Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 52 (27.12.1895)
- Date
- 1895-12-27
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 52 Dr. Vloch's Wochenschrift österreichisch-ungarischen Generalconsulates, an einem heimtückischen Leiden im jugendlichen Alter, betrauert von seinen Amtscollegen und seinem Borgesetzten, Herrn Baron S ch e r z e r, bei welchen der Verewigte in hohem Ansehen stand und wegen seiner Tüchtigkeit und Verwendbarkeit im Amte vielfach belobt wurde. Das allzufrüh erfolgte Hinscheiden dieses hoffnungsvollen, eine glänzende Carriere versprechenden Beamten hat die hochachtbare Familie desselben in unsagbare Trauer versetzt. Möge ihm die Erde leicht sein und er in Frieden ruhen! Feuilleton. Der Anonymus. (Historische Novelle.) Das Humanitätsprincip, von den Encyklopädisten in Frankreich ausgegangen und in Deutschland schon von Kanzel und Katheder verkündigt, hatte sich endlich auch nach Wien Bahn gebrochen, trotz aller Herrschaft des Clericalismus in gebildeten Kreisen Entgegenkommen gefunden und seinen Geist selbst an den grünen Tisch hoher Staatsämter mit zu Rathe gesetzt. So waren alle Vorschläge der Hofkanzlei in den letzten Regierungsjahren Maria Theresia's in Bezug auf die Juden vom Geiste der Toleranz getragen, wenn sie auch nichts gegen den Haß auszurichten vermochten, den die Jesuiten in das Herz der hohen Frau gepflanzt, und nicht einmal durchsetzen konnten, daß die 33 tolerirten jüdischen Familien auch nur um eine vermehrt oder die drückenden Lasten selbst dieser Privilegirten um das Geringste gemildert werden durften. Unter den Rathen der Hoftanzlei war es besonders Hofrath Grüner, der den Geist der heranbrechenden Neuzeit ganz in sich ausgenommen, wenn er auch erst nach dem Regierungsantritte Josefs den Muth fand, bei Berathung des Toleranzentwurfes mit dem Separatvotum hervorzutreten, die Juden nicht zu toleriren, sondern zu recipiren, wie in Holland. Bei Hofrath Grüner fanden sich jeden Abend die vorurtheilsfreien Herren vom Adel, vornehme Beamte und Bürger, die vorzüglichsten Künstler und Schriftsteller der Residenz, wie auch jüdische Honoratioren ein, und jeder Fremde von einiger Bedeutung erfreute sich der zuvorkommenden Aufnahme und der geistreichen Unterhaltung der Frau Hosräthin. Auf diese Abendgesellschaften bei den Grüner'schen warbesonders die Klage des Cardinals Migazzi bei der Kaiserin gemünzt, daß die Juden im vertraulichen Verkehr mit den Christen stehen, dabei sich wie Adelige kleiden und sogar Haarbeutel tragen. An einem Abend des August 1780 war die Gesellschaft bei Hofrath Grüner nicht so zahlreich als sonst. Sie bestand fast nur aus den nächsten und vertrautesten Bekannten des Hauses und auch in dieser kleineren Gesellschaft konnte die Unterhaltung nicht in Fluß kommen. Vergebens strengte die liebenswürdige Hausfrau alle die kleinen Künste an, um mehr Leben in ihre Gäste zu bringen; der Hosrath war in Verzweiflung, nie war man in seinem Salon so einsilbig gewesen; sogar der junge, geistreiche und witzige Neuburg, der immer ergötzliche Schnurren zu erzählen wußte und den Mürrischesten zum Lachen nöthigte, wenn er über die Thorheiten des Tages die Geißel der Satyre schwang.' saß heute verdrießlich im Lehnstuhl, ohne ein Wort zu sprechen. „Sie sitzen ja da, wie Jeremias auf den Trümmern Jerusalems", bemerkte etwas spöttisch der Banquier Palm, der aus Concurrenzneid den Juden nicht grün war. Wie von einer Viper gestochen, zuckte der junge Mann bei diesen Worten auf einen Augenblick auf, .denn er war Jude und glaubte darin eine höhnische Anspielung auf seine Religion, deren er sich in diesem Kreise nicht versah; oberer drückte die plötzliche Aufwallung nieder, als er sah, mit welchem Unwillen die witzig sein wollende Bemerkung des. Bankiers bei der ganzen Gesellschaft ausgenommen wurde. Neuburg war ein reicher, gebildeter Jude aus der Chur-Pfalz, der in Angelegenheit eines Proceffes beim Reichshofrath mit hohen Empfehlungen lvor mehr als einem Jahre nach Wien kam und beim Hofrath Grüner Eingang fand, wo man seine schriftstellerische Begabung, seine philosophischen Ansichten und gesellschaftlichen Talente zu schätzen wußte. Mit der Begründung, daß sich Neuburg nicht in Handelsgeschäften in Wien aufhält, befürwortete die Hofkanzlei Seite 975 sein Gesuch an die Kaiserin, ihn von der