Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 18 (3.5.1895)
- Date
- 1895-05-03
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 18 Seite 336 treibenden durch die Theorien der fürstlichen Socialpolitik, des bekannten fürstlichen Agitators erstehen. „Selbsthilfe" durch Zuweisung von Arbeiten, ohne dieser fürstlichen Socialpvlitik Concurrenz zu inachen, nicht um nur Juden unter allen Umständen mit Arbeiten zu betrauen, sondern nur um bei gleicher Tüchtigkeit und gleichen Fähigkeiten den Vorrang unseren schwerbedrückten Glaubcnsbrüdern zu geben, um dadurch der Entwicklung der Gewerbe unserer Glaubensgenossen fördernd zur Seite zu stehen. Leider ist auch im gewerblichen Leben eine falsche Auffassung des „Liberalismus" eingerissen, und so wie im öffentlichen Leben der Liberalismus an die Wand gebriicft wird und nur ein Scheinleben führt, so geschieht dies auch bei Vergebung von Privat- und öffentlichen Arbeiten mit Bezug auf unsere Glaubensgenossen, er richte daher an alle Arbeitgeber die Mahnworte, fest zusammenzustehen und durch einiges, zielbewußtes Vorgehen die dem Gewerbetreibenden erstandene schwere Position zu erleichtern. Tie mit edler Begeisterung gesprochenen Worte des Redners fanden die lebhafteste Anerkennung von Seite der Anwesenden und wurde der Redner von allen Seiten beglückwünscht. Hierauf sprach Gemeinderath Lang, welcher versicherte, das; er in seinem Wirkungskreise stets bestrebt war und bestrebt sein wird, den jüdischen Gewerbetreibenden und deren Leistungen gerechte Beurtheilung und Anerkennung zu verschaffen. Und nun folgte der Cassabericht, vorgetragen von dem Cassier Herrn S. Steiner, aus welchem entnommen wurde, daß der verbleibende Caffasaldo fl. 600 beträgt. Nachdem dem scheidenden Vorstande das Absolutorium gegeben wurde, fanden die Nemvahlen statt. Zu der Wahl sprach der Bicepräses Herr L. Guttmann, welcher die Wahl des Präses per Acclamation beantragte und wurde dieser Antrag acceptirt, einstimmig wurde nun Herr Präses Brod wicdergewählt; von dem bisherigen Vorstande wurden wiedergewählt: Herr Leopold Guttman», Hermann Beck, I. Mensch, F. Pick, Josef Rosenthal, M. Schwarz, M. Wackler, L. Wulkan, Alfred Kisch, S. Steiner, neugewählt Herr Baumeister Zerkowitz und Herr S. Friedman» .fr. Nach Bekanntgabe des Wahl- Resultates wurde die Versammlung geschlossen. (Budapest.) Die Pester „C hewra Kadischa" hat ihre ordentliche General-Versammlung am 28. April unter dem Vorsitze ihres Präsidenten Herrn Carl R e u ß abgehalten. Nachdem der vom Secretär Herrn Dr. Franz M e z e y unterbreitete Jahresbericht auf Antrag des Okepräsentanten Herrn Paul T e n c e r als verlesen betrachtet wurde, erlheilte die General-Versammlung dem Vorstande das Absolutorium und votirte demselben protokollarische Anerkennung. Der Jahresbericht gedenkt zunächst der Ende vorigen Jahres stattgehabten Mitglieder-Aufnahme, aus deren Anlaß 1631 neue Mitglieder dem Verbände des heiligen Vereines beigetreten sind; an Einverlcibungsgebühren sind bei dieser Gelegenheit fl. 61.641' II eingeflossen. Im Sinne eines früheren Beschlusses wurde im neuen israelitischen Centralfriedhofe ein monumentales Ceremonial-Gebäude mit einem Kostenaufwande von fl. 110.000 aufgeführt und wird dasselbe Heuer seiner Bestiinnrung übergeben werden. Für die Centralbureaus, die angesichts der steten Entwicklung des Institutes in den bisherigen Miethlocalitäten nicht mehr genug