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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-08-30 · 35 (30.8.1895) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
35 (30.8.1895)
Date
1895-08-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr. 35. Dr. Bloch’s Jahrgang XU. Centralorgan für die gefammten Interesten des Iudenthums. -- Wien, 30. August 1895. -js—- Erscheint jeden Freitag. ---«ja— - Wan abonnirt bei allen Postanllaltrn des In- und Rnslandrs. Veprgsvrris für Oesterrrlch: Halbjährig 4 fl. — S Stv. Einzelexemplare 25 ft. Illr's Ausland: halbjährig 5 fl. — 10 Jtr. ganzjährig 10 „ 20 „ Anze i gen: Die 4 »al gespaltene Pelitzeile 12 kr. A. tt. PopspsrKsssen-Amt Clearing Verkehr Nr. 610.976. ArLarUon und Administration: Wien II., Vnirrr Ausarlrnstrastr 1a. Telephon-Nr. 6535. «. -=X Inhalt: Seitartilel: Anarchismus und Antisemitismus. — Schönerer contra Lueger und Vergani. — Betrogene Betrüger. — Ncw- Norkcr Briefe. — Ein Besuch im Ferienheim zu Theresienfeld. — Bestrebungen zur Verbreitung von Cultur und Bildung unter den Juden in Rußland. — Beitrag zur Geschichte der russischen Juden. — V o m Jahrmarkt des Lebens: Die Kinder des Ghetto. Die Wahnsinnige mit der weißen Nelke. Das Haus Günzburg in Petersburg. Das Kleingewerbe gegen die Antistn»- ten. Ein Graf als Defraudant. Die Erwerbs- und Wirthschaftsgeuossenschaften gegen den Antisemitismus. Eire angenehme Sommerfrische. Der Hochstcommandirende. Gegen den Redacteur Hans v. Mosch. Praktischer Antinmitiswus. Die Wiener Ezcchen gegen den Antisemitismus. Zur Asfaire Hammerstein. Ein Mortara-Fall. Gibt es ein arisches Urvvlk. Dr. Karl Bettelheim. — C o rre sp o n d en zen: Wien, Mödling. Budapest, Prag, Birovitica, Stuttgart, Berlin, London, Sofia, Petersburg. Damaskus, Nem-Nork, San Francisko, Colonie Clara. — Vermischtes: Wien, Wien-Mariahilf, Troppau, Buczacz. Berlin, Wilna, Odessa. — Feuilleton: Ein Socialreformer in der Gasse. — Briefkasten. — Inserate. Anarchismus und Antisemitismus. Ein Angestellter des Pariser Hauses Rothschild ist einem furchtbaren Attentate zum Opfer gefallen. Ein mit Sprengpulver gefülltes Briefcouvert explodirte beim Oeffnen und zerriß dem Unglücklichen Gesicht und Hände. Der Polizei fehlt jeglicher Anhaltspunkt zur Eruirung des Thäters Niemand weiß, woher die papierene Petarde kam. Sie war zweifellos dem Chef des Hauses selbst zugedacht. Aber galt sie dem Milliardenbesitzer, dem namhaftesten Repräsentanten des Großcapitals lediglich als solchem, oder galt sie dem Repräsentanten des sogenannten „jüdischen Großcapitals"? War die nnheilschwangere Papierpetarde anarchistischen oder antisemitischen Ursprunges? Die Frage scheint uns müßig. Wenn die schwarze Pest ihre Würgarbeit beginnt, wer wollte sich vermessen, ihrem Vernichtungszuge eine Grenze zu setzen? Und wo ist die Grenze für die zerstörende Macht jener geistigen Seuche, welche am Ende unseres Jahrhunderts das angeblich so gesittete Europa ergriffen hat? Wer vermöchte die Scheidelinie zu ziehen zwischen dem verderblichen Einflüsse jener Lehren, welche auf der einen Seite den Besitz als solchen, auf der anderen Seite die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Race oder Confession zu einem Verbrechen stempeln? Der Name Rothschild ist der Sammelpunkt des Hasses der einen wie der anderen Richtung, in dem Namen Rothschild fließt die anarchistische Theorie des Mordes mit der antisemitischen Theorie des Raubes zusammen, und das jüngste Ereigniß hat bewiesen, daß es bei der Theorie allein nicht sein Bewenden hat. Wer immer der Urheber jenes Attentates sein mag, der Antisemitismus hat sich zu der Blutthat bekannt und sich mit dem Anarchismus in seiner scheußlichsten Erscheinungsform identificirt. Die „Libre Parole“, ein antisemitisches Hetzblatt der nichtswürdigsten Sorte, verherrlicht das Attentat und jubelt über dessen schreckliche Folgen. Die „Libre Parole" ist keine Feindin des Capitals im Allgemeinen, ihre Patrone saßen mitten in dem großen Sumpfe, den der Name „Panama" bezeichnet, und schnitten sich ihr Rohr; nur das sogenannte „jüdische Capital" ist ihr ein Dorn im Auge, und auch das nur soweit, als sie es nicht brandschatzen kann. O, diese judenfresserischen Ehrenmänner sind einander alle gleich, ob sie nun Vergani oder Marquis Mores heißen. Das Attentat auf das Pariser Bankhaus Rothschild gesellt den von den antisemitischen Hetzern empfohlenen Vernichtungsformen des Köpfens, Hängens, Ersäufens, Bratens und Todtschießens eine neue zu, welche der Rüstkammer des Anarchismus entnommen ist. Die Gedankenarbeit eines Most vermischt sich mit denPhantasieblüthen der Herren Lueger und Schneider und den Rechtsgrundsätzen des Pfarrers Eichhorn, dessen priesterliche Autorität die Entrechtung und Beraubung der Juden für ein gottgefälliges Werk erklärte. Das Pariser Ereigniß wird vielleicht in nicht allzu ferner Zeit bei uns Schule machen. Hat ja doch vor kaum Jahresfrist der edle Vergani den wahrhaft christlichen Vorschlag gemacht, alle fremden Besucher des Wiener Saatenmarktes in der Donau zu ertränken, und ungefähr zur selben Zeit forderte Herr Lueger im Landtage vom Handelsminister, er müsse in die Versammlung des Saatenmarktes kommen, fragen, ob Alle beisammen seien und ob sie. auch Alles mitgebracht hätten, und dann erklären: Jetzt nehmen wir, was Ihr mitgebracht habt und dann seht, daß Ihr weiterkommt! — Wie weit ist es von der Verkündigung solcher Lehren bis zu dem Versuche ihrer praktischen Ausführung durch einen verwirrten Kopf im Wege des blutigen Angriffes! Wie weit ist es vom Köpfen und Ersäufen zur Zusendung einer Papierpetarde, und welcher Unterschied besteht noch zwischen dem angewandten Anarchismus und dem angewandten Antisemitismus? Aber der verbrecherische Wahnwitz, der in Paris nur das Hirn eines Einzelnen ergriffen hat, erfaßt bei uns die Köpfe von Tausenden und Abertausenden. Der — vorläufig noch confessionell begrenzte — Anarchismus darf bei uns auf offenem Markte und in den Vertretungskörpern gepredigt werden, und die blutgierigsten Jnstincte werden mit offener Verhöhnung der Gesetze und ohne entsprechende Ahndung entflammt. Ist es denn nicht unerhört, ja schier unfaßbar, daß in einem geordneten Rechtsstaate mit starker Executivgewalt bei den Gemeinderathswahlen der Reichshaupt-

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