Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 52 (27.12.1895)
- Date
- 1895-12-27
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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Seite 976 -r von Gaffern vom Hohen Markt bis zur Spinnerin am Kreuz zurücklegen muß — wenn Sie jetzt nicht sagen, daß dies zu viel Angst und Pein, zu viel Schrecken und Strafe für einen Menschen ist, der keinen umgebracht hat, so haben Sie kein menschliches Herz in der Brust." Der junge Mann sprang auf, sein Gesicht glühte vor Empfindung, seine Augen funkelten, er ging heftig auf und nieder, alle seine Bewegungen verriethen die leidenschaftlichste Aufregung. Gespannt sahen die Anderen bald auf ihn, bald auf den Banquier, der, ohne im Mindesten die Fassung zu verlieren, ruhig eine Prise aus seiner goldenen Dose nahm und unter Schnupfen sagte: „Mein lieber Herr Neuburg, es scheint, Sie wollen sich so berühmt machen, wie ihr Stammes genösse Herr Sonnenfels, der hat die Tortur abgebracht; Sie möchten die Todesstrafe abschaffen." „Wenn ich's schon vermöchte, ja",^sagte der junge Mann mit Festigkeit. „Wie die Scheiterhaufen schon ausgeraucht haben, so werden in einer nahen Zukunft alle Henkerarbeiten eingestellt werden". Hingeriffen von dem Zauber dieser Prophetie, sagte die Hausfrau mit sinnigem Lächeln: „Es wäre vielleicht doch gut, noch eine Bittschrift an die Kaiserin zu Gunsten des Berurtheilten zu wagen, und die könnte Keiner besser machen, als Sie, Herr Neuburg!" „Das ist nicht möglich", rief der Banquier höhnisch aus. Vor Allem ist die Zeit zu kurz. Die Kaiserin wohnt in Schönbrunn. Bis das Gesuch verfaßt und abgeschrieben, endlich überreicht ist, bis die Monarchin das Gesuch gelesen, überlegt, an den Justizpräsidenten zur Aeußerung geschickt und diese von ihm erhalten hat, vergehen wenigstens zwei Tage. Aber es ist nicht nur nicht möglich, ich rathe es besonders Ihnen nicht, junger Mann. Solche unbefugte Einmischung in Angelegenheiten, die Ihnen ganz fremd sind, die Sie gar nichts angehen, weil Sie nicht Ihre Glaubensgenoffen berühren, könnte man Ihnen nicht verzeihen. Wollen Sie dessenungeachtet dieses Gesuch machen — denn ich sehe es Ihnen an, daß Sie darüber brüten — so verursachen Sie der Monarchin nur eine schwere Stunde mehr und sich selbst schaden Sie, „Verstehtn Sie mich recht", fügte er hinzu, als Neuburg aufbrausend gegen ihn losfahren wollte und die Hausfrau mit bittendem Blick dazwischen trat, „ich tadle nicht die edle Aufwallung Ihres Herzens, aber Sie vergeffen, daß Sie ein Fremder, ein fremder Jude sind und Ihr Verstand läuft mit Ihrem Herzen davon." „Leider ist übermorgen", warf der Hausherr ein, um dem Gespräche eine andere Wendung zu geben, „der Sterbetag des seligen Kaisers Franz. Diesen und den Vortag bringt die Kaiserin stets im einsamen Gebete zu. Da hat kein Kammerherr Dienst, es wird Niemand vorgelassen, Niemand gemeldet. Wie wollte man zu ihr dringen, oder selbst nur das Papier zu ihr gelangen machen? Herr Palm hat Recht, es geht nicht." Damit schien die Sache abgethan zu sein, war ja der Streit darüber beendigt. Die allgemeine Stimmung hatte sich wie durch ein Gewitter entladen und die früher so eintönige Gesellschaft plauderte lebhaft bis gegen Mitternacht. Als die Gäste noch einmal in den Salon zurückgekehrt waren, um dort von der freundlichen Wirthin Abschied zu nehmen, zog diese den jungen Mann bei Seite und flüsterte ihm während des Handkusses zu: „Neuburg, versuchen Sie's doch! Um der Menschlichkeit willen, versuchen Sie's!" „Ach, wie gern!" war die Antwort, „Die Bittschrift ist bald verfaßt, aber wie bringe ich sie an die Kaiserin?" „Laffen Sie das meine Sorge sein", entgegnete die Hofräthin. „Eine der Kammerfrauen Ihrer Majestät ist meine Freundin. Schreiben Sie nur das Gesuch und bringen Sie's morgen nach Schönbrunn hinaus. Gegen zehn Uhr erwart' ich Sie in dem einsamen Bosquet am Teiche. Meine Freundin wird auch zugegen sein, und da wollen wir gemeinschaftlich berathen, was in dieser Sache geschehen kann." Neuburg ging in sein Logis auf dem alten Bauernmarkt in dem Grüner'schen Hause, das eines jener wenigen Häuser war. welche ausschließlich den Juden angewiesen waren und. in welchen kein Christ wohnen durfte, außer dem Hausmeister Dr. Bloitz s Wochenschrift Nr. 52 der aber ledig sein mußte. In seinem Zimmer angelangt zündete er sich die Studierlampe au, setzte sich an den Schreib tisch und überließ sich ganz