Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 9 (28.2.1896)
- Date
- 1896-02-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 172 Nr. 9 Dr. Vloch's Wochenschrift Der Bekehrungseifer aber ist immer intolerant, ja er ist nur aus der Intoleranz zu erklären, wenn diese auch nicht immer eine häßliche Form annimmt und oft auf das liebenswürdig sein sollende Bedauern darüber sich beschränkt, daß der Andersgläubige nicht selig werden kann. Auf den Letzteren macht die ungebettue Bekümmerniß um sein Seelenheil, und wenn sie noch so höflich wäre, am Ende denselben unbehaglichen Eindruck, wie wenn man ihm beim Essen auf den Mund sieht oder ihm in die Rocktasche greift, um zu sehen, was darin ist. Seine Taschen will doch Jeder für sich haben und wer unbe- ' rufenerweise hineingreift, den muß er für einen Dieb oder Räuber halten, jedenfalls versieht er sich nichts Gutes von ihm. Wie leicht artet aber der Bekehrungseifer in Fanatismus aus! Darum war der erstere immer am heftigsten in den Zeiten, in welchem der letztere am größten war, wie zu den Zeiten der Waldenser, oder in den Kreuzzügen. Der preußische Cultusminister hat zwar ganz kürzlich (Telegramm der „Neuen Freien Presse", Abendblatt Nr. 11298, Seite 3), um die jüdischen Lehrer für den Geschichtsunterricht zu disqualificiren, von dem „erhebenden Eindruck der Kreuzzüge auf die kindlichen Gemüther" besprochen, aber wer einmal einen Blick in die Schilderungen der Judenverfolgungen des ersten Kreuzzuges (1096) geworfen, wer da gelesen, wie die Kreuzfahrer fast alle jüdischen Gemeinden am Rhein niedermachten, wie sie die Inden in solche Verzweiflung trieben, daß Männer ihre Frauen ermordeten, Väter ihre Kinder abschlachteten, um sie vor gewaltsamer Taufe zu bewahren, der muß zugestehen, daß an kindlichen Gemüthcrn, auf welche solche Vorgänge einen erhebenden Eindruck machen, nicht mehr viel zu verderben ist, und daß ihnen ein jüdischer Lehrer mit seinem Geschichtsvortrag nicht mehr gefährlich werden kann. Am letzten Ende aber gehen diese Aeußerungen des Fanatismus auf den Bekehrungseiser zurück, auf dessen Rechnung auch die Inquisition zu schreiben ist. Es ist schwer begreiflich, um Max Müller den Missionstrieb als ein Zeichen der Vitalität einer Religion ausgeben kann, wenn er nur an die Inquisition und ihr unheilvolles Walten denkt. Ich glaube, man kann mit dem Juden Abraham in Boccaccio's Dekamerone sagen: das Christenthum muß sehr stark sein, wenn es nicht an dem Missionstrieb, wie er in der Inquisition sich darstellt, zu Grunde gegangen ist, aber ein Lebenszeichen ist er nicht. Es wäre ohne ihn der Menschheit sehr viel Blutvergießen und Elend erspart worden. Mit Gewalt läßt sich auf dem Gebiete der Religion nichts ausrichten, der Missionseifer führt aber leicht zu gewaltsamen Maßregeln, oder er hat dazu geführt, wenn auch heutzutage die Missionäre sich unschädlicher Mittel bedienen. Auch so macht es einen unerquicklichen Eindruck, zu sehen, wie die Religionen oder Confessionen sich gegenseitig ihre Bekenner, wie concurrirende Kaufleute die Kunden, abfangen. Die Schicksale der Religionen hängen, wie die der Bücher, oft von bloßen Zufälligkeiten ab. L i t t r e hat eine interessante Abhandlung darüber geschieben, daß zweimal in der Geschichte der Orient auf dem Sprunge war, den Occident zu unterjochen, einmal zur Zeit Hannibal's, das andere Mal zur Zeit Karl Martel's. Wäre die Unterjochung gelungen, so würde Europa wahrscheinlich ein ganz anderes religiöses Colorit darbieten, als es jetzt der Fall ist. Littre wägt alsdann die Chancen des Christenthums und jene des Islam, der auch eine Kampfrcligion war, und nur aus seiner derrnaligen Lethargie zu erwachen braucht, um es wieder zu werden, gegen einander ab und meint: „Le ehristianisme ne verra pas la conversion." Jedenfalls würde der Concurrenzkampf kein geringer sein, sondern der Welt thcuer zu stehen kommen, und was käme schließlich dabei heraus? Was bei dem dreißigjährigen Kriege und allen Religionskriegen heraus gekommen ist: gegenseitige Zerfleischung, allseitige Verwilderung und Verrohung, die Religion selbst zieht den Kürzeren und muß die Kriegskosten bezahlen. Das Beste ist, Jeden nach seiner Fa?on selig werden lassen, und das ist eigentlich die Lehre des Judenthums. Ferner missionirt das Judenthum nicht aus Gründen der Selbsterhaltung. Das Judenthum ist gewiß nicht exclusiv, wie man ihm vorgeworfen hat und noch vorwirft, indem man ihm seine „Auserwähltheit" unter die Nase reibt, wovon die Juden aber nie den Mund so voll genommen haben, wie die Franzosen von ihrer Gloire, oder viele Deutsche, die in dem Chauvinismus ihrer Auserwähltheit sogar so weit gehen, daß sie für die deutsche Frau das breiteste Becken reclamiren. Ist in der Bibel ein solcher Chauvinismus auch nur annähernd zu finden, wie