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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-07-05 · 27 (5.7.1895) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
27 (5.7.1895)
Date
1895-07-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
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ir. 27. Br. Bloch’s ♦ 4 4 Jahrgang XII. Centralorgan für-die gestimmten Interessen des Lldenthums. - M . -— -lg] A. k. Poflspsrcagen-Nmt j Clearingverkehr! Nr. 810.976. Redsrlior, und Aduiinistrakion: Wien II Untere Augartenstratze 1 u. Telephon Nr. 6535. W ■— -- —U -o>—•—♦ Wien, 5. Juki 1895. ,_cb __, Erscheint jeden Freita g. - ■ > Wan abonnirt bei allen Postanstalten des In- und Auslandes. .:i: - ' ■ —_ : p] Verugspreis für Oesterreich: j Halbjälirifl 4 fl. s Kr.! E>n,elexrmplare -.'f. kr. 1 Mr's Ausland: Halbjährig 5» fl. — 10 ,Hc. iflcmzjäbrig 1» „ -- 20 „; A iie i g e n: Dir linal grspailriir Prtit',eile 12 Ir. \ Inhalt: Leitartikel: Plener's Rücktritt. — Das „Gewohnheitsrecht" von Oesterreich. — Kol-nidre. — Englische Nebelbilder. — Schopenhauer über die Deutschen. — H e b r ä i s ch e L i t e r a 1 u r. — Aus Rußland. — Rembrandt ein Jude? — Vom Jahrmarkt des Lebens: Liquidation Günzburg. — Leitmeritz. Bund der Deutschen in Böhmen. — Der Deutsche Schulverein und die Juden. — Die Pläne des Prinzen Liechtenstein. — Verbot des Schachtens im Rumburger Schlachthause. — Taufschein. — Eine edle, aristokratischarische Wohlthäterin. — Juden und Christen. — Ein netter Priester. — Ein antisemitischer Proceß in Craiova. — Jüdische Soldaten. — Antisemitische Abgeordnete und ihre Diener. — Die Anwesenheit des Herrn Ahlwardt bei den Kieler Festen. — Roch einmal: Sänger oder Vorbeter? — Des „Vaterland" — Ende? — Correspondenzen: Wien, Brünn, Roketnitz, Andrvchau, Paris. — Vermischtes: Wien, Ferienheim, Lehreriubilänm, Professor Sulzer, Jüdische akademische Lesehalle, Baden, Piesting, Troppau, Suczawa, Hmuburg, Lindau a. H., Hirschberg. — Feuilleton: Vereint. — Literatur. — B r i e f k a st e n. — Inserate. Plener's Rücktritt. Mit vor innerer Bewegung zitternder Stimme verlas der Präsident des Abgeordnetenhauses eine in wortknappstem Depeschenstyle abgefaßte Zuschriftdes Abgeordneten v. P l e n e r, worin dieser die Niederlegung seines Mandates anzeigte. Der in seiner Vollkraft stehende, vor nicht langer Zeit noch hochgepriesene Führer sieht sich gezwungen, von der politischen Bühne abzutreten. Die glänzenden Leistungen des einstmaligen Oppositionsmannes, sie wurden nur allzu rasch verdunkelt von den Unterlassungssünden des Ministers. Nun wollte er nicht die Sisyphusarbeit wieder von vorne beginnen und zog es vor — die Dinge auf sich beruhen zu lassen. Selbst die gegnerischen Stimmen müssen seine staatsmännische Begabung anerkennen und den makellosen persönlichen Charakter. Er war ein eleganter, stets sachlicher Redner — wer wüßte das nicht? — und gebot über eine reiche Fülle von wissenschaftlichen Kenntnissen. Mit bienenhaftem Stubenfleiße trug er immer noch neue Gelehrsamkeit zu der erworbenen alten hinzu. Aber macht die glänzendste Beredsamkeit, die erstaunlichste Belesenheit den großen Staatsmann aus, wenn der praktische Blick für das Große und Ganze, für das im Augenblicke Entscheidende und Nothwendige fehlt? Wenn die Voraussicht jedesmal sich als irrig und trügerisch erweist? Wenn der Moment zum entscheidenden Handeln zaudernd