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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-05-31 · 22 (31.5.1895) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
22 (31.5.1895)
Date
1895-05-31
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr. 22. III*. Blocht Iahrsam XII. Centralorgan Kr die gesammten Interessen des Iudenthums. -s«- Wien, 31. War 1895. .__, Erscheint jeden Freitag. - <g^6 qp ' * Wan alumuivt bei allen Postanstalten des In- und Nuslandes. . ■-- — ---.—[5] Vrxugsprrrs für Srstrrrelih: Halbjährig 4 f!. 8 Kr. Einzelexemplare 25 kr. Für's Ausland: Halbjährig 5 fi. — lü Kr. Ganzjährig lv „ — 20 „ Anzeigen: Die tmal gespaltene i Petitzeile 12 kr. }••• —. - i-W M i K. ft. PoMkirrnlsrn-Mnt learingvrrkehr Nr. 810.976. Rrdarlivn und Adlninistrnkion: Wien II. Untere Ausarkenstraße la. lelepbvn tlr. 6535. -f£3 Inhalt: Leitartikel: Die Bürgermeifterkrise in Wien. Oesterreich und Frankreich. — Der Lügner auf der Kanzel. — Teutobold über die Tagesfragen. — Selbstschutz. — Vollversammlung des Politischen Bolksvereines. — Ein jüdisch-deutsches Leben Christi. — Vom israelitischen Taubstnmmen-Jnstitute. — Trauerandachten ftir Wilhelm Ritter von Gutinann. — Correspondenzen: Wien. Mährisch- Ostrau, Kolin, RoLnau, Gliniany, Pest, Nürnberg. Berlin, Worms, Petersburg, Rom, Paris, Nuchi. — Vermischtes: Wien, Stanislan, Lemberg, Pisek, Buczacz, Berlin. Prag, Mährisch-Ostrau, Szegedin. — Feuilleton: Master. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Die Vürgrrmeisterkrise in Wien Die Bürgermeisterwahl ist resultatlos verlaufen. Herr Lueger, der sonst so schlaue Volkskomödiant, hat die im dritten Wahlgange mit knapper Majorität aus ihn entfallene Wahl abgelehnt und in einer verblendeten, tollen Minute sich um das Resultat der ganzen volksaufreizenden Lebensarbeit gebracht. Es wird behauptet, daß er aus der Noth eine Tugend gemacht hat, in der Voraussicht—daß die Regierung seine Wahl nicht bestätigt hätte. Dann aber ist nicht abzusehen, wieder heute fortzusetzende Wahlact zu einem positiven Resultat führen soll. Denn die liberale Partei des Gemeinderathes, welche sich in dieser! entscheidungsschweren Tagen so wacker gehalten und einen so klaren Blick für die Schwierigkeiten der Lage und die Verantwortlichkeit ihrer Stellung bewiesen hat, wird heute nicht waukelmüthiger sein als sie es vorgestern war. Sie muß alle faulen und augefaulten Compromiß- Candidateu abweisen!! Sie hat mit zäher Energie und rühmlicher Einmüthigkeit den Einflüssen Widerstand geleistet, welche von coalitionsfreundlicher Seite aus sie ausgeübt wurde, sie hat im Gegensätze zu ihren Genossen im Parlamente jedes Pactiren mit dem lauernden Gegner charaktervoll von sich gewiesen. Herr Lueger hat durch seine Ablehnung der Regierung vielleicht eine große Verlegenheit erspart, aber die liberale Partei des Gemeinderathes hat er in ihren wohlüberlegten Entschlüssen nicht wankend zu machen vermocht. Und auch das muß schon als ein unmittelbarer und schwerwiegender Erfolg der von den Liberalen im Gemeinderathe eingeschlagenen Politik angesehen werden, daß die Regierung Bedenken trägt, der Wahl eines Lueger zum Oberhaupte der ersten Stadt des Reiches zuzustimmen. Das moralische Gewicht dieser Thatsache kann nicht verkannt werden. Noch sind wir also in Oesterreich nicht so weit, daß die Judenhetze, daß das Programm des Köpfens und Hängens regierungsfähig geworden wäre! Und wer Zeuge der schamlosen Scenen war, welche sich vor und während des vorgestrigen Wahlactes in der Umgebung des Rathhauses abspielten, wer gesehen hat, von welch Bassermaun'schen Gestalten sich Herr Lueger in's Parlament begleiten und anjohlen ließ, der wird die abweisende Haltung der Regierung vollkommen begreifen und billigen. Das „Deutsche Volksblatt" hat zu früh gejubelt, als es vorgestern eine mit dem Bildnisse L u e g e r's „geschmückte" und der fettgedruckten Devise: „Hoch Lueger, der Bürgermeister Wiens!" versehene Extra-Ausgabe vorher drucken und unter den Mob vor dem Rathhause vertheilen ließ. Noch fühlt sich die Regierung verantwortlich für die Ehre Wiens und die Würde des Reiches, noch erniedrigt sich ein österreichisches Ministerium nicht so tief, einen Lueger der Krone zur Bestätigung vorzuschlagen. Aber was nun? Gelingt es auch heute nicht, den mit Laternen gesuchten Compromißbürgermeister zu finden, dann bleibt nichts Anderes übrig, als die Auflösung des Gemeinderathes und die Ausschreibung allgemeiner Neuwahlen. In diesem Falle wird die liberale Partei noch einmal, vielleicht zum letzten Male für lange Zeit, ihre äußerste Kraft aufbieten, um Wien vor der Schmach eines antisemitischen Regimes zu bewahren. Was auch die liberale Partei im Parlamente an der Sache der Freiheit und an uns Juden gesündigt haben mag, wir haben keine Ursache, dies der Fortschrittspartei des Gemeinderathes entgelten zu lassen. Wenn es eine Sühne ftir jene Sünden gibt, die Liberalen im Gemeinderathe haben sie gesühnt. Sie haben sich als treu- und ehrlich erwiesen, und an uns Juden ist es, sie in diesem letzten, schwersten und entscheidendsten Ringen nicht im Stiche zu lassen. Man soll und darf von uns Juden nicht sagen, daß wir die Fahne, der wir dreißig Jahre in unverbrüchlicher Treue gefolgt sind, im Augenblicke der höchsten Gefahr verlassen haben. Schon heute dürfen wir die Erwartung aussprechen, daß unsere Glaubensgenossen bis auf den letzten Mann in diesen Wahlkampf eintreten und die liberale Partei unterstützen werden. Die liberale Partei des Gemeinderathes hat voll und ganz ihre Pflicht gethan, thun auch wir die unserige! Versäumen auch dann noch die Regierungsmänner ihre Pflicht, umso schlimmer für sie! Wir wissen wohl, welche Hoffnungen die Antisemiten auf die Neuwahlen setzen. Aber die Zuversicht des Gegners darf uns nicht muthlos machen und nicht uns Juden darf die Schuld für die eventuelle Niederlage der liberalen Partei ausgeladen werden. Unterliegt sie, so müssen für diese traurige Eventualität jene Factoren verantwortlich gemacht werden, die in der allmüligen Entkräftung und Zerreibung des Liberalismus den Gipfel aller Staatsweisheit erblickt haben!

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