Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 47 (22.11.1895)
- Date
- 1895-11-22
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 876 Nr. 47 Dr. Blvch's Wochenschrift. Fremde. „Sie brauchen nur in den Controllorgang zu gehen, woselbst der Kaiser täglich Audienzen ertheilt; Sie werden bei ihm sicherlich ein geneigtes Ohr finden." „Möchten Sie mich nicht dahin begleiten?" fragte der Jude; „ich zahle Ihnen fünf Gulden. Ich kann nicht gut die Worte stellen, komme leicht in Verlegenheit, wo hingegen Sie der Rede sehr mächtig sind". Der fremde Herr zeigte sich bereit, dem Juden diesen Liebesdienst zu erweisen, unter der Voraussetzung, daß dieser ihm zuvor von der Sache die geeignete Mittheilung mache. Der Jude war natürlich sofort bereit und erzählte seine Geschichte: „Ich heiße Schimon und lebe in Brandeis bei Prag. Gott hat mich gesegnet mit Allem, ich bin reich und im Gesetze bewandert, nur einen Wunsch versagte mir Gott, meine Frau, die ich liebe, gab mir keinen Erben. Da that ich das Gelübde zu Gott, daß, wenn er mir männliche Erben schenken würde, ich meinen ältesten Sohn, wie einst der Patriarch Abraham, ihm weihen wollte. Gott erhörte mein Gebet, schenkte mir vier Söhne. Als mein ältester Sohn, den ich Jsak nannte, 18 Jahre alt war, da dachte ich daran, mein Versprechen einzulösen. Ich begab mich nach Prag zum Rabbi Ezechiel und brachte ihm mein Anliegen vor. Dleser sprach: Wenn Du ein Gelübde gethan, so mußt Du es auch halten, gehe daher zur Behörde, übergib ihr Deinen Sohn, daß sie mit ihm anfangen solle, was ihr gefällt. Dein Sohn soll Soldat werden". „Hierauf begab ich mich", fuhr der Greis zu erzählen fort, „zum Stadthauptmann und wollte ihm meinen Sohn übergeben, daß er dem Kaiser dienen möge als Soldat, der wies mich aber von sich, da es dem Juden nicht gestattet ist, unter den kaiserlichen Soldaten zu dienen. Dies betrübte mich sehr, ich weinte, betete und flehte Gott an, er möge mir das Herz erleichtern. Da erschien mir ein höheres Wesen im Traume und sprach zu mir: Schimon, mach' Dich auf und gehe nach Wien, ich werde Dich geleiten und werde Dir zeigen den Weg, den Du wandeln sollst. Da bin ich nun in Wien und ich bin gesonnen, zum Kaiser zu gehen, damit er meinen Sohn von mir annehme, damit ich ruhig sterben kann, und der Fluch Gottes nicht auf meinen Kindern laste". Der fremde Herr hatte der Rede des Juden aufmerksam zugehört und es gelang ihm nur schwer, sein Erstaunen zu unterdrücken. „Wo ist Dein Sohn?" fragte der Herr. Der Greis rief einen schlanken Burschen mit freundlichen Zügen herbei, der sich vor dem Fremden verneigte. „Ist es Dein Wille, lnm Kaiser zu dienen, in die Schlacht zu ziehen und Dein Leben zu opfern?" Der Jüngling sprach: „Gott hat mich zum Krieger bestimmt, ich will seinem Rufe folgen, damit der Segen wohne im Hause meiner Eltern." „Kommt dann morgen um 10 Uhr in die kaiserliche Burg," sprach der fremde Herr, „ich werde daselbst Anstalten treffen, daß Ihr den Kaiser sprechen könnt, wendet Euch nur an den Schloßhauptmann und nennet Eueren Namen, ich selbst will für Euch beim Kaiser das Wort führen." Der fremde Herr entfernte sich rasch. Die Gäste blickten ihm lange nach und waren nicht wenig verwundert, zu sehen, daß er auf der Schlagbrücke von allen Leuten gegrüßt wurde. Wie groß war aber das Erstaunen der Gäste im Hugelmannschen Kaffeehause, als sie erfuhren, daß der fremde Herr der Kaiser Josef II. selbst gewesen sei; ein Bierwirth, der über die Schlagbrücke kam, hatte das Räthfel gelöst. „Es wird dem Volke Israel Wohlergehen", sprach Einer zum Andern, „denn wir haben es aus des Kaisers Mund selbst gehört, daß er die Erlösung Israels will. Gott segne fein Thun!" Am nächstfolgenden Tage erschienen Schimon und sein Sohn in der Burg und wurden daselbst freundlich empfangen und dem Kaiser vorgestellt. Der Greis, als er den Kaiser erblickte, sprach das Gebet, welches das Gesetz dem Juden zu sprechen befiehlt, wenn er vor den Regenten tritt: „Gelobt seist Du, Gott, unser Herr, der mitgetheilt hat von seiner Ehre und Herrlichkeit dem Menschen von Fleisch und Blut." „Ist es also Dein unabänderlicher Wille, daß Dein Sohn mir diene?" fragte der Kaiser. „Es ist der Wille Gottes", sprach Schimon, „dem wir Alle gehorchen müssen." „Ich bin lange mit dem Gedanken umgegangen, die Juden in meine Armee aufzunehmen, doch man sagte mir, daß dies gegen Euer Gesetz