Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 25 (21.6.1895)
- Date
- 1895-06-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 25. Bl*» BlOCh^ Jahrgang XII. Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. K. ft. Postsparcassen-Rm t Clearingverkehr Nr. 910.976. Rrdarlion und Administration: Wien II. Untere Augartensiraste 1 u. I'e'lepkon t»Ir. 6535. Wien, 21. Juni 1895. ,_cb _'_, Erscheint jeden Freita g. --' Man abonnirt bei allen Postanstalten des In- und Auslandes. Verugsprei» sirr vesterrrirl,: Halbjährig t fl. - s Mc. ISutU'leiYuiDliUY kr. j Fnr'a Hurtlanti: Halbjährig '> fl. 10 ju\ l Ganzjährig H> „ —- 20 „ A » z t i g o u : Tie tiitnl gespaltrnr! j Petit',eile r; kr. i! Inhalt: Leitartikel: Das Ende der Coalition. — Der ,,Xo1-niäre«-Scandal im österreichischen Parlament. — Der Selbstschnlz der Inden. — Zu den Wiener Gemeinderathswahlen. — Auswanderung und Handel mit weißen Leuten vor hundert Jahren. — Zain „Krotowskv"-Schwindel. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Der Ritnalmord von Rinn. — Das Blutmärchen — eine Jndenlist. — Wegen Sittlichkeitsverbrechens. — Zum Antisemitismus Felix Dahn's. — Der Ehrenbürger Vergani. —^ Der „Vorwärts". — Ein Ferman des Sultans Abdul-Aiediid. — Der Handel und die russischen Juden. — Ein Vestechnngoversuch. — Irenen beim Brande Breit- Litowsks. — Auch fünf Generationen genügen nicht. — Ein jüdischer Bürgermeister. — Ein liebenswürdiger Examinator. — Auch ein Blutmärchenproceß. — Correspondenzen: Wien, Brüx, Budapest, Lemberg, Tarnow, Berlin. — Vermischtes: Wien, Waid- Hofen a. d. Th., Reichenberg, Budapest, Kaschau, Sambor, Zloezüw, Brody, Berlin, London, Padua, Tanger. —Feuilleton: Vereint. — B r i e f k a st e n. — Inserate. Vas Ende der Coalition. Mit der lechzenden Sehnsucht des gehetzten Wildes, welches Rettung sucht vor seinen Bersolgern, haben die Juden vor anderthalb Jahren die Coalition begrüßt. In der Aera Taaffe stand die liberale Partei) die Schöpferin der Staatsgrundgesetze, die Verkünderin der Gleichberechtigung, in der Opposition. Die Juden waren ihre treuesten Anhänger, und indem man diese schlug, wollte man die liberale Partei treffen. Die Begünstigung der antisemitischen Bewegung gehörte mit zu den macchiavellistischen Künsten des Systems Taaffe, welches unausgesetzt darauf ausging, die Kraft der Vereinigten Linken zu zerreiben. Die Letztere faßte die Judenfrage mit egoistischer Kleinlichkeit auf. Sie glaubte den tückischen Angriffen am besten zu begegnen, wenn sie sich für unsere Glaubensgenossen nicht allzusehr exponirte. Das von unseren Gegnern aufgebrachte Wort „judenliberal" war ihr unbequem und sie that so, als ob ihr eigenes Schicksal mit jenem der Juden nicht allzu innig verwachsen wäre. Unsere Glaubensgenossen hatten ein großes Herz für die liberale Partei; sie würdigten die schwierige Lage derselben und sie machten ihr die Lauheit und Lässigkeit in der Abwehr des Antisemitismus nicht zum Vorwurfe. Da kam die Coalition, und wie eine strahlende Feuergarbe schoß die Hoffnung der Juden auf den Anbruch einer besseren Zeit auf. Nun endlich war ja die liberale Partei wieder an der Macht, nun konnte sie den Principien der Staatsgrundgesetze, konnte sie der Gleichberechtigung wieder zu siegreichem Durchbruche verhelfen, nun konnte sie, durch die Drangsale einer vierzehnjährigen Opposition geläutert, sich als die berufene Hüterin der Freiheit und der bürgerlichen Rechte erweisen. Nirgends ist die Coalition mit gläubigerem Vertrauen, mit ehrlicherer Begeisterung ausgenommen worden als in den Reihen der Juden. Wie denn auch nicht? Schien es doch, als ob klirrend die Schlösser zur Erde fallen müßten, mit denen man uns wieder in das Ghetto einsperren wollte, in ein viel schlimmeres Ghetto als jenes des Mittelalters, denn doppelt würde ja die gesellschaftliche Knechtung auf uns lasten, nachdem wir mit geweiteter Brust den Odem der Freiheit eingesogen haben. Es ist überflüssig, von den Enttäuschungen zu sprechen, welche uns das neue System brachte. Die Coalition ist zu Ende, und das härteste Urtheil, das man über sie sprechen kann, liegt in den Worten, daß ihr Zusammenbruch noch mit hundertfach größerer Freude begrüßt wird, als der Sturz des Systems Taaffe. Warum es so gekommen und kommen mußte, darüber wollen wir die Worb' citiren, welche in der jüngsten Versammlung des Vereines der Fortschrittsfreunde der ehemalige Vicebürgermeister Dr. Richter sprach: „Und das jetzige Regime?" fragte Dr. Richter, nachdem er die Aera Taaffe geschildert hatte. „Es ist die Aera Taaffe unter veränderter Firma. Einen Unterschied vermögen wir nicht zu erkennen, und wir wären Dem, der einen solchen herausfindet, unendlich dankbar, wenn er ihn uns kennen lehren würde . . . Die liberale Partei war allerdings auch zur Tafel geladen, aber nur, um die Bestecke zu putzen, während die Coalirten an der Tafel saßen. Da ging eine große Umwälzung innerhalb der Wählerschaft vor, welche die liberalen Abgeordneten nicht nur für Mitschuldige an der offenen Verletzung der Coalirtenpflichten, sondern auch der Staatsgrundgesetze halten mußte." Nicht wir sprechen dieses harte Urtheil, sondern ein Nichtjude, welcher zu den hervorragendsten Männern der liberalen Partei zählt. Uns bleibt nur übrig, dieses Urtheil als ein verdientes zu bezeichnen. Die Coalition ist gescheitert und mußte scheitern, weil die liberale Partei nicht kraft ihrer Grundsätze, sondern durch die Gnade ihrer Gezner sich im Besitze der Macht erhalten wollte; sie mußte scheitern, weil sie die Hingebung und Aufopferung ihrer treuesten und geduldigsten Anhänger mit Undank gelohnt, weit sic aus