Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 13 (27.3.1896)
- Date
- 1896-03-27
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Nr. 13 Seite 258 Dr. Blortz's Worhenfürrift schied zwischen Juden und Christen zu machen. In der „Stadt der reinen Veritunft" habe man die humanistischen Bestrebungen und die Toleranz immerdar hochgehalten, und so knüpfte er mit seinem Thema nur an jene vom Vereine und von ihm verfolgten Bestrebungen der Toleranz und der Humanität^ an. In Nathan und Shylok erblickt nun Wichert die dramatische Verkörperung der Tvleranzideen. Eine unüberbrückbare Kluft scheine zwischen den beiden Charakteren zu liegen, und dennoch sei es möglich, eine Parallele zwischen beiden Gestalten zu ziehen. Hier Nathan, die dichterische Verklärung eines edlen Menschen, dort Shylock, die tiefste Schmachgestalt des Juden. Der Vortragende beleuchtete . literar-historisch die Entstehung .des Nathan, die Tendenz des Stückes und charakterisirte die einzelnen Personen. Bon der Gestalt des Nathan sagte Wichert, daß Lessing nicht den Juden verherrlichen, sondern nur zeigen wollte, daß auch der Jude ein sittlich vollkommener Mensch zu sein vermag. Der Dichter wollte überhaupt keine der drei Religionen bevorzugen, das zeige ja die Fabel von den drei Ringen. Lessing erstrebte mt Nathan eine Verkörperung der Toleranz, um zu verkünden, daß den Werth des Menschen sein sittliches Verhalten bemesse. Wicherr wendete sich nunmehr dem Shylok zu. Es sei die „tiefste Schmachgestalt", doch habe der Dichter sie trotzdem unserem menschlichen Empfinden nahe zu bringen gesucht. Der Vortragende führt den Beweis aus den Worten Lhylock's heraus. In seinem Nationalitätsgefühl, in seinem Gefühl als Mensch und in seiner Familienehre sei der Jude auf's Härteste getroffen. Shylock könne also gar kein Anderer sein, als wie er uns entgegentritt, und so leuchte aus dieser Gestalt, gerade, weil sie auf der anderen Seite mit so viel des Häßlichen behaftet ist, noch stärker als im Nathan die Humanitätsidee siegreich hervor. Wichert schloß, nachdem er so die beiden Gestalten in Parallele gestellt, mit den bemerkenswerthen Worten: „Möge dies göttliche Lchonungs- und Tuldungsgefüyl der Nation erhalten bleiben!" Dem geistvollen Vortrage folgte der lebhafteste Beifall. Berurtheiluug eines Pfarrers. B v z e n, 17. März. Das Bozener Schwurgericht verurtheilte in geheimer Verhandlmtg den Pfarrer Johann Groß in Pauls, eisten Mann von 43 Jahren, wegen unsittlicher,^ an Schulmädchen verübter Verbrechen zu dreieinhalb Jahren schweren Kerkers.. Ein Scandalbild. In Paris hat ein Anonymus, der auf den Anschlagezetteln als „großer ungarischer Meister" bezeichnet wurde, tit dem Locale des - Art latemationai“ die Ausstellung eines Tendenzbildes: „Scene eines Mtualmvrdes in Ungarn" veranstalten lassen, bei der er die Malweise und Nuancen Munkacsy's in Anwendung brachte. Da tum alle Welt hinter dem „großen ungarischen Maler" Munkacsy vermuthete, so wollte dieser, um sich vor Verdächtigungen zu schützen, die Sache klargestellt wissen. Die Aussteller beharrten dabei, den Namen des großen Unbekannten nicht zu veröffentlichen, so daß das Publicum trotz aller Proteste Munkacsy's in dem Glauben erhalten wurde, es handle sich um eines seiner Werke. Munkacsy ist ein heißblütigem Ungar, und so kam es, daß er in Begleitung seiner Frau und eines Bedienten sich in die Ausstellung begab, um laut Verwahrung gegen das ihm zugeschriebene Machwerk einzulegen. Er verlangte abermals die Namensnennung des malenden Anonymus, die ihin aber wieder verweigert wurde, worauf Munkacsy unter der Drohung, er werde sich schon Recht zu verschaffen wissen, sich entfernte. Tie Sache wird demnach noch ein gerichtliches Nachspiel haben. Uebrigens ist die Darstellung des Tendenzbildes so scandalös, daß die Polizei schon aus Sittlichkeitsgründen dessen Ausstellung verbieten könnte. Kaufleute und Spitzbuben. Die antisemitischen Agrarier in Deutschland betreiben die schmählichste Classenhetze. In Bosenheim (Rheinhefsen) sagte in einer Versammlung von Landwirthen ein Agitator Namens Lucke: Auffallend sei es, daß die Götter Hermes und Mercur der Griechen und Römer nicht nur die Schutzpatrone der Kaufleute, sondern auch der Spitzbuben gewesen seien. Es gehe daraus hervor, daß schon die Alten Kaufleurc und Spitzbuben nicht deutlich hätten unterscheiden können. Dabei war Lucke so unverfroren, zu bemerken, er wolle gewiß nicht die Bauern gegen den Kaufmannsstand verhetzen. Antisemitische Presse gegeneinander. Me schön vermählt sich im Schönerer-Blatte