seiner Phantasie, in welcher er selbst vor der Kaiserin stand, hinter ihm die ganze Familie des Verurteilten wimmernd, und er die rührendsten Bitten, die feurigsten Worte, die kühnsten Bilder gebrauchte. Er versetzte sich in einem Zustand der Begeisterung, der Verzückung, in welchem er nur einen Gedanken hatte: „Du mußt ihn retten; wenn er stirbt, ist es Deine Schuld." Er hatte die Empfindung, es liege in der ganzen Unglücksgeschichte ein unbeschreibliches, ein unnennbares Etwas, das jedem Menschen zum Erbarmen, zum Mitleid, zur Gnade stimmen müsse, denn in der That hatten sich die besten Kreise der Residenz für die Begnadigung dieses Verbrechers interessirt. Und wieder mußte er sich sagen: Wenn ich schon Alles vorbringe, was zu Gunsten dieses Unglücklichen spricht, wenn ich alle Kühnheit wage, die der Unterthan im Angesichte des Thrones sich erlauben darf: wer bin denn ich, daß ich mir schmeicheln sollte, mein Wort würde zu Stande bringen, was so viele Andere vergebens zu erbitten suchten? Allerdings unterzeichnen darf ich mich nicht, nicht wegen meiner Gefahr als Jude, sondern weil die Kaiserin ganz gewiß das Gesuch wegwürfe, wenn sie nach dem Schreiber fragt und erfährt, daß er ein Jude ist. Ich will nur durch die Macht der Gründe, nur durch das Feuer des Styls wirken, will nur die Ausdrücke „man", „das Publicum," „die Bevölkerung Wiens" gebrauchen. Es circuliren ja jetzt zu Tausenden die anonymen Flugschriften und gelangen täglich unzählige anonyme Projecte und Stimmungsberichte an die höchsten Behörden, bis an den Thron. Mein Gesuch soll anonym sein. Und Du, Gott der Barmherzigkeit. hilf mir". Und er betete inbrünstig, daß der Gott Israels seinen Worten die Kraft, zu rühren, verleihe, wie er zu so vielen Zeiten das Herz der Fürsten den persönlichen Bitten eines Juden geneigt machte. Dann nahm er die Feder zu Hand und entwarf in raschen, festen Schriftzügen, ohn jede Correctur, das Gesuch an die Kaiserin. (Fortsetzung folgt). Briefkasten. K. in Graz: Graf Wurmbrand hat gegen die Antisemiten einen schlechten Stand. Diese begnügen sich einfach damit, dem Herrn Grafen zuzurnfen: „Als Landeshauptmann in Graz hast Du unter dem Beifalle steirischer Weiser so gesprochen, wie wir schreiben, und als Handelsminister wirktest Du selbst in dem jetzt von Dir verlästerten christlich-socialen Geiste und warst uns so lieb wie Dein College Falkenhayn." Er hat den antisemitischen Wortführern die für ihr Publicum berechnete Entgegnung leicht gemacht, der edle Graf. L. in Karlsbad: Ueber Ihren Wunsch constatiren wir, daß nachstehende Firmen die antisemitische Hetzpresse durch Inserate und Pauschalien unterstützen: Albin Förstl (I., Bellariastraße 4) annoncirt im „Deutschen Volksblatt", „Weltblatt", „Kikeriki" ständig; F. A. S a r g's Sohn im „Deutschen Volksblatt"; W. H. Heller- Kaiser Ferdinand s-N ordbahn im „Deutschen Volksblatt" vom 17. December. — Ferner die der liberalen Partei angehörigen Nichtjuden : Philipp Haas & Söhne, Arthur Krupp in Berndors, Julius S ch a u m a n n in Korneuburg R.G e b u r t h, Joses B l a z i n c i c, August K ü f f e r l e u. A., zum Tbeile im „Deutschen Volksblatt" und „Kikeriki". — Rabbiner Dr. Simon Wolfsohn: Sie haben Recht, nur Geduld. Der Bock als Gärtner. Das ist also der Gipfelpunkt „christlicher" Volkserziehung und Volksbelehrung! V e r g a n i, der Defraudant, als Redner in den „christlichen Frauenversammlungen" an der Seite Sr. Durchlaucht des Prinzen Alois von und zu Liechtenstein und des Dr. Carl Lueger! Vergani, der seine Gemeinde geschädigt, der Armengelder defraudirt hat, der fremde Bücher ausraubt, verjudete Banken, Bahnen, Versicherungsanstalten, unsittliche Lieder und sonstigen.Schwindel anempfiehlt-— das soll der richtige, der geeignete Belehrer der christlichen Frauen und Kinder sein? Dummheit, du stirbst nicht aus! sagt Herr Georg Schönerer in der neuesten Nummer seines Blattes. L. Floicko Braila: Das Verfahrendes General-Gouverneurs Kvtzebue in Odessa im Jahre 1872 wäre für die Heldinnen der Wiener Frauenversammlungen allerdings zu empfehlen. L. in Karlsruhe: Bon A. Röder, dem Chef-Redacteur der „Berliner Post" rührt das denkwürdige Wort her, „daß nachgerad ' -erLuvrp ein ein Antisemit sei". — ^3oH7»Thorn, Constantinapel. Wir empfehlen Ihnen das zu abonniren, Wien, I., Schulerstraße 1l. Herausgeber u. verantw. Redacteur: Dr. Josef S. Blochst M -... . - ••, t j Sc Sohn, Wien, VIII., Lerchenfelderstr. 46.