sei und daß es Euch an Muth fehlte zum Waffenhandwerk." „Herr!" — sprach der Jude — „Gott befiehlt uns, dem Könige zu gehorchen, denn die Obrigkeit ist an Gottes Stelle eingesetzt. An Muth wird es dem Juden nicht fehlen, wenn Du ihn frei machst, der Sclave hat noch nie die Zuversicht und das Selbstbewußtsein des freien Mannes gezeigt; wer da kämpfen soll, muß wissen, wofür er sein Leben einsetzen soll; wenn der Jude weiß, daß das Gesetz sein Freund ist, so wird er es mit seinem Blute auch vertheidigen; willst Du, daß der Jude Dir tapfer, treu, hingebend in den Schlachten diene, so lasse ihn einen Theil haben an den Rechten der Bürger, lasse ihn ein Haus haben, das er vertheidigen soll." „Dein Sohn," erwiderte der Kaiser, „soll mir dienen, er soll der erste jüdische Soldat sein und ich werde mein Augenmerk auf ihn richten. Sein Name soll sein Jsak Opferlamm, ich werde Sorge tragen, daß er viele Kameraden seines Glaubensbekenntnisses finde." Jsak Opferlamm diente dem Kaiser treu und hingebend und fand den Heldentod in der Schlacht bn Belgrad. Als der Kaiser in dem Rapport den Namen des Gefallenen las, konnte er eine tiefe Rührung nicht verbergen. „Meine Herren", sprach er zu den umstehenden Generalen, „beten Sie mit mir gemeinschaftlich zu Gott für einen gefallenen Helden, der die Weihe zum Soldaten erhielt, ehe er noch geboren war. Ich will, daß dieses Blut ein Ehrendenkmal sei, es soll ein schöner Baum demselben entsprießen, der Baum der Toleranz,- unter welchem eine geächtete Nation nach Jahrtausenden mühevoller Wanderungen das Dasein eines bürgerlichen Friedens wiederfinden möge. Die Feldhauptleute entblößten die Häupter und beteten mit ihrem Kaffer gemeinschaftlich für den ersten jüdischen Krieger. (W. Mittheil. Jahrg. 1859, Nr. 34). Am 22. April 1793 wurde R. Ezechiel Landau, dieser von der ganzen Judenheit so hochverehrte und gefeierte Rabbi vom Schauplatze seiner langjährigen überaus segensreichen Thätigkeit abberufen. Der berühmte Rabbi Elieser Flekeles widmete ihm einen sehr ergreifenden Nachruf. Dr. M. H. Fr. Briefkasten. Lemgo, F. S. Gedicht leider unverwendbar. Rücksendung derartiger kleiner Manuscripte unthunlich. Bitten Abschrift immer zurückzubehalten. Wien. Treuer Les.r. Das soll Sie nicht wundern. Jankele Münzer & Comp, suchen im „Neuen Wiener Tagblatt" v. 10. d. M. einen Comptoiristen und wollen Christen bevorzugen. Es ist noch schon, daß sie nicht schreiben, Antisemiten bevorzugt. Tarnow. H. S. Derartiges ist nur von localem Interesse und eignet sich nicht zur Veröffentlichung im redactionellen Theile des Blattes. Als „Eingesendet" könnte es gebracht werden. Holeschowitz. N. N. Sie haben Recht, doch sind diese Gedanken schon im Blatte gestanden. Neu ist blos die Entdeckung, „daß ein armer Freund nicht so gefährlich (?) ist, wie ein reicher Feind." Wir gestehen, daß wir erst nach längerem Nachdenken den Satz nicht verstanden haben. Warasdin. L. Kl. Sie schreiben uns von einem 75jährigen Greis, der seit zehn Jahren „bewußtlos" auf dem Krankenlager liegt und gänzlich mittellos ist. Der Mann heißt Salomo« Goldberger und wohnt in Muro-Szombat. Es wundert uns sehr, daß die dortige Judenschaft von der Sache keine Notiz nimmt. Brünn. M. B. „Hier in Brünn würde meines Erachtens ein tüchtiger Galvanoplastiker (Vergolden, Versilbern, Verkupfern rc. von Metallwaaren) reichliches Auskommen finden, ist noch Keiner da, auch eine dritte chemische Reinigungsanstalt würde wohl Prosperiren. Vielleicht möchten Sie in discreter Weisejüdische Gewerbetreibende der genannten Kategorie darauf aufmerksam machen." Wien, Herrn Dr. ML. Der Name des jüdischen Diplomaten lautet nicht Conngliano, sondern Conegliano. Wir fügen nachträglich noch hinzu, daß Conegliano am 23. August 1698 von der Regierung Venedigs dem Botschafter Ruzzini als Berather zu den Friedensverhandlungen mit der Türkei in Carlowitz beigegeben wurde. Bifenz. B. G. Wir glauben, daß es nicht nothwenbig sein dürfte, die Glaubensgenossen noch besonders aufmerksam zu machen, wie sie clericale Schnorrdriefe, mit denen wir alle jetzt überschwemmt werden, zu behandeln haben. Der Stamm „Wurz" stirbt langsam aus. Jägerndorf. Spitzer. Herzlichen Dank. Das Gedicht ist sehr schön. Sambor. I. M. junior. Wegen Raummangels zurückgelegt. HeraukAer u. verantw. Redacteur: Dr. Josef S. Bloch. — Druck v. L. Beck & Sohn, Wien, VIII., Lerchenfelderstr. 46.