Raum finden, wurde das Haus in der Laudongafse Nr. 3 für den Kaufschilling von fl. OO.OoO erworben und wird die „Chewra Kadischa" schon demnächst in ihr eigenes Heim übersiedeln. Der Jahresbericht gedenkt pietätvoll der im verfloffenen Jahre verstorbenen Mitglieder, und befaßt sich derselbe sodann mit dem vorjährigen Wirken des heiligen Vereines. Die Erhaltung des Versorgungshauses, dessen leitendem Comite Herr Baron Sigmund Schosberger vorsteht, betrugen im Jahre 1894 fl. 14.504 21. Zur Erhaltung des israelitischen Spitales hat der heilige Verein fl. 18.000 beigetragen; überdies wurden bedürftige Hauskranke in ihren Wohnungen gepflegt und die Reconvalescenten nachdrucksvoll unterstützt. An Geldu n t e r st ü tz u n g e n wurden im verflossenen Jahre außer den Legats- 4 Widmungen sl. 32.540 21 an Arme vertheilt. Die Organe des heiligen Vereines haben im ganzen Tahre 2013 Tobte beerdigt und hatte die „Chewra Kadischa" mit den Selbstkosten von fl. 20.315 für die Bestattung jener Tobten zu sorgen, nach denen keine Gebühren erhoben worden sind. Das Budget pro 1895, welches das großangelegte Werk dieses Humanitären Vereines bekundet und gegenüber den Einnahmen von fl. 163.460 einen Bedarf von fl. 171.154 76 präliminirt, wurde angenommen. Nachdem die Herren Julius Adler, Samuel Atlas, Dr. Emil Farkas, Samuel F l e i s ch l, Adolf S t e rn t h a l, Berthold Weiß und Ludwig W o l f n e r zu Rechnungs-Revisoren wiedergewählt und die Neuwahlen auf den Herbst verschoben worden sind, wurde die General-Versammlung unter sympathischen Kundgebungen für den hochverehrten Präsidenten geschlossen. Kozlow. (Jüdische und christliche Osterfeier.) An den beiden Osterfeiertagen postirte sich die Menge nach Beendigung des Gottesdienstes in der römisch- und griechisch-katholischen K irche auf offener Straße im Centrum der Stadt, sowie vor den Kirchen, um in naiv frommer Absicht an ihren jüdischen Mitbürgern, die die Straße zu passiven wagten, echte christliche „Nächstenliebe" zu üben, indem sie dieselben mit Steinen verschiedener Größe — je nach der Person — tractirten. Merkwürdig ist nur an der Sache soviel, daß diese — wenn auch ein wenig zudringliche — Liebenswürdigkeit auf die derart beschenkten Juden geradezu keinen guten „Eindruck" machte, vielmehr waren dieselben von der ungewöhnlichen Freigiebigkeit ihrer bäuerlichen Mitbürger unangenehm „berührt". Die Hetze dauerte so ununterbrochen von Früh bis Abend an den beiden Osterfeiertagen, derart, daß sich kein Jude aus die Straße wagen durste, außer aus die Gefahr hin, von der Menge todtgeschlagen zu werden. Sobald sich nur ein Jude blicken ließ, wurde er mit einein ohrenzerreißenden Gejohle und darauffolgendein Steinregen empfangen, daß ihm das Blut in den Adern erstarren mußte, noch bevor er seine Lage ansfassen konnte, selbst jüdische Gemeinderälhe wurden nicht verschont, allerdings aus purem „Tolerauzgefühl". In den Mußestunden, d. h. wenn kenn kein Jude als Zielscheibe vorhanden war, wurde das Boinbardement gegen das nächstgelegene Haus des Hanpttrafikanten Herrn Wolf Saß unaufhörlich fortgesetzt, und um damit genügendes Materiale zu haben, wurde die gemauerte Umzäunung des Hauses in ganz einfacher Weise deniolirt und sodann gegen dieselbe geschleudeet. Ja wo waren denn die Behörden? wird wohl mancher Leser verblüfft fragen. A propos! Nun erinnere ich mich auch, wir haben ja hier einer sehr wachsameu