Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 34 (23.8.1895)
- Date
- 1895-08-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 34. Dr. Bloch’s Jahrgang XII. <*? N Centralorgan für die gefsmmten Interesten des Iudenthums. 3fr - % K. ft. Postsparkassen-Amt Clraringverkelrr Nr. 810.976. Rrdartion und Administration: Wien! >>., L'nirrr Diij-aiirnstrafti 1a. |Telephon-Nr. 6535. « —----- =3S -——^- Wien, 23. August 1895. -- Erscheint jeden Freitag. ----r --— Wan abonnirl lut allen Pollanllalkrn des In- und Auslandes. U -R j Vkzugsvreis fiir Orstrrreirii: | Halbjährig 4 si. — 8 jtr. Einzelexemplar!' 25 kr. | Jfir’s Ausl.ind: | halbjährig 5 fi. — 10 Zkr. j ganzjährig 10 „ ~ 20 „ i Anzeigen: Die 4-naf gespaltene j i Pelitzeile 12 fr.!) --- Inhalt: Le itartike l: Zn den Wiener Geineinderathswahlen. — Eine russische Vertrags-Auslegung. — Aus Russland. — New-Uorker Briese. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Ein Symptou? Antisemitische Excesse in einem Eurorle. Die Ezechen beim „Goldenen Luchsen". Der Antisemitismus in der Literatur. Der Antisemitismus in der Armee. Ein antisemitischer Berlagsbuchhändler aus der Anklagebank. Der antisemitische Gemeinderath Feichtinger im Anklagezustand. Ein Verehrer Lueger's. Frau Schmitz begnadigt. Kartenspiel frommer Seelen. Aufopfernde Lebensrettung. „Jüdische Roche". Antisemitischer Patriotismus. Vom christlichen Bouhandwerk. Unredlicher Wettbewerb im antisemitischen Lager. Jud oder Christ? Aus Rozumi. Die kleine Capellr mit der grosren Sammelbüchse.— Correspond enzen: Wien, Baden, Faikenau an der Eger, Berlin, Gailingen, Wenns, Anhalt, Glcitz. Ceiistmiliiupel, Hebron. — Vermischtes: Wien, Lemberg, Brünn, Mährisch-Budwitz, Kremsier.Pirnitz, Hödmtz, Kosiel, Hnmpolcc, Goltsch-Jenirau, Gräfenberg, Bisenz, Proßnih, Budapest, Berlin, Breslau, München, Luxemburg,Jassa. — Feuilleton: Der Kopf. — Federzeichnungen aus der Gasse. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Zu den Wiener Gemeinderathswahlen. Kaum vier Wochen trennen uns noch von dem Beginne der Wiener Gemeinderathswahlen, welche die Entscheidung darüber bringen werden, ob die österreichische Reichshauptstadt mich fernerhin nach den Grundsätzen des Fortschrittes - und der konfessionellen Gleichberechtigung verwaltet werden oder ob der wüthendste Judenhaß zur officiellen Herrschaft im Rathhause gelangen soll. Seit Wochen organisirt sich der antisemitische Heerbann. Eine Agitation ist entfesselt, wie sie wilder, rücksichtsloser und in der Wahl der Mittel verwerflicher noch niemals erlebt worden ist. Die blutigsten Jnstincte der Menge werden von Neuem angereizt. Zu den Todesarten des Hängens und Köpfens, welche Herr Lueger für die Juden ausgesucht, hat nun der Ritter Stampiglius noch jene des Lebendig-Gebratenwerdens empfohlen und er selbst hat sich erboten, einen Judenbraten mit Appetit zu verspeisen. Eine Wählerschaft, in welcher solch' niedliche Scherze auf johlenden Beifall stoßen, ist zu Allem fähig; sie urtheilt nicht mehr nach Vernunft und Gesetz, sondern sie folgt nur noch den schlimmsten Trieben der gereizten Bestie. Es wäre überflüssig, sich heute in Klagen und Recriminationen über Diejenigen zu ergehen, welche diesen Zustand der Dinge