tiefer Ernst mit liebenswürdigem Scherze! Zwei Stichproben seien hiefür angeführt. Zunächst nachstehende Würdigung der Wiener antisemitischen Presse: NüchternerIV. Wahrhaftig eine nette „christliche" Presse : Bei der „Neichspost" der (nunmehr weiter zurückgeschobene) Jude Spitzer- Weimar — beim „Deutschen Volksblatt" der ... . Vergani — und der Herausgeber des „Illustrieren christlichen Extrablatt" wegen Cautionsunterschlagung'inUntersuchung! Wir beglückwünschen Herrn Dr. Lueger zu seiner Public! st ischen Garde. Und mit einer solchen Gesellschaft sollten wir Schönerianer Hand in Hand gehen? Nur eine, auf den Grundlagen reiner germanischer Moral süßende Volksbewegung wird im Stande sein, der jüdischen und christlichen Corruption den Garaus zu machen. Der Wiener Lueger - Rummel nie und nimmermehr. Eine wahrhaft deutsche Politik muß denn doch anderen Ursprunges sein, als dieser tolle christlich-sociale Humbug. Heilo! Dazu bemerken wir, daß vor dem Namen Vergani sich ein Epitheton findet, das nichts weniger als «rnan8 ist, das wir aber zu wiederholen uns versagen müssen; - es ist nämlich von einer solchen criminellen Anzüglichkeit, daß sich Vergani dasselbe wohl imr von Schönerer gefallen läßt. Alten Freunden (zu denen wir uns nicht zählen dürfen) verzeiht man auch dann die Wahrheit, wenn sie bitter ist. Von Ernst — Vergani zum heiteren Scherze ist nur ein Schritt. Schönerer macht ihn, indem er Folgendes schreibt: Frankbeit. Für die anläßlich der achten Wiederkehr des Todestages Kaiser Weißbarts an mich gerichtete Zuschrift sage ich hiermit bellen Dank. U. d. Gr. Sch. Heilo! Bei der Geburt des nächsten Hohenzollern-Sprößlings wird Herr Schönerer wohl Gratulationen entgegennehmen. Heilo! Antisemitischer Aberglaube. In Jgersheim starb vor längerer Zeit ein Jude. Wie üblich, eilten die Mitglieder des jüdischen Sterbevereines herbei, um die nvthwendigen Gebete zu sagen, d. h. um mit dein Gebete „Schma Israel" rc., also mit der Anerkennung Gottes, den letzten Atheinzug des Sterbenden zu begleiten. Die christlichen Einwohner Jgersheims, die diesen jüdischen Brauch nicht kannten und begriffen, erklärten öffentlich, die Juden hätten dent Manne den Hals mit einem Strick zugezogen, denn das sei Sitte bei ihnen. Allen Ernstes wurde den Israeliten in öffentlichen Localen diese Beschuldigung entgegengeschleudert, so daß der Stationscommandant, der Vorgesetzte des Gendarmeriepostens in Mergentheim, es für angezeigt hielt, nach Jgersheim zu gehen, um sich zu informiren, ob an diesent Gerede etwas Wahres sei! Auch das ist "ein Beweis dafür, daß im modernen Judenhaß noch viel mittelalterlicher Aberglaube steckt. Correspondenzen. Wien, 20. März. („P o l i t i s ch e r V o l k s v e r e i n.") In einer äußerst zahlreich besuchten Versammlung des „Politischen Volksvcreines" wurden gestern zwei actnelle Fragen, die! Vorgänge an der Universität und die Wiener Gemeinderathswählen, besprochen. In ausführlicher, sowohl nach Form ivie Inhalt ausgezeichneter Rede, besprach der Vereinsvbmann Dr. Fialla die „eigenthümliche Märzfeier", welche ein Theil der antisemitischen Studentenschaft veranstalten zu müssen glaubte. Die Vorgänge an der Universität seien eine unsäglich düstere Erscheinung, welche zunächst dein Menschenfreund und den Patrioten und zuletzt erst den Inden mit tiefster Trauer erfüllen müssen. Der' angegriffenen Studenten sich anzunehmen, liege kein Anlaß vor, sie haben gezeigt, daß sie Mann genug sind, um sich zu vertheidigen. Ueber die Ueberhebung, welche in! der Begründung der Beschlüsse der wehrhaft deutschen Studenten liegt, könne man mit tiefster Verachtung hinweggehen; als Milderungsgrund könne gelten, daß diese Studenten nur irregeleiteten Opfer außerhalb ihrer Kreise stehender Demagogen sind. Mit vollem Vertrauen könne man den von der Regierung angekündigten Amtshandlungen entgegensehen. Die Studenten aber, welche so mannhaft für ihr Recht eingetreten sind, müssen mit allen Mitteln.unterstützt werden. Je mehr Zucht und Sitte auf Seite der Gegner schwinden, um so höher müssen diese Eigenschaften von den jüdischen Studenten hvchgehalten werden. Dr. Fialla empfahl am Schluffe seiner mit stürmischem Beifall aufgeiwmmenen Rede die Annahme einer Resolution, in welcher die diffamirende Begründung des Beschlusses eines Theiles der antisemitischen Studenten mit Entrüstung zurückgewiesen, den jüdischen Studenten für ihre Haltung der Dank ausgesprochen und die Organisirung einer Action zur thatkräftigen, moralischen und materiellen Förderung der jüdisch-akademischen Vereine ver-