde seiner Stadt 200.060 Rubel zur Gründung einer Bank für Handwerker, die den unbemittelten Gewerbetteibenden zinsenfteie Darlehen zur Anschaffung von Werkzeugen rc. und zur Erweiterung ihres Betriebes ertheilen soll, 9tnn, das ist originell und human und sehr nutzbringend. Aber die jüdische Gemeinde nahm diese hochherzige Spende nicht an. Warum? Weil der Spender die Bedingung stellte, daß im Curatorium der Bank auch ein Nichtjude vertreten fein soll, und darauf ging die jüdische Gemeinde nicht ein, da sie befürchtete, daß dann auch nichtjüdische Handwerker von der Spende des jüdischen Wohlthäters profitiren werden. — Das ist ja sehr unvernünftig, sehr tactlos, schr eng national, schr ...! Ereifern Sie sich nicht, meine Herren! Ich habe Sie mystificirt. Die Geschichte war ganz anders. Ein reicher Jude in Kiew übergab der dorttgen Municipalität (die bekanntlich aus Nichtjuden besteht) ein Capital .von zweimalhunderttausend Rubeln zur Gründung einer Barrk für Kiewer Handwerker. Der hochherzige Spender wagte aber die Bedingung zu stellen, daß auch ein einziger Jude — nämlich er selbst — im Curatorium *} Der Name des Iheuren Verblichenen ist V a l i a n o. der Bank vertreten sein soll. Natürlich war man über diese Arroganz höchlich enttüstet, und' die Gouvernementsbehörde wollte die Statuten der Bank wegen der genannten Bedingung nicht bestätigen. Juden sind aber bekanntlich sehr zudringlich und sehr hartnäckig, und so gelang es dem jüdischen Spender, die obrigkeitliche Bestätigung doch zu erwirken. Jetzt weigert sich aber die Municipalität, die Spende anzunehmen, weil sie fürchtet, daß auch einigen jüdischen Handwerkern die Spende des jüdischen Wohlthäters zugute kommen wird! — Nun, da hat wahrscheinlich der Jude sein Geld einge- ' strichen undden edlen Stadtvätern mit Verachtung den Rücken gewendet? ' I, Gott bewahre! Die Juden haben ja bekanntlich keine Ehre. Und deswegen Ammert sich der genannte Wohlthäter mehr um die Bedürfnisse der Kiewer Handwerker (die zu 90 Percent Nichtjuden sind), als um seine „Ehre". Und so bettelt er noch immer die Municipalität um Annahme seiner 200.000 Rubel. O, diese Juden! Ob der edle Wohlthäter es d o ch nicht zu lveit tteibt? ... __ I. Tawjew. Vom Jahrmarkt des Lebens. Deutsch oder Liberal? Solange das deutsche Element in Oesterreich Vorkämpfer des Liberalismus ward, durfte es in Oesterreich eine deutschliberale Partei geben. Nachdem gerade die Deutschen die Kerntruppe der Reactton geworden sind, wird sich» die Partei entscheiden müssen, ob sie in erster Linie liberal oder deutsch sein will. Man kann nicht zweien Herren dienen. Bisher haben die Deutschen das allerdings. Dank der blinden Gefügigkeit der jüdischen Wählerschaft, fertig gebracht. Das muß aber einmal ein Ende haben, es ist Sache der jüdischen Wähler, die Leitung der deutschliberalen Partei zu der ehrlichen Stellungnahme zu zwingen, zu der sie aus sich heraus nicht den guten Willen oder nicht genügend Kraft hat. Das „Freie Blatt" nimmt den Führer der Deutschen in Budweis, Herrn Daschek gegen anttsemitische Angriffe (der „Ostdeutschen Rundschau") in Schutz. Zur Rechtfertigung des Herrn Daschek wird angeführt (Nr. 207, S. 3), er habe erklärt, daß alle Wählerkreise bei Aufstellung von Carrdidaten berücksichtigt, also auch, wenn sich ein antisemitischer Wählerkreis findet, dieser zu gemeinsamen Besprechungen über Wahlangelegenheiten einberufen werden solle, eben aus dem Grunde, weil Einigkeit notwendig ist. ' Man hat also die Frechheit, von den jüdischen Wählern Böhmens eine Cooperation mtt den Anttsemiten zu erwarten, selbst ein Blatt, das der Bekämpfung des Antisemitismus dienen soll, scheint das nicht unnatürlich zu finden. Die Juden Oesterreichs, besonders Böhmens, müssen sich sehr charakterlos benommen haben, daß man eine derarttge Zumuthung an sie stellen darf. Weit anständiger scheinen sich die czechischen Anttsemiten zu benehmen. Wenn nach derselben Nummer des „Freien Blattes" der akademische Verein „Krakovce" aus Antisemitismus einen Beitrag der Rakovitzer Juden von 20 fl. abgelehnt hat, so sttcht ein solches Verhalten höchst vortheilhaft von dem Verhalten der deutschen Anttsemiten ab, die für ihre Casinos erst das Geld bei Juden zusammenschnorren und nach Empfang des Geldes in Antisemittsmus machen. Da der Anttsemttismus (siehe die Angriffe Lueger's gegen den „Polen" Badeni) zur Zeit stark in Deutschthum macht, ist es der reine Selbstmord der Juden, den Deutschen blind Gefolgschaft zu leisten. Es liegt für die Juden wahrhaftig keine V e ranlassung vor, deshalb gegen Czechen oder Polen eine gegnerische Stellung einzunehmen, weil die deutsche Partei den Liberalismus im Parteinamen führt, den sie in der Wirklichkeit seit Jahren nicht mehr bethättgt hat. Lecky über den Antisemitismus. Der berühmte Historiker, Professor Lecky, der Verfasser des Werkes „Geschichte Europas im 18. Jahrhundert", kommt in seinem neuesten, soeben publicirten Werke, „Volksherrschaft und Freiheit" (Democracy and Liberty ) auf die Pest unserer Zeit zu sprechen, und es fallen wahrhaft vernichtende Worte über den Antisemitismus. Abgesehen von seinen Aussprüchen über die Judenverfolgungen in Rußland, verdient sein Urtheil über Frankreich wörtlich ausgesprochen zu werden. „Man könnte an dem Fortschritte der Menschheit verzweifeln, wenn man sieht, welche Verheerungen der anttsemitische Wahnwitz in den menschlichen

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