Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 1 (3.1.1896)
- Date
- 1896-01-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3020846-3021115-3021117--05205-3029430- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 1 sang in's Praktische übertragen hat, dessen eifrigste Agitatoren die baierischen Caplüne Kn ab und Regner waren, der sich Herrn Ahlwardt aus Berlin verschrieb und der der ungarischen Rumänen-Deputation in Wien Trinmphzüge bereitete, kurzum, ein Aiann, der stets soweit war, um seines persönlichen Bortheiles willen Oesterreich auswärtigen Einflüssen auszuliefern. Graf K i e l m a n n s e g g hat diese Kampfmethode mit einem vernichtenden Worte gebrandmarkt. „Den He r r e n" sagte er, „k o m litt es n u r darauf an, die Autorität der Negierung sor g an e hier s y st em a ti s ch zu untergrab en." Ja wohl, das ist es! Diesen von Patriotismus triefenden Dr. Lueger gcnirt es nicht im Mindesten, mit den Bismarck-Schwärmern Pacher und Hauck gemeinsame Sache zu machen; dieser in Kaisertreue ersterbende Dr. Lueger entblvdet sich nicht, die treuesten Diener des Kaisers und seine höchsten Vertrauensmänner als „Fremdlinge" hinzustellen, denen jedes österreichische Gefühl mangelt; dieser Mensch, der vor der Bürgermeisterwahl seinen Rücken tief gekrümmt hat, gibt sich heute gegenüber dem Rathe der Krone, gegenüber dem Statthalter und allen Regierungsorganen als den Generalpächter des österreichischen Bewußtseins aus und will ihnen darin Lectionen ertheilen. Die Autorität der Regierung soll systematisch untergraben werden. Die Autorität der Gesetze ist schon früher untergraben worden, als man der wildesten Judenhetze freien Spielraum ließ. Aber wir glauben und hoffen, daß das Patent auf das wahre Wiener- und Oesterreicherthum, das sich Herr Lueg er arrogirt, ihm nicht viel helfen wird. Wie er uns Juden trotz alledem und alledem unser gutes Staatsbürgerthum, unsere treue österreichische Gesinnung, unsere Liebe zu Kaiser und Reich nicht hinwegdisputiren konnte, so wird er sich vergeblich bemühen, jene Staatsmänner, die, wie kaum ein Anderer vor ihnen, die wahren Interessen und Lebensbedingungen Oesterreichs erkannt hat und endlich diesem vielgeprüften Reiche den nationalen und socialen Frieden wiedergeben wollen, als Fremdlinge hinzustelleu, die nicht wissen, was ihrem Vaterlande frommt. Indem sie Herrn Lueger von seinem künstlerischen Piedestal herabschleuderten, haben sie bewiesen, daß sie für die Ehre und das Wohl Oesterreichs die richtige Empfindung besitzen. Der Wolf im Schafspelz. Der Herausgeber der „Ostdeutschen Rundschau" Herr K. H. Wolf spielt sich neuestens als den teutonischen Tugendbold, als Großpächter sehr werthvoller Güter auf. Zu diesen gehören: Sittlichkeit, Gewissenhaftigkeit und der „kategorische Imperativ", durchaus Dinge, für die, seines unbescheidenen Dafürhaltens nur die Arier das richtige Verständnis; haben können. 9tuu mag wohl mancher das schafsfromme Gehaben des gewaltigen Urgermanen, der den Schönerer bekämpfte, bis er dessen Preßlakai wurde und der dem V e r g a n i so lange diente, bis er hinreichende Gründe hatte, seine Corruptionswirthschüft nicht länger ruhig mitansehen zu müssen, höchst possierlich finden. Aber es gibt — und wenn auch vielleicht nicht unter den Ariern — auch Leute, die es für ein schmähliches Attentat auf Wahrheit und Gerechtigkeit erachten, wenn Heuchler und Charlatane sich erdreisten, sich als ihre Priester zu geberden. Und dann glauben diese, es sei auch ein Postulat des „kategorischen Imperativs" — von dem angeblich die eigenartige semitische Welt- und Menschenanschauung nichts wissen wollte — den Heuchlern die Maske vom Antlitz zu reißen und die Charlatane von dem Piedestal zu stürzen, auf das sie sich selbst stellen. Wo bleibt, fragen wir, die Selbsterkenntniß des