und zuwartend verpaßt wird? Als 1879 Graf T a a f f e an der Arbeit war, sein Cabinet zu bilden, lehnte P l e n e r ein angebotenes Portefeuille ab — ein großer Fehler, der von einem bedauerlichen Mangel an staatsmännischer Klugheit zeigte und der sich auch schwer gerächt hat. Wäre er in das Cabinet T a a f f e eingetreten, die Dinge hätten sich in Oesterreich ganz anders entwickelt. T a a f f e hätte es nicht nöthig gehabt, den Antisemitismus zu protegiren und ihn als trennenden Keil in die Reihen des oppositionellen Deutschthums hineinzutreiben. Mit einem ungeheueren Aufwand an Geist, Thatkraft und Scharfsinn führte Plener die Opposition gegen Taaffe. Und wie zwecklos im Grunde war der ganze Kampf! Wo sind die Erfolge, die er gebracht hat? P lene r dachte und fühlte stets mehr national als liberal. Der Liberalismus stand bei ihm erst in zweiter Reihe. Ihn aufzugeben oder, wie das zart umschreibende Wort es ausdrückt, ihn „zurückzustellen", verursachte ihm keine allzu großen seelischen Kämpfe. Den deutsch - böhmischen Volksvertretern — und er war einer — liegt von jeher all das kleinliche Geplänkel — Straßentafeln, Gerichtssprache in weltabgelegenen Nestern. Gymnasium in Ciüi — mehr am Herzen als der freiheitliche Ausbau des Gesammtstaates. — Als Minister hat P l e n e r allen seinen Freunden und Parteigenossen große Enttäuschungen bereitet. Der scharfe, unbeugsame Oppositionsführer hatte im „Zurückstellen" rasch eine bemerkenswerthe Virtuosität entwickelt. Alle Schroffen und Ecken seines Wesens hatte er rasch abgeschliffen. Er war so conciliant, so versöhnlich, so elegisch - milde. Die Juden in Oesterreich, welche aus angeborener Verehrung jeder geistigen Capacität Jahrzehnte hindurch ihm und seiner Partei bedingungslos Gefolgschaft geleistet, erwarteten vergeblich von seiner Ministerschaft die Wahrung ihrer staatsgrundgesetzlich gewährleisteten Rechte. Immer drohender, immer kühner erhob der Antisemitismus sein Haupt. Und die Enunciationen, die ab und zu von der Ministerbank kamen, sie klangen so zahm, so zugeknöpft, so amtlich reservirt und verschnörkelt. Der liberale Minister P l e n e r hatte im Drange seiner vielfältigen Amtsgeschäfte ganz an beii Liberalismus vergessen, er hatte ihn — „zurückgestellt". Was kümmerte es ihn, wenn Hunderttausende von treuen Staatsbürgern in ihrer Ehre beschimpft, an Leben und Gesundheit bedroht und in ihrer wirthschaftlichen Existenz erschüttert wurden? Was ging es den liberalen Minister an, wenn eine Bande von gewerbsmäßigen Verhetzern eine staatsgrundgesetzlich anerkannte Kirche durch den Morast ihrer eigenen Gesinnung schleifte und ihr eine Ethik unterschob, deren Lehren ihre Niedertracht ausgeheckt hatte? Das war doch Alles nicht so wichtig, wie — Cilli. Cilli ging vor. Nein, der Edle von P len er war kein Staatsmann. Er war ein großer Redner, ein feiner Rechner, ein correcter Beamter. Seine moralische Toilette weist nicht den kleinsten Defect auf. Dennoch haben die Juden durchaus keine Ursache, seinen Rücktritt zu bedauern, denn er hat für ihre Leiden nie das geringste Berständniß gezeigt und nicht einmal den mindesten guten Willen, ihnen zu helfen. — Die Thatsachen haben uns rascher Recht gegeben als wir geglaubt. Was wir im Leitartikel der letzten Nummer angedeutet, es beginnt sich langsam herauszukrystallifiren — was Graf Hohenwart sinnt!

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