Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 40 (2.10.1895)
- Date
- 1895-10-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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»zz aaaFtoa^rresag»! rinw- -gp ^>Äk^LSS«cL^-r'' Nr. 40. Dr. Bloch’s Jahrgang XII Centralorgan für die grfammten Interessen des Iudenthums. K. k. Postsparftagrn-Aml Clearingverkehr Nr. 610.976. Rrdartton und Administration: »i*n _ II., Untere Nngartrnfiratze la. Telephon-Nr. 6535. - 3K= Wien, 2. Oktober 1895. Erscheint jeden Freitag. -- Man abonnirk bei allen Pöstanstaltrn des In- und Auslandes. Sezugspreis für Oesterreich: Halbjährig 4 fl. — 8 Ar. Einzelexemplare 25 kr. Für'» Ausland: halbjährig 5 fl. 10 Sh. ganzjährig 10 „ 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile IS tr. -W Inhalt: Leitartikel: Zur Lage in Wien. — Zu den 88 302/3. — Beitrag zur Geschichte der russischen Juden. ^— Der Retigionsunteriicht und die Apostasie. — Teutobold's politische Seifenblasen. — Circular. — Einfluß der jüdischen Speisegesetze aus die Erhaltung der Lebensenergie. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Die Statthalterei über das „Schächten". Belgrad. Ahlwardt über Hammerstein. Earl Lueger und Georg Schönerer. Aus dem judenreinen Sachsen. Nationaler Hochmuth in Japan. Die Börse und die Juden. Einer der tüchtigsten jüdischen Officiere. — Correspond enzen: Wien, Prag. Budapest, Boryslaw, Zlabings, Brod a. S. — Vermis chtes : Wien, Baden, Rohatyn.—Feuilleton: Jüdische und arische Herbstesahnungen. — Alte Kleider. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Zur Lage in Wien. ii. In ihrer Sonntagsnummer vom 29. September bespricht die „Neue Freie Presse" die Rückwirkung der Wiener Gemeinderathswahleu auf die sociale Stellung der Juden. In dem Artikel heißt es wörtlich: „Die Wahlen in den Gemeinderath sind nicht blos eine politische Frivolität, sondern auch eine sociale Beleidigung, weil der Vorwurf der moralischen Minderwertigkeit und des Hanges zur Unredlichkeit als die schärfste Waffe im Kampfe gebraucht wurde. Jeder mag es halten, wie er will, aber wir glauben kaum, daß die Claffen, gegen die eine solche Hetze mit Erfolg durchgeführt wurde, nicht merken sollten, daß sich hier ein politischer und ein gesellschaftlicher Riß vollzogen habe. Eine solche Beleidigung kann nur würdig beantwortet werden durch die stillste Zurückgezogenheit, durch die Beschränkung des geselligen Verkehrs aus den Kreis der Freunde und durch das Vermeiden jedes prunkvollen Auftretens. Wer als ein Schädling hingestellt wird, dem die Gleichberechtigung entrissen und der aus dem öffentlichen Leben hinausgeworfen werden müsse, kann wenig Neigung spüren, die sociale Oeffentlichkeit aufzusuchen, und wird eine Atmosphäre meioen, in welcher das Vergnügen durch die zornigen Gegensätze erstickt wird. Es entspricht geradezu einem tiefen Bedürfnisse, die Insulte nicht gleichmüthig hinzunehmen und keineswegs ohne Erwiderung zu lassen. Der Einzelne kann Volksbewegungen nicht mit einem Ruck ändern, aber es liegt in seiner Macht, wenigstens den Stolz zu bewahren. Es handelt sich um eineFragederSelbstachtungunddesGefühls. Sollen die Frauen und Töchter mit ihren seidenenSchleppendurchdieTanzsälefegen, sich als Patronessen ausBällen undBazars feiern lassen, während die ärmsten W eib er und Greise auf den Straßen, in der Pferdebahn, in den Gasthäusern beschimpft werden, während ein Mann, der zu Gewalt und Tod tschlag aufgefordert hat, sich an schickt, die höchste Würde in der Stadt einzunehmen! Und ganz abgesehen von diesem blutigen Schimpf, es ist ein Gewinn, wenn durch irgend einen Anlaß die Rückkehr zur einfacheren Lebensführung sich von selbst ausnöthigt, der äußerliche und herausfordernde Luxus des Emporkömmlings sich in das Streben nach berechtigten und vornehmem Comfort umwandelt und im harten Drucke der Gefahr manche Schlacken entfernt werden. Gerade in solchen Perioden ist die verfeinerte Geselligkeit der R a h e l entstanden, deren bescheidene Wohnung ein Sammelpunkt der hervorragendsten Männer war, die sich rühmen konnte, eine Freundin Goethe's und Alexander v. Humboldts zu sein. In Wien war das Haus der Fanny E s k e l e s ein Mittelpunkt geistiger Anregung, und die Freundschaft der verstorbenen Sophie T o d e s c o mit Bauernfeld stammte ebenfalls aus einer Periode, wo der Reichthum nicht zur lärmenden Schaustellung, sondern zur Pstege eines edleren Lebensgenusses verwendet wurde. Das freiwillige Ghetto, das sich Jeder durch eigenen Entschluß ziehen kann, hat einen großen Vortheil. Es schützt vor der Berührung mit der widerwärtigsten Ausartung des Herzens und der Gesinnung." Die „Neue Freie Presse" ist das Organ der Gebildeten und wohlhabenden Kreise, der jüdischen sowohl wie der christlichen. Ihre Mahnung ist eben deshalb, weil sie sich an die richtige Adresse wendet, von großer Bedeutung. Sie gibt denselben Empfindungen Ausdruck, welche der „Oesterreichischen Wochenschrift" in den letzten zwei Wochen die Artikeln: „Die Mahnung des Tages" und „Zur Lage in Wien" dictirten. Der Jude, dem in diesen Tagen nicht die Röthe brennender Scham ob der erlittenen Demüthigung auf der Stirne brannte, hat jüdisches Denken und Empfinden verlernt und den Stolz des Mannes abgelegt. Die Judenfrage ist eine C h r i st e n f r a g e, die Frage, wie lange noch der intelligente, arbeitsame, strebsame, patriotische Jude die Gunst, oder besser gesagt, die gnädige Duldung der höheren christlichen Kreise suchen, wie lange er ihren Sitten und Gewohnheiten, ihren Passionen und Moden nacheifern werde? Wenn in den unteren Schichten, im Pöbel der Straße und der Spelunken, das Grundmotiv des Judenhasses die gemeine