Herrn K. H. Wolf, wenn er an demselben Tage, an welchem die Nachricht von der Verhaftung des Herrn v. Hamme rst e i n verlautbart wird, Nuchem-Schapira oder einem Arton als Typus des Inden hinstellt? Sagen Sie, Sie tugendstarker, biederer Herr Wolf, gehört der Herr von H a m m e r st e i n, diese Stütze und vornehmste Kraft des arischen Antisemitismus nicht weit eher zu jenen fragwürdigen Individualitäten, die sich auch in nichtswürdiger Weise ausleben wollen, als etwa der Nnchem - Schapira, der in stümperhafter Weise das kleine Fälschermelier betrieb, das vor ihm große Arier in weitaus virtuoserer Art cultivirten? Herr v. H a m m er st e i n, das war ja der große, mächtige, einflußreiche Mann, der jene große, mächtige, einflußreiche Partei durch Jahrzehnte reprüsentirte, die den Gegensatz zu der angeblich so unsäglich corrupten semitischen Weltanschauung bilden will und welche in der „Kreuzzeitung" vornehmlich ein Kampfblatt gegen die „jüdischen" staats- und gesellschaftsfeindlichen Tendenzen geschaffen hat. Und derselbe für Gottesfurcht, Sittlichkeit und arisches Antisemitenthum streitende, große, mächtige und einflußreiche Herr von Hamm er st ein wird als ein ganz erbärmlicher Gauner entlarvt, der nur einen Lebenszweck vor Augen hatte: gut zu leben, der nur einen inneren Beweggrund hatte: sich auszuleben. Jawohl, der edle Herr von H am mm er st ein, der Repräsentant des arischen Antisemitenthums belog und betrog alle Welt, fälschte Wechsel und unterschlug größere und auch geringere Beträge, wie es sich eben fügte. Er erfreute sich aber zur selbigen Zeit der Verehrung seiner Parteigenossen und der hingebungsvollen Freundschaft des gleichfalls arischantisemitischen Helden und Wortkämpfers Stöcker: er schimpfte über die jüdischen Lumpen und Berrüger, daß alle Arier eine Freude hatten. Der Sitten- und Zuchtlosigkeit klagte er die Semiten an, während er ein skandalöses Leben führte. Soll das vielleicht der Typus der idealen Germanen voll Selbsterkenntniß, Gewissenhaftigkeit und strenger Selbstprüfung sein, dessen Name die Juden zur demüthigeuden Erinnerung an — Nuchem-Schapira oder an Arton zwingen sollte oder war etwa nur der jüdische Advocat F r i e dm a n n in Berlin, der jüngst unter der Last seiner schweren Schuld und seiner leichtsinnigen Schulden zusammenbrach, eine jener Individualitäten, die sich nach dem höhnisch carricirten Worte W o l ffs, ausleben wollten, auf Kosten Anderer? Fritz Friedmann war kein Tugendprediger, kein Sittenrichter; bei Euch ist der Defraudant, Fälscher und Lüstling — ein Parteiführ er, der Rufer im Streite für Gottesfurcht und gute Sitten. Nein, lieber, biederer Herr K. H. Wolf, lassen Sie sich mit Ihrer teutonischen Tugendheuchelei und mit Ihrer bramarbasirenden Gewissenhaftigkeit nicht auslachen. Sie und Ihre ganze arisch-antisemitische Sippe sitzen in einem Glashause, welches ihnen allen die höchste Angst vor einem unvorsichtig geworfenen Steine eiuflößen müßte. Wäre es denn da nicht rathsam, Sieurdeutsch-biederer Herr Wolf, nicht selbst mit Steinen herumzuwerfen? * * -i- Man kann ja gar nicht wissen, wem ein solcher Stein trifft. Denken Sie nur, verehrter Herr Herausgeber der „Ostdeutschen Rundschau", einem Ihrer Leser fiele bei der Lectüre Ihres von Sittlichkeit überschäumendeu Artikels gegen die „Individualitäten, die sich ausleben" die folgende Reminiscenz ein: Einer der Führer und Meister der angeblich vom „kategorischen Imperativ" geleiteten Partei hatte einst aus dem Hause, das er von seinem Vater geerbt, Mutter und Schwestern vertreiben wollen. Was that er, um diesen löblichen, höchst idealen Zweck zu erreichen? Mutter und Schwestern duldete er im Hause seiner Väter nicht, wohl aber duldete er, daß sein Häuseradministrator in das vom Vater ererbte, von seiner Mutter und Schwestern bewohnte