Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 11 (13.3.1896)
- Date
- 1896-03-13
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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(Seite 220 Dr. Blortz's Wochenschrift. Nr. 1L terefse entgegenbringen, als gerade die edle Kunst des Geigenspieles besondere Naturveranlagung bedingt, die außer einem richtigen Gehör noch ein starkes empfindungreiches Temperament erfordert. Für uns sind diese musikalischen Wunderkinder aber auch noch ein Gegenstand besonderen Interesses. Sie sind nämlich sämmtlich Juden. Vor Allem sind die 4 jugendlichen Virtuosen anzuführeu: Max Gibianski 10V- Jahre, Bronislaw Hubermann 13 Jahre, L. Sussmann 13 Jahre, L. Argewlisch 15 Jahre, die erst in den letzten Wochen durch ihre außergewöhnliche Begabung allgemeines Aufsehen erregten. Namentlich muß der kleine Max Gibianski hervorgehoben werden , der erst das zehnte Jahr überschritten und doch seinerkleinen Geigedie wundervollsten kräftigen Töne zu entlocken weiß. Der zarte Knabe, dessen Vater, nebenbei bemerkt, ein bekannter hebräischer Literat aus Warschau ist, errang sich in kürzester Zeit die Sympathien der ersten Cavacitäten des Geigenspieles, vor Allem des Geigerkönigs I o a ch i m, was füglich als bestes Zeugniß für seine geniale Veranlagung angesehen werden kann. Wie viele solcher Talente mögen aber wohl in der Armuth und Unwissenheit, die den Osten beherrschen, ohneweiters zu Grunde gehen? Driburg, 1. März. Die „Driburger Zeitung" enthält das folgende charakteristische Inserat: Widerruf und Erklärung. Das zu Cassel erscheinende Antisemitische Volksblatt enthält in seiner Nummer vom 28. September 1885 einen Schmähartikel, betitelt: „Juda in der Sommerfrische", dessen Verfasser und Verbreiter ich bin und der gegen Herrn Alex Flechtheim zu Brakel und deffen Familie gerichtet war. Herr Flechtheim erhob darauf gegen mich bei dem königlichen Amtsgericht zu Brakel Privatklage, und wurde ich in der am 13. December vorigen Jahres stattgefundenen Sitzung des Schöffengerichts der Thäterschaft überführt und zu einer Gefängnißftrafe von zwei Monaten kostenpflichtig verurtheilt. Herr Flechtheim hat sich aus Rücksicht auf meine Verwandten und auch, weil ermit meinem verstorbenen Vater befreundet war. bereit erklärt, gegen diese Erklärung und gegen bereits erfolgte Zahlung einer Buße von 500 Mark, welche an Arme und Kranke der Stadt Brakel zu vertheilen sind, sowie ferner gegen Uebernahme der Kosten den Strafantrag zurückzuziehen. Ich erkläre nun hiermit, daß alles Nachtheilige, was besagter Artikel über Herrn Flechtheim und dessen Familie enthält, Verleumdungen und Entstellungen der schändlichsten Art sind und daß meine Handlungsweise um so verwerflicher war. als mir jedweder Anlaß dazu fehlte, da ich niemals persönlichen oder gesellschaftlichen, noch geschäftlichen Verkehr, sei es mit ihm, sei es mit feiner Familie, gehabt habe. Brakel, den 29. Jänner 1896. Vincenz Brinkmann, zur Zeit Driburg. Rumänien. Der Ministerpräsident versprach vor kurzer Zeit einer jüdischen Deputation, Schritte zu unternehmen, um die Schwierigkeiten, die sich jüdischen Kindern beim Besuche einer öffentlichen Volksschule entgegenstellen, zu überwinden. Der Unterrichtsminister hat auch tatsächlich einen Gesetzentwurf vorbereitet und die Regierungsblätter melden, Artikel I laute, daß der Unterricht an Volksschulen Allen, ohne Unterschied des Glaubens und der Nationalität, unentgeltlich gewährt sei. Eine nähere Prüfung des Gesetzes hat indessen ergeben, daß es die Einschränkung aufrechterhält, die Binder von Fremden (also von Juden) seien ausgeschlossen. Nun haben 354 christliche Studenten an der Bukarester Universität eine Bittschrift an das Parlament geschickt, welche Befreiung auch der jüdischen Kinder vom Schulgelde verlangt. Die hiesigen unabhängigen, politischen Zeitungen haben einen Feldzug zu Gunsten der Juden eröffnet und bestehen auf den unbestreitbaren Rechten derselben. London. Es wird Ihre Leser sicher interessiren, über die letzten Verfügungen des verewigten Sir Julian Goldsmid Näheres zu erfahren. Die Testamentsvollstrecker, Mr. Frederic, David Mocatta, Sir Charles James Jeffel, Baronet, Dr. Sidney Phillips und Mr. Richard Lake Harrison erhielten jeder die Summe von 500 Pfund. Das Testament enthielt folgende Wohlthätigkeitslegate: Für das University College Hospital 2000 Pfund; für das Royal Free Hospital 2000 Pfund; für datz jüdische Hospital Norwood1000 Pfund; für die Jew's Free School 1000 Pfund; für die Jew's Jnfant Schools 2000 Pfund u. s. w. u. s. w. Jede seiner fünf