schmählichen Leibmauth per 1 fl. 50 kr. täglich, die jeder fremde Jude in Wien zahlen mußte, zu befreien, wurde damit aber abschlägig beschieden, nicht ohne dem jungen Manne andeuten zu lassen, daß er vermöge seiner Bildung seine Carridre in Wien machen könnte, wenn er sich zur Taufe bequeme, welche Zumuthung er jedoch entschiedenst abwies. Neuburg hätte übrigens seine Proceßangelegenheit bereits ordnen können, wenn er dies nicht absichtlich verzögert haben würde. Er hatte Wien mit seinem jungen literarischen und künstlerischen Leben lieb gewonnen, besonders aber das Theater, welches damals durch Sonnenfels' Kritik gerade die ersten reizenden Knospen im Uebergang von der Stegreifcomödie und Hanswurstposse zum regelmäßigen Schauspiele ansetzte und eines der wichtigsten Themata der Unterhaltung in den Abendgesellschaften bei den Grüners war. Heute hatte auch dieses Thema jeden Reiz verloren. Es herrschte ein peinliches Schweigen. Jeder der Gesellschaft fürchtete, durch das Sprechen unwillkürlich auf das trauriges Tagesereigniß zu kommen, die Todesurtheilverkündigung an?k einem Stempelfälscher, der allen Gliedern der Grüner'schen^t Gesellschaft bekannt war und dessen Verwandte bei den Grüners« ein- und ausgingen. Abgesehen von dem gewöhnlichen» Mitleid trat hier noch die Kränkung hinzu, eine bis her allgemein geehrte Familie tödtlich beschimpft zu wissen. Der Grüner'sche Abendzirkel war daher bis in's Innerste ergriffen und verstimmt. Erst beim Souper kam der Gegenstand des allgemeinen Bedauerns zur Sprache. Neuburg stand nämlich plötzlich auf und wollte fort. Aus die Frage der Hausfrau „Wohin? Warum?" platzte der so schmerzlich ergriffene Jude heraus: „Ich kann nicht essen und trinken, seitdem ich dem armen Cassier das Todesurtheil ankündigen und seine Jammergestalt sah. „Nein, bleiben Sie nur", sagte die Hosräthin, indem sie die Arme des jungen Mannes ergriff und ihn wieder zu seinem Sitze führte. „Sie werden ruhiger werden, wenn Sie sich aussprechen. Sie wissen ja, welchen Antheil wir Alle an dem Cassier nehmen." „Da haben wir's", fiel der Banquier Palm in's Wort, „wie es mit der Gerechtigkeit stünde, wenn ihre Handhabung nicht starken Seelen anvertraut wäre. So ein schlechter Kerl, an dem jeder Blutstropfen niederträchtig ist, wird ein Armer, ein Unglücklicher genannt." „Sie vergessen, Herr v. Palm", fuhr der in seinen heiligsten Gefühlen verletzte junge Mann auf, „daß die Familie dieses „schlechten Kerls" zahlreich und ohne Mitschuld ist und mitbestraft wird. Dieses Alle für Einen ist nicht menschlich, nicht biblisch, kann daher auch nicht christlich sein. Es ist Barbarei, wie man es im Mittelalter bis aus heute gegen die Juden anwendete." „Sie werden doch nicht", antwortete der Banquier schadenfroh, „die große Kaiserin Unmenschlichkeit beschuldigen!" Erschrocken rief Neuburg: „Gott bewahre! Aber ich wundere mich nur, daß diesmal die gewöhnliche Milde der hohen Frau so auffällig in den Hintergrund tritt. Ja, wenn Reinhardt ein Mörder, ein Brandstifter, ein Hochverräther wäre, aber er war doch nur ein Betrüger, e>n elender Stempelfälscher und das verkürzte Aerar wurde von der Familie entschädigt: warum macht hier die Gnade der Monarchin Halt?" „Um einmal ein Exempel zu statuiren", sagte Palm kalt. „Ein Exempel in solcher Gräßlichkeit!" rief Neuburg in hoher Bewegung. „Denken Sie sich einen gebildeten Mann in Ketten, im Bewußtsein seines Verbrechens von Scham und Reue zu Boden gedrückt, aus der Nacht des Gefängnisses aus eineTribüne unter freiem Himmel geführr, um dort angesichts der athemlofen Bevölkerung, die Kopf an Kopf den Marktplatz füllt, fein Urtheil zu vernehmen und hinter ihm die Gattin, die Kinder, die Anverwandten, die Freunde, alle mit hochklopfender Brust den fürchterlichen Augenblick der Entscheidung erwartend, und nun tritt der Richter vor und verliest das Todesurtheil. Alle seine Angehörigen winden sich in Krämpfen, Alles was seinen Namen trägt, Jeder, der sein Freund sich nannte, ist entehrt, wird verachtet und beschimpft, und der Verbrecher inpfindet nicht nur seine persönlichen Qualen, sondern auch die Qualen der Seinigen, die er so unglücklich gemacht. Und dann stellen Sie sich den langen Weg vor, den der Unglückliche nach drei martervollen Tagen und Nächten an der Seite des Henkers und unter dem unabsehbaren Spalier