Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 19 (10.5.1895)
- Date
- 1895-05-10
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 19 Dr. Blorh/s Wmtzrnlrkxrrfl. Seile 359 An seinem Arm verließ Josepha den Maskenball. In dem Augenblicke, wo sie in den Wagen steigen wollte, trat Wodakoski hinzu und stellte Valerini höhnisch zur Rede. Ich trennte die Streitenden und führte mit Hilfe eines Collegen Wodakoski halb mit Gewalt fort. -t- * * Am nächsten Nachmittag kam Wodakoski zu mir und gab mir einen Brief. „Lies", sagte er kurz. „Wie soll ich das verstehen?" Es waren ein paar Zeilen, welche Josepha mit kräftigen Zügen auf ein Blatt Papier hingeworfen hatte. Sie lud ihn zu einer Unterredung ein, jedoch ausdrücklich in meiner Gegenwart. „Das ist sehr einfach", sagte ich. „Sie will Dir den Abschied geben. Ich finde es besser, Du gehst nicht hin, sondern überläßt es mir, in Deinem Namen zu handeln." „Nein, nein!" rief Wodakoski, indem er aufsprang und im Zimmer auf und ablief. So ohneweiters wie ein Bedienter lasse ich mich nicht fortschicken. Wenn sie den Muth hat, mit mir zu brechen, dann soll sie es Aug' in Auge mit mir thun." „Wie Du willst", sagte ich, „ich habe es ausgegeben, Dir zu rathen." Wir gingen also zu Josepha und fanden sie im Schlafrock, über den sie ihre rothsammtene Hermelinjacke gezogen hatte, auf dem Divan ausgestrcckt, die in dem üppigen Pelzwerk weich gebetteten, weißen Arme im Nacken verschränkt, während ihre kleinen Füße in goldgestickten Pantöffelchen unter dem Saume des seidenen Gewandes hervorblickten. Sie wendete nur den Kopf und lud uns dann ein, Platz zu nehmen. „Ich habe Sie gebeten, an unserer Unterredung theilzunehmen", wendete Sie sich zu mir, „damit ich nöthigenfalls mich auf Ihr Zeugniß berufen kann." Dann wendete sie sich zur Seile und heftete den ruhigen Blick auf Wodakoski, den Kopf auf den linken Arm gestützt, während ihre rechte Hand mit einem Hermelinschweischcn an ihrer Jacke spielte. „Da Du mich durchaus nicht verstehen willst, so will ich micMinmal in Gegenwart Deines Freundes deutlich aussprcchen, damit es weiter keine Mißverständnisse zwischen uns gibt. So lange Du unschuldigerweise sür mich geschwärmt hast, war mir der Verkehr mit Dir angenehm und lieb sogar. Seitdem Du jedoch Ansprüche auf mich erhebst, ist unser Verkehr mehr und mehr für beide Theile Peinlich und unmöglich geworden. Wage es, in Gegenwart Deines Freundes zu behaupten, daß ich Dir irgend etwas versprochen und nicht gehalten habe! Ich war immer ehrlich gegen Dich, Tu aber willst mich zwingen, Dir zu gehören. Wie stellst Du Dir das eigentlich vor? Du wirst mir doch nicht im Ernst zumuthen, Deine Frau zu werden?" Sie begann leise zu lachen. „Und Deine Geliebte werde ich ebenso wenig sein, als die irgend eines Andern. Du solltest mich doch kennen, wenn mich mein Stolz vor derlei Versuchungen nicht bewahren würde, so wäre es meine Klugheit." „Du gibst mir also den Abschied?" murmelte Wodakoski, während in seinem bleichen Gesicht die dunklen Augen unheimlich brannten. „Ja!" erwiderte Josepha gelassen. „Ich bitte Dich einsür allemal, mich nicht mehr zu besuchen." „Du könntest so grausam sein, mich für immer zu verbannen?" rief Wodakoski, indem er sich vor ihr niederwarf und feine Arnw um sie schlang. „Du bildest Dir doch nicht ein, daß ich Mitleid mit Dir habe, thörichter Knabe", gab sie zur Antwort und begann dann laut und herzlich zu lachen. „Es sei denn", sprach Wodakoski mit dumpfer, gepreßter Stimme. „Ich will mich fügen, aber gewähre mir nur noch einen Abend mit Dir, einen einzigen." Josepha sah über ihn weg, gleichsam in die Ferne. Sie