verschuldet haben und das einst als Muster der Gemüthlichkeit gepriesene Wien zu einer großen Arena machten, in welcher die grauenvollste Menschenhatz betrieben wird. Ein geistvoller Mann hat jüngst, als von der Aetiologie des Krebsgeschwüres die Rede war, den Antisemitismus als einen gleichartigen Vorgang bezeichnet. Jeder lebendige Organismus, der gesunde wie der kranke, baut sich aus Zellen auf. Eine einzelne Zelle ist durch irgend einen Zufall aus dem allgemeinen Entwicklungsproceß ausgeschlossen geblieben — die treibende Kraft in ihr schlummert. Aber nach Jahren, nachdem der Aufbau des Organismus längst beendet ist, wird sie durch irgend eine Reizung, durch einen Stoß oder Fall ans dem Schlafe gerüttelt, sie beginnt zu wuchern und es entwickelt sich, außerhalb des planmäßigen Organismus, im feindlichen Gegensätze zu demselben, das fressende Krebsgeschwür. Auch in der Volksseele gab es solch einen Punkt, der von der allgemeinen geistigen und moralischen Entwicklung ansgeschlossen war; das Rechtsbewußtsein, die Freiheitsliebe, die Sittlichkeit, kurz alle civilisatorischen Kräfte wirkten harmonisch zusammen, in der Tiefe der Volksseele aber schlummerte gleich jener zurückgebliebenen Epithelzelle der Racengedanke, der plötzlich durch künstliche Reizung geweckt wurde, zu wuchern begann und sich zu dem Krebsgeschwür des wildesten Judenhasses entwickelte, welcher nun den ganzen gesellschaftlichen Organismus mit Untergang bedroht. Die Verwüstungen des Antisemitismus unterbrechen auf Jahrzehnte, vielleicht auf Jahrhunderte hinaus den normalen Gang der Civilisation, und die sittliche Entartung der Massen ist eine so ungeheure, daß alle Kunst unserer socialpolitischen Heilkünstler daran zu Schanden wird. Der Antisemitismus ist ein Krebsgeschwür und muß ausgeschnitten werden. Die bevorstehenden Gemeinderathswahlen sind nur ein vorbereitender Schritt zu dieser schwierigen Operation, aber dieser Schritt muß mit vollem Ernste, mit unbeugsamer Entschlossenheit und mit klarer Erkenntniß dessen, was auf dem Spiele steht, unternonimen werden. Mag man tausendmal behaupten, daß die liberale Partei es versäumt habe, zur rechten Zeit ihre Pflicht zll thun, und mag diese Behauptung tausendmal berechtigt sein, in diesem entscheidenden Augenblicke gibt es für unsere Glaubensgenossen keinen anderen Anschluß als den an die liberale Partei. Noch ist die Macht der Grundsätze, welche diese Partei begründet, stärker als die Fehler ihrer praktischen Politik, noch steht die Hoffnung aufrecht, daß sie, durch schlimme Erfahrungen gewitzigt, zurückkehren werde zur ehrlichen Bethütigung dieser Grundsätze. Die scheinbare Uneinigkeit im antisemitischen Lager darf uns nicht täuschen. Fast möchten wir es als ein Naturgesetz bezeichnen, daß im Augenblicke der Schlacht alle reactionären Elemente sich gegen die Vertheidiger des Fortschrittes zusammenschließen. So war es stets, so wird es immer sein! Und darum darf es heute auch keinerlei Uneinigkeit im fortschrittlichen Lager geben! Die Unterschiede des Tempos und des Temperamentes dürfen den Zusammenschluß von Liberalen und Demokraten nicht hindern. Vereinzelte Stimmen habendie Meinung vertreten, daß unsere Glaubensgenossen, ehe sie der liberalen