Schwestern und sein Schwager erhalten je 100 Pfund,seine vier unverheirateten Töchter je 25.000 Pfund u. s. w. Der reine Werth der Hinterlassenschaft, für welche 8percentige Steuern bezahlt wurden, beträgt 1 Million 100.000 Pfund Sterling. London. (Der englische Schubert.) So wird der älteste unserer lebenden Componisten einstimmig von der englischen Kritik genannt, Mr. Charles Salaman, der vor einigen Tagen seinen 82. Geburtstag feierte. Schon als er i 17 Jahre alt war, kannte man den jungen Künstler, der später ' oft vor der Königin Victoria und König Albert spielen mußte. Als 16jähriger Jüngling reiste er in der Gesellschaft des berühmten Schauspielers Charles Kean zum dritten Shakespeare-' jubiläum nach Stratford. Sein Onkel Mr. Isaak Cowen hatte zu dieser Feier eine Ode gedichtet, und der junge Salaman war beauftragt, dieselbe in Musik zu setzen. Er spielte oft mit Liszt, kannte Mendelssohn vortrefflich und zählte Schumann, Hummel, Moscheles, Meyerbeer, Spohr, Thalberg, Wagner, Heller, Balfe, Wallace, Czerny, Verdi und Gounod zu seinen persönlichen Bekannten. Er besitzt einen Brief der Witwe Mozart's aus Salzburg. Er hat die besten englischen, französischen, italienischen, deutschen, spanischen und hebräischen Lieder in Musik gesetzt. Ein Ave Maria hat den Weg in die St. Peterskirche zu Rom gefunden, seine Composition des 84. Psalms wird in der Westminster-Abtei und in fast allen englischen Kirchen gesungen. London, 1. März. Sir Samuel Montagu hat auf die Frage eines Interviewers, welche Meinung er über die neuaufgetauchte Idee des „jüdischen Staates in Palästina" hege, erklärt, daß die Freigabe der Einwanderung seitens der türkischen Regierung die Lage unserer russischen Brüder, welche in Massen dorthin wandern würden, mit einem Schlage bessern werde. Leider sehe die türkische Regierung nicht ein, daß ihr selbst der größte Nutzen daraus erwachsen würde. Die Geldfrage spiele keine Rolle; heute betragen die Einkünfte Palästinas 1.600.000 Mark, eine rationelle Kaufsumme also 40 Millionen Mark; aber wenn auch vielmehr gefordert würde, sei es sicher, daß der Betrag vielfach überzeichnet werden würde. Leider liege die Realisirung dieser Pläne noch in sehr ferner Zukunft. Petersburg, 21. Februar. Es ist das traurige Schicksal der Juden, daß sie nicht nur durch geborene Feinde, sondern auch durch Abtrünnige, die zu ihren Stammes- und Glaubensgenossen zählten, Leiden und Verfolgungen erfahren. Auch in Rußland haben wir dies nur zu oft erlebt, und die verhängnißvollen Anklagen, welche Renegaten, wie Brafmann und Andere gegen sie schleuderten, waren Wasser auf die Mühle jener Judenfeinde, die mit Eifer Alles, auch wenn es noch so sehr den Stempel der Lüge aufgedrückt hat, verwerthen, um die Borurtheile und den Haß gegen die Juden zu nähren. Umso wohlthuender muß es berühren, wenn trotz alledem und alledem manche Erscheinung dafür spricht, daß es doch auch Gerechtigkeit für Juden gibt, daß ihre Verdienste anerkannt und gewürdigt werden. Als im letzten russisch-türkischen Kriege der „Regierungsbote" die Namen zahlreicher jüdischer Soldaten nannte, die mit Heldenmuth gekämpft, die die höchste militärische Auszeichnung für Tapferkeit erhielten, da wurde manche wohlwollende Stimme für die Juden laut und ihre Verleumder legten sich einige Reserve auf. Daß der Patriotismus, das Pflichtgefühl der Juden nicht geringer ist. als das der Andersgläubigen, das könnte man auch in Rußland an den wenigen Juden erkennen, die Aufnahme m den Staatsdienst fanden. Da wurde vor Kurzem das Dienstjubiläum des Lieutenants Abel Oschanski gefeiert, und der Regimentscommandant verlas den Jubiläumsukas, in welchem die Verdienste des Osficiers so enthusiastisch anerkannt wurden, daß man wohl sah, daß dieser jüdische Officier. der in mehreren Schlachten Wunder an Tapferkeit verrichtet, sich die Verehrung feiner Kameraden errungen hatte. Ungemein große Verdienste um die gesammte russische Armee hatte sich auch der kürzlich verstorbene jüdische Militärarzt Dr. David Wywodjew erworben. Er hat für das Kriegslazarethwesen Einrichtungen getroffen, die geradezu epochal waren und von allen europäischen Militärspitälern nachgeahmt wurden. Er war aber auch ein Philantrop, der fast Alles, was er erwarb, den Familieü armer, verwundeter Soldaten schenkte. Er starb als armer Mann, obgleich er große Revenuen hatte. Die russischen Blätter haben in ihren Nekrologen auch einmüthig diesen edlen Mann gewürdigt, der als Jude gelebtund gestorben. Eine ebenfalls unbestrittene Anerkennung und Würdigung in allen Blättern wurde dem kürzlich verstorbenen