Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 44 (1.11.1895)
- Date
- 1895-11-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 806 Dr. Bloch's Wochrnfchrist. ist kaiserlicher Officier. Für einen solchen ist es eine tödtliche Beleidigung, als L ü g n e r n it b Ehrabschneide r gebrandmarkt zu werden. Nun denn, wir constatiren das Eine: niemals war in diesem Blatte auch nur mit einer Silbe von Frau Schneider die Rede, ja wir wußten nicht einmal, ob und daß dieser Ehrenmann verheiratet sei. Dr. Bloch hat sein Mandat niedergelegt, aber damit ist der Kampf der antisemitischen Partei gegen ihn noch nicht zu Ende. Es handelt sich jetzt darum, seine Wiederwahl zu Hintertreiben und die schamlosesten Lügen und Verdächtigungen werden zu diesem Zwecke gegen ihn in di^Welt gesetzt. Der Erfolg dieser Bemühungen ist allerdings ein sehr zweifelhafter. Man war vor Allem beflissen, einen jüdischen Gegenkandidaten von Rang und Ansehen zu finden. Man wendete sich an eine Persönlichkeit, deren Name in der wissenschaftlichen Welt rühmlich bekannt ist und die sich unter unseren galizischen Glaubensgenossen berechtigter Werthschätzung erfreut. Die Antwort war eine ablehnende. Jene Persönlichkeit erklärte freimüthig, daß die Art und Weise, wie man Dr. Bloch auf Geheiß des Prinzen Liechtenstein zum Mandatsverzicht gezwungen hatte, es jedem Juden von Ehre und Charakter unmöglich mache, ihm als Gegencandidat gegenüberzutreten, abgesehen davon, daß die großen Verdienste, welche sich Dr. Bloch um die Vertheidigung des Judenthums erworben, feine Wiederwahl im höchsten Grade wünschenswerth erscheinen lassen. Dieser Mißerfolg schreckt aber von weiteren Jntriguen nicht ab. Ein Heer von Agitatoren ist aufgeboten, um die Wählerschaft von Kolomea, Buczacz und Snyatin mit allen Mitteln der perfidesten Niedertracht gegen die Wiederwahl Dr. Bloch's zu bearbeiten. Die Fäden dieser Agitation hält Prinz Liechtenstein persönlich in der Hand. Nachdem es ihm gelungen, die Mandatsniederlegung Dr. Bloch's zu erzwingen, betrachtet er es als seine allerpersönlichste Aufgabe, auch dessen Wiederwahl zu verhindern. Im Polenclub wird unablässig gegen ihn gewühlt und gehetzt. Werden seine Bemühungen von Erfolg gekrönt fein? An den Reichsrathswählern von Kolomea, Buczacz und Snyatin ist es, diese Frage zu beantworten. Ist es wirklich schon so weit gekommen, daß ein Prinz Liechtenstein den Juden ganz Oesterreichs seinen Willen dictirt, daß er allein über die Giltigkeit eines Mandates und die Zulässigkeit einer Wahl entscheiden kann? Sollen unsere Glaubensgenossen in Galizien von dem Führer des Antisemitismus die Weisung entgegennehmen, wer der Mann ihres Vertrauens sein darf und wer nicht? Wehe deni österreichischen Judenthume, wenn es die Vertretung seiner Interessen nur in die Hände solcher Männer legen dürfte, die einem Liechtensteiu und einem Schneider zu Gesichte stehen! Zu solcher Schmach werden sich die jüdischen Wähler von Kolomea, Buczacz und Snyatin nicht erniedrigen, sie werden durch ihre Abstimmung bekunden, daß sie die Drohungeil und Verlemndungen des prinzlichen Hetzers verachten und sich voll feinen Jntriguen nicht beirren lassen! Eine Unterredung unter Diplomaten. Die entsktzlichen Gräuel, welche in den letzten Wochen gegen die armenische Bevölkerung in Constantinopel und Erzerum verübt wurden, bildeten bekanntlich den Gegenstand einer sehr energischen Intervention der europäischen Mächte bei der Hohen Pforte. Bon ausgezeichnet informirter Seite erhalten wir nun den nachfolgenden Bericht über eine Unterhaltung, welche noch vor Erlassung des kaiserlichen Reform-Fermans zwischen einem hervorragenden, im activen Dienste stehenden türkischen Staatsmanne und einem vielgenannten Diplomaten über die armenische Frage gepflogen wurde. Unser Gewährsmann hat für die Wiedergabe die Form des Dialogs gewählt, weil sich, wie er sagt, in derselben die wesentlichsten Momente genauer und treuer festhalten lassen als in der erzählenden Form. Wir übergehen die einleitenden Höflichkeiten, welche im Nr. 44 diplomatischen Verkehre üblich sind, um sofort zu dem eigentlichen Gesprächsthema zu gelangen: Botschafter: „Ich darf wohl sagen, daß nicht nur die Negierung, welche zu vertreten ich die Ehre habe, sondern auch die gesämmte öffentliche Meinung meines Landes von diesen Massacres auf's Aeußerste irritirt ist, und Euer Excellenz werden das lebhafte Verlangen derselben nach einer allseitig befriedigenten Aufklärung und nach ausreichenden Bürgschaften gegen die Wiederholung solcher Vorkommnisse gewiß nur billigen." " Minister: „-Ich begreife und theile vollkommen die Empfindungen, welchen Euer Excellenz soeben Ausdruck geliehen haben und ich kann nur mit allem Nachdruck versichern, daß die Hohe Pforte selbst jene Ereignisse, von denen sie ganz und gar überrascht wurde, auf das Tiefste beklagt." Botschafter: „Ohne in die Loyalität dieser Erklärung den geringsten Zweifel zu setzen, muß ich doch meinem Erstaunen darüber Ausdruck geben, daß angesichts des Umfanges der Bewegung seitens der ottomanischen Regierung von Ueberraschungen gesprochen wird. In den Kreisen der Diplomatie war es längst kein Geheimniß, daß die türkische Bevölkerung von gewissenlosen Emissären oder zum guten Theile auch von fanatischen Ulemas und Sofias gegen die Armenier aufgehetzt wurde." Minister: „Diese Agitationen waren auch uns nicht neu. Aber so lange sie sich auf gesetzlichem Boden bewegten, war die Regierung nicht in der Lage, sie einzuschränken. Auf einen so rapiden und blutigen Ausbruch der Volksleidenschasten aber konnten wir nicht gefaßt sein." Botschafter: „Ich bedaure aufrichtig, nicht ganz der Meinung Eurer Excellenz sein zu können. Schon die Agitation selbst war sowohl mit den in der armenischen Frage erlassenen kaiserlichen Fermans als auch mit den internationalen Verträgen nicht vereinbar." Minister (lächelnd). „Fermans und Verträge können nie die ungeheure Kluft überbrücken, welche in Glauben, Sprache und Sitte zwischen Mohammedanern und Armeniern besteht und zu immer neuen Reibungen führen muß. Die Staatsgewalt kann hier allerdings mildernd eingreifen, aber sie wird einzelne Ausbrüche des Fanatismus nie ganz verhindern können." Botschafter: „Excellenz sprechen damit einen sörnn lichen Verzicht auf die Ordnung dieser unleidlichen Verhältnisse aus." Minister (sehr ernst): „Ich muß diesen Vorwurf ganz entschieden ablehnen. Wir leben hier in einem Lande, in welchem das politische Moment von dem religiösen nicht zu trennen ist. Je stärker sich die auswärtigen Einflüsse in unserer staatlichen Verwaltung bemerkbar machen, umso heftiger ist dagegen die innere Reaction des alttürkischen Elements. Der Mohammedaner ist im Allgemeinen duldsam gegen fremde Volkselemcnte, sofern dieselben sich als treue Bürger des Staates fühlen. Das beweist unsere Haltung gegen die Juden, welche die treuesten Unterthanen Sr. Majestät des Sultans sind. Ich führe mit Vorbedacht die Juden an, weil die Verfolgungen, welchen dieselben in einzelnen eurrpäischen Staaten, die auf einer viel höheren Stufe der Civilisation stehen als das ottomanische Reich, mir weitaus ungerechtfertigter erscheinen als der Haß der Türken gegen die Armenier." Botschafter (mit einer nervösen Handbewegung): „Ein Vergleich zwischen diesen beiden, von einander weitab liegenden Fragen scheint mir doch zu gewagt." Minister: „Mir durchaus nicht! Es hat Euer Excellenz gefallen, von den bestehenden gesetzlichen Verfügungen und Verträgen zrr sprechen. Bestehen nicht auch in Ihrem Lande gesetzliche Bestimmungen zum Schutze der Juden? Und dennoch hat Ihre Regierung, bei welcher ich selbstverständlich den guten Willen dazu nicht in Zweifel zu ziehen wage, nicht vermocht, der Agitation gewisser Elemente die gebührenden Schranken zu setzen. Und was unsere Ulemas und Sofias betrifft, so darf man eben bei denselben keinen geringeren Glaubenseiser voraussetzen als bei Ihren Caplänen, von denen ja einige, wie ich weiß, an der Spitze der Judenhetze stehen." Botschafter: „Verzeihung, Excellenz, wenn ich es mir versage, Ihnen auf das von Ihnen betretene Gebiet noch weiter zu folgen. Sie sprachen von den Judenverfolgungen bei uns zu Lande, hier handelt es sich aber um die Christenverfolgungen im ottomanischen Reiche. Bei jenen Massacres