schien nachzudenken. Dann wendete sie sich langsam mit einem seltsamen Lächeln um den üppigen Mund zu ihm, der noch Zimmer bebend zu ihren Füßen lag. „Gut", sprach sie mit einem Tone, dessen Härte mit ihren Worten im Widerspruche standen", ich werde Dich heute Abends erwarten." „Um wieviel Uhr?" „Um acht." -i- * * Nachdem ich Wodakoski verlassen hatte, war ich in ein Kaffeehaus auf dem Graben eiugetreten. Hier traf ich Valerini, der eine Tasse schwarzen Kaffees vor sich, an einem kleinen Tische saß und den Pariser Figaro las. Ter Zufall fügte es, daß ich in seiner Nähe Platz fand und so kam es, daß ich ihn gegen meinen Willen immer wieder in's Auge faßte. Er machte mir den Eindruck eines Menschen von außerordentlicher Energie, verbunden mit einem heißen, südlichen Temperament, eines Menschen, der zu Allem fähig war. Ich konnte mich deshalb eines Gefühles der Unruhe, ja der Bangigkeit nicht erwehren, das wie eine böse Ahnung über mich kam, als ein einfach gekleidetes Mädchen eintrat, und nachdem sie den Italiener entdeckt hatte, ihm ein kleines Briefchen, offenbar von Tamenhand, übergab. Während er las war die Ueberbringcrin verschwunden. Als er zu Ende war, blickte er auf, las dann das Billet ncch einmal und schlug mit dem kleinen Löffel an die Tasse, die vor ihm stand. Als der Marqueur nicht gleich erschien, wurde Valerini ungeduldig, und sofort nachdem er bezahlt hatte, nahm er Hut und Mantel und verließ das Kaffeehaus. Etwas Rätbselhastcs trieb mich, ihm zu folgen. Ich mußte rasch gehen, um ihn nicht aus den Augen zu verlieren. Wider Erwarten schlug er den Weg nach der Altstadt ein und trat hierin einer engen Gasse in ein Haus, in dem er wahrscheilich wohnte. Rathlos stand ich einige Zeit auf der Straße und entschloß mich endlich, da er nicht wiederkam, nach Hause zu gehen, aber das Gefühl der Unruhe und der Besorgniß wollte mich nicht mehr verlassen und so nahm ich wieder meinen Hut und den Radmantel, den die Studenten damals mit Vorliebe trugen und eilte der Vorstadt zu, in der Josepha wohnte. Kurz nachdem cs zehn Uhr vom nächsten Thurm geschlagen hatte, kam ich an. Noch war Alles still, die Fenster von Josephas Zimmer waren hell erleuchtet, auf Garten und Straßen lag mildes Mondlicht. Endlich hörte ich Schritte. Merkwürdigerweise nahm Wodakoski den Weg durch den Garten — Josepha begleitete ihn. Der Hermelin ihrer rothsammtenen Jacke schimmerte im Mondlicht zwischen den kahlen Bäumen und Ranken. Ich ging längs der Mauer um Wodakoski bei der kleinen mir wohlbekannten Pforte zu treffen. Da tonte ein Schrei durch die Nacht. Ich eilte so rasch ich konnte vorwärts und fand meinen armen Freund auf der Straße vor der offenen Pforte zu Josephas Füßen in seinem Blute liegen. Ich kniete bei ihm nieder, um ihm Hilfe zn leisten, aber ich kam zu spät. „Ist er todt?" fragte Josepha, welche, die Hände in den weiten Aermeln ihrer Pelzjacke, ruhig, fast gleichgiltig dastand. Mir versagte die Stimme, ich konnte ihr nur mit dem Kopfe ein Zeichen geben. „Es mußte so kommen", sagte Josepha „er wollte es nicht anders." Am nächsten Morgen erfuhr ich, daß Valerini entstohen war. Für mich bestand kein Zweifel, daß er Wodakoski getödtet und daß Josepha selbst den Unglücklichen in das Netz gelockt hatte. Als ich zu Gella kam, wußte sie bereits Alles. . . Sie saß stumm in Thränen da und auch ich fand lange Zeit keine Worte. . . . „Ich denke nicht daran, Sie anzuklagen", sagte ich endlich „aber eigentlich sind Sie Schuld an seinem Ende, Sie haben ihn in den Tod getrieben." Sie schüttelte traurig den schönen Kopf: „Nein, ich nicht, er wäre auch so zu Grunde gegangen." (Ende.)