Gendarmerieposten, denn an den allwöchentlichen Märkten befinden sich die Gendarmen den ganzen Tag aus der Straße, und mag das Wetter noch so arg sein, um die Ruhe aufrecht zu erhalten. Jedes „unanständige Benehmen" eines Juden auf den; Markte wird mit den härtesten Strafen geahndet, jedes kleinste Vergehen, von Juden natürlich, sofort denuncirt. Wie konnte man jedoch das fromme Volk in der Ausübung wahrer „Nächstenliebe" — nach Ansicht der Sch eich er, Deck er t und Consorten — stören? Das wäre doch schon unerhört! Man blieb also lieber zu Hause oder unterhielt sich gemüthlich bei einer Zeche. Nur der Bürgermeister allein, geruhte uns den wohlmeinenden Rath zu ertheilen, „daß sich doch die Juden nicht so viel herumdrehen möchten". Nicht wahr: ganz n In, Lueger? Hoffentlich werden wir es noch erleben, die Schneider'schen Theorien vom Schußgeld verwirklicht zu sehen. Wäre man doch schon längst zum „Schuß" bereit, wenn nur Jemand wär', der das „Geld" hergeben möchte. Chen. Hannover. Am 1. Juni 1893 wurde, wie wir bereits einmal berichtet haben, zu Ahlem von Herrn Consnl Alexander M. Simon in Hannover eine Anstalt eröffnet, der er den Namen: „Israelitische Erziehungs-Anstalt für Bodencultur und Handwerk" gab. Die Anstalt liegt auf einem für alle Zweige des landwirthschaftlichen Betriebes geeigneten Terrain und erstreckt sich auf ein Areal von 12 Hektar 64 Ar 74 Quadratmeter. Weiteres zur Vergrößerung des Betriebes geeignetes Land steht in unmittelbarer Nähe zur Verfügung und kann, wenn die Mitel vorhanden sind, angekauft werden. Der Begründer dieser Anstalt ist in edler Hochherzigkeit bereit, die 50 Morgen große Alllage nebst Gebäuden k., welche einen Werth von 200.000 Mark reprüsentiren, in eine öffentliche Stiftung zu bleibendem Nutzen für die Allgemeiilheit umznwandeln. Der Anstalt faUcu für die Erziehung folgende Aufgaben zu: Sie hat den im schulpflichtigen Alter ihr überwiesenen Knaben den üblichen Volksschulunterricht angedeihen zu lassen; es geschieht das in der Anstalt selbst. Es mußten alsdann geeignete Kräfte gewonnen werden für den Unterricht in der Bodencultur und Handfertigkeit. Ueberdies war daraus Rücksicht zu nehmen, daß außer den schulpflichtigen Kindern auch Lehrlinge von der Anstalt angenommen werden sollten. Diese, die ihrem Alter nach über den eigentlichen Schulunterricht hinaus sind, müssen gleichfalls ihren Wohnsitz in der Anstalt nehmen, werden in ihrem technischen Berufe ausgebildet und erhalten in der Feierabendzeit und am Sonntag Fortbildungsunterricht. In der Israelitischen Erziehungs-Anstalt in Ahlem sind, abgesehen von den galizischen Knaben, auch andere österreichische Kinder, wie aus Wien rc. untergebracht. Augeblicklich sind es ca. 50 Zöglinge, welche Zahl indessen, falls die von der Baron Hirsch-Stiftung in Aussicht gestellten weiteren 6 Knaben, sowie einige andere der Anstalt zugeführt werden sollten, auf 60 anwachsen dürfte. Da hiermit das jetzige primitive Gebäude gefüllt wäre, so sind wir hiedurch genöthigt, Neubauten vorzunehmen und es wäre, da die Anstalt doch absolut keinen localen Charakter trägt, sondern Zöglinge aus allen Theilen Deutschlands und Oesterreichs aufnimmt, sehr wünschenswerth, wenn auch aus letzterem Reiche Spenden und Beiträge für die Anstalt einlaufen würden. In der Anstalt sind bereits neun österreichische Zöglinge und weitere sind in Aussicht. Außerdem haben wir Zöglinge aus Rußland und Schweden.