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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-11-08 · 45 (8.11.1895) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
45 (8.11.1895)
Date
1895-11-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
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~&4ttj^iJä^2lS£&ä^aa3Bt*Xä*SS3&3tsi:-iaKX^-. Nr. 45. Dr. Bloch’s Jahrgang XU. Centralorgan für die gefammten Intereffen des Judentums. H. ft. Postsparftassen-Rmt Ä l r a r r n g v rrkeh r Nr. 810.976. AeLsrUon und Administration: Wien »., Illniur Augartrnstrahr 1a. Tele phon - Nr. 6535 - Wien, 8. November 1895. -- Erscheint jeden Freitag. -- Man abonnirl bri allen Postanflallen des In- und Anslandes. > Srprgsprri« fiir Sesterreich Halbjährig 4 fl. — 8 Ar. Einzelexemplare 25 kr. lür’a Ausland: halbjährig 5 st. — 10 Ar. ganzjährig lO n 20 „ Anzeigen: Die 4uni gespaltene B'titzeilc 12 fr. Inhalt: Seitart i fei: Die Weisheit Sr. Majestät. — Müssen die Juden Richter werden? — Lueger-Mlwardt-Schneider. — Zum Wahlkampf in Kolomca. — Standhalten oder Desertiren? — Der Fluch der Apostasie. — Börse und Antisemitismus. — Ein Seminar für jüdische Religionslehrer in Galizien. - Au die löblichen israelitischen Cultnsvorstände in Böhmen. — Beitrag zur Geschichte der russischen Juden. Vom Jahrmarkt des Lebens: Momentaufnahmen. Liberaler Philosemitismus in Mähren. Pattai's Wandlungen. Einwanderung von Juden in Syrien und Palästina. Ein Mißbrauch. Jrrthümliche Statistik. Arier über Antisemiten. Deutsche Wahrheitsliebe. Als Curiosum. Ein antisemitischer Geschäftsreisender. Ketzerverbrennung im 19. Jahrhundert. Wechselfälschungen des gewesenen antisemitischen Gemeinderathes Moriz Litschke. Ruggero Bonghi. Pfarrer und Kaufmann. — Correspond e n z en: Wien, Brünn, Brüx, Saaz, Essek, Smichow, Proßnitz, Paris, Odessa. — Vermischtes: Wien, Kremsier, Tulln, Czernowitz, Mährisch Ostrau, Wieliczka Holleschau. Gollsch-Jenikau, Biala, Csakaturn. — Feuilleton: Eine Tragödie aus der Gasse. — Briefkasten. — Inserate. Die Weisheit Sr Majestät. Se. Majestät der Kaiser hat die Wahl des Dr. Lueger zum Bürgermeister von Wien nicht bestätigt. Wir haben diese Wahl in unserer vorwöchentlichen Nummer nur registrirt, ohne dieselbe einer Kritik zu unterziehen. Diese Zurückhaltung schien uns durch die Ehrfurcht vor der Krone und deren Prärogativen geboten. Es sollte nicht heißen, daß ein Organ, welches die Interessen des Judenthums vertritt, von specifisch jüdischem Standpunkte aus versucht habe, der Allerhöchsten Entscheidung vorzugreifen. Und im Interesse der historischen Wahrheit sei hier gleich noch eine andere Thatsache festgestellt. Das Ministerium Badeni besteht zum größten Theile aus neuen Männern. Der Regierungswechsel brachte es mit sich, daß zahlreiche hervorragende Mitglieder unserer Glaubensgemeinschaft, Abgeordnete, Gemeinderäthe, Angehörige der Handelswelt rc., mit einzelnen Ministern in persönliche Berührung traten. Wo immer diese jüdischen Wortführer dazu Gelegenheit fanden, haben sie der Regierung gegenüber die Wahl des Dr. Lueger nur als die logische Folge der vorangegangenen Ereignisse bezeichnet und vom jüdischen Standpunkte aus die Bestätigung dieser Wahl befürwortet. Unsere Glaubensgenossen waren des fruchtlosen Kampfes gegen übermächtige Gewalten müde geworden. Sie hofften, daß die wilderregten Leidenschaften der Menge