er jetzt von den Deutfchnationalen getrieben wird, in der Bibel, die dem Israeliten befiehlt, den Fremden zu lieben wie sich selbst! Das Judenthum betrachtet alle Menschen als Kinder Gottes, als ihm gleich nahestehend, kein jüdischer Prediger wird, wie christliche fortwährend die christliche „Charitas" im Munde führen, so von einer jüdischen Charitas sprechen, das Judenthum hält alle Menschen der ewigen Seligkeit fähig, es kennt kein jüdisches Paradies, wie Dante ein christliches. Mehr kann man nicht verlangen. Aber das Judenthum, dessen Bekennerschaft immer eine bedrängte Minorität war, hat schlimme Zeiten durchgemacht, und in schlimmen Zeiten sucht ein erfahrener Kaufmann seine Geschäfte nicht zu erweitern, sondern einzuschränken, wenn er nicht Gefahr laufen will, in Concurs zu kommen, oder wenigstens zu accordiren. Ernst Havet meint, die Welt wäre jüdisch geworden, wenn die Träger der jüdischen Lehre sich seinerzeit hätten entschließen können, die heidnischen Proselyten von der Beschneidung und dem Ceremonialgesetz zu entbinden. Diese Concession haben auch in neuerer Zeit einige Rabbiner gemacht. Aber heißt das nicht accordiren? Und hat das Christenthum in seinem Bestreben, Weltreligion zu werden, nicht thatsächlich vielfach accordirt? Wieviel hat das Christenthum von den „bekehrten" Völkerschaften in sich ausgenommen und von sich selber aufgegeben! Das Judenthum aber würde durch Accordiren und Paktiren seinen eigentlichen Zweck aufgeben, denn es ist— und damit berühre ich den Kernpunkt unserer Frage — eine Erziehungsanstalt, die alter, bewährter Erziehungsmaßregeln sich bedient. Das sind die Ceremonialvorfchriften. Diese sind es. welche durch ihre Beobachtung den Juden ihre Widerstandskraft und Zähigkeit, folgte ihr Acclimatisationsvermöge» gegeben, welche weiterhin den Charakter der Juden, welche das jüdische Haus, die Sinnesart und das Gefühlsleben der Juden, bestimmt haben. Wir sind weder übermäßige Trinker, noch Esser, um nicht zu sagen Fresser, wer sich hierin nicht bezähmen konnte, von dem sagten die Juden, er habe einen „geschmadten Hals". Wir sind mäßig, zum Wohlthun geneigt und lieben das Familienleben über Alles. Wir sind nicht jähzornig, greifen bei Streitigkeiten nicht gleich zum Messer und können einem Thiere nicht weh thun. Wir sind der älteste Thierschutzverein. Diese Tugenden sind uns vielfach auch von Nichtjuden zuerkannt worden. Man wird aber doch nicht behaupten wollen, daß dieselben durch bloße Ermahnungen und schöne Redensarten erzielt wurden, die in der Beobachtung der Ceremonialvorschriften begründete Zucht und Disciplin haben sie gebildet, und sie verschwinden, wie man leider sich jetzt schon überzeugen kann, mit der Vernachlässigung jener Vorschriften. Dennoch wollen wir sie Keinem aufdrängen, dazu sind wir eben zu tolerant. Ich habe irgendwo gesagt: ,,Das Judenthum ist nicht aus Exklusivität keine missionirtnde Religion geworden, sondern deshalb, weil es sich als eine Erziehungsanstalt betrachtete, deren Resultate auch anßeihalb der-, selben, allerdings seltener und schwieriger, erreicht werden können, wie es Autodidakten gibt, welche es zünftigen Gelehrten gleichthun und sogar sie übertreffen." Aber wegen dieser seltenen Fälle unsere bewährten Erziehungsmaßregeln aufgeben, wäre eine unverantwortliche Thorheit. Wenn hiernach das Judenthum auch keine missionirende Religion in dem üblichen Sinne des Wortes ist, noch sein will, so missionirt es dennoch auf seine Weise. Sie ist gekennzeichnet in den biblischen Zurufen: „Es sollen alle Völker der Erde sehen, daß der Name Gottes über Dir genannt ist" und „Die Völker sollen sprechen: Nur ein weises und verständiges Volk ist diese große Gemeinschaft". In diesem Sinne nennt der Prophet Israel den „Lehrer und Zuchtmeister der Völker". Wohlgemerkt: Es handelt sich um Belehrung, nicht um Bekehrung. Die erstere drängt sich nicht, wie die letztere, auf und wird nicht lästig, sie wirkt von selbst durch das gute Beispiel, das man gibt, wie dies in den angeführten Schriftstellen deutlich gesagt ist. Was man Gutes üben, Edles thun sieht, das sieht man ab und ahmt es nach. Das ist die uns aufgetragene Mission, eine stumme, wenn ich so sagen darf, eine geräuschlose, ohne Missionäre. Oder doch! Wir haben auch unsere Missionäre Als nach der Sage der Herr am Sinai von unseren Vätern Bürgen verlangte, da riefen sie: Unsere Kinder sind unsere Bürgen. Sie sind auch die Missionäre, welche von Geschlecht zu Geschlecht die Mission des Judenthums weitergeben und ausüben. Das ist besonders heutzutage die Aufgabe unserer Jünglinge. Sie müssen, wie die Bauleute bei Errichtung des zweiten Tempels, in der einen Hand die Kelle führen, um den Tempel der Humanität wieder aufbauen zu helfen, und in der anderen Hand das Schwert der Abwehr und der Vertheidigung.