sich eher besänftigen würden, wenn der zügellose Ehrgeiz des Mannes, der sie aufgestachelt hatte, endlich seine Befriedigung gefunden hätte. Sie wußten wohl, was ein Regime Lueger für sie bedeutete, aber sie wollten dem Hasse nicht neue Nahrung zuführen und die Ruhe dieser herrlichen Stadt nicht weiteren Erschütterungen 'aussetzen. Das Gesetz stand auf ihrer Seite, sie aber wollten freiwillig auf dieVortheile des Gesetzes verzichten und sich in den Frieden ihrer Familien, in den engen Kreis ihrer Berufsthätigkeit zurückziehen. Ueber viele unserer Glaubensgenossen, ja über die Besten von uns war die Resignation der Verzweiflung gekommen — den Widerstand der Juden hatte Herr Lueger nicht mehr zu fürchten, und wenn es je einen jüdischen Einstuß in unserem öffentlichen Leben gegeben hat, so war er in diesem Falle nicht zum Nachtheile, sondern zu Gunsten der hochstrebenden Pläne Dr. Lueg er's thätig. Se. Majestät der Kaiser aber hat in seiner Weisheit anders entschieden. Der edelsinnige Monarch, der als Muster erhabenster Pflichttreue, als Verkörperung des höchsten Gerechtigkeitssinnes allen Völkern seines Reiches voranleuchtet, hat nicht hinwegzufehen vermocht über die Mittel, durch welche sich Dr. Carl Lueger den Weg gebahnt hat. Die kaiserliche Entschließung ist ein allerpersönlichster Act des Monarchen, der vor Jahren schon den unvergeßlichen Ausspruch gethan: „Ich dulde keine confessionelle Hetze in meinem Reiche!",und der dem Patriotismus seiner jüdischen Unterthanen wiederholt gerechte Würdigung gezollt hat. Vor der Weisheit und Gerechtigkeit des Kaisers beugen wir uns heute in dankbarer Ehrfurcht und in dem freudigen Gefühle, daß Oesterreichs Herrscher allen seinen Unterthanen ohne Unterschied des Glaubcns die gleiche väterliche Fürsorge widmet. An den Stufen seines Thrones findet jeder Bedrückte und Verfolgte Erhörung und Schutz' und sein klares, von dem milden Glanze der Menschenliebe erhelltes Auge durchdringt alle Nebel böswilliger Verleumdung. Die widerwärtige Aufdringlichkeit, mit welcher Dr. Lueger in den letzten Tagen seine dynastische Ergebenheit und seinen schwarzgelben Patriotismus öffentlich zu Markte trug, die heuchlerische Demuth, mit welcher er die Erinnerung an all' die Wunden vergessen machen wollte, die er an der Spitze der antisemitischen Agitation der Ehre und dem Ansehen Oesterreichs geschlagen, haben auf den erleuchteten Sinn des Kaisers keinen Eindruck zu machen vermocht. Das herrliche Kaiserwort: „In meinem Herzen haben confessionelle Unterschiede keinen Raum!" — es hat seine Bethätigung gefunden bei dem ersten Anlasse, der dem constitutionellsten aller Monarchen Gelegenheit gab, seinen persönlichen Willen zu bekunden. Wir aber können in diesem schicksalsschweren Augenblicke nur dankerglühten Herzens die Hände falten zu dem Gebete an den Herrn der Heerschaaren, an den König aller Könige: „Gott erhalte, Gott beschütze unfern Kaiser, unser Land!" Mit drei Actionen hat das Ministerium Badeni seine Regierungsthätigkeit begonnen: Mit der Aufhebung des Prager Ausnahmszustandes, mit der Amnestirung der Omladinisten und mit der Nichtbestätigung Dr. L u e g e r's. Das ist ein guter Anfang, und wenn die neue Regierung auf diesem Wege fort schreitet, kann sie der freudigen Zustimmung und der treuen Hingebung unserer Glaubensgenossen gewiß sein!

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