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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-04-19 · 16 (19.4.1895) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
16 (19.4.1895)
Date
1895-04-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 290 Nr. 16 Dr. Bloch's Wochenschrift. wertb halten, unserer sittlichen Enttüstung darüber Ausdruck zu geben. Nebstdem ist nicht zu übersehen, daß die Wiener Gemeindcrathsstube lange schon zum Tummelplätze für Personen herabgewürdigt worden, die die Höhe unserer Verachtung nicht erreichen. Anders aber ist es, wenn wir die Räume in Betracht ziehen, in denen Graf Pallavicini den Ueberströmungen seines Herzens freien Lauf gelassen. Die Mitglieder des ungarischen Magnatenhauses gehören ihrer überwiegenden Mehrheit nach durch Geburt der Aristokratie an. Das griechische Wort „aristos“ bezeichnet den Superlativ von „gut". Das Magnatenhaus repräsentirt demnach die Besten des ungarischen Volkes. Ich frage darum, ist es nicht eine Entweihung des Magnatenhauses, wenn ein Mitglied desselben sich so tief erniedrigt, einem Wiener Pfaidler oder Tischler in den Ergüssen der Gemeinheit gleichzukommen? Noblesse oblige. Niemanden befremdet es, wenn in Wien auf der Rednerbühne des n. ö. Landtages oratorische Leistungen feilgeboten werden, die in Reclamen für den Geschäftsantisemitismus austönen. Welche Versicherungsgesellschaft wird denn dem gerichtsscheuen Ehren-Vergani noch Pauschalien bewilligen, wenn das Waten im antisemitischen Schlamme vom Repertoir des zeitgemäßen Sports gestrichen würde? Und ist es denn nicht auch begreiflich, daß ein allgemein bekannter Stimmzettel- und Stampiglienfälscher im Landtage die Juden mit seinem eigeneil Unrath bewirft? Dieses Schoßhündchen eines gewissen Prinzen, dessen Taufschein zwar echt, deffeit Nase aber ihn zu einem Vöglein stempelt, das aus einem semitischen Kukuksei hervorgekrochen, welches in ein arisches Nest gelegt worden ist, dieser Mops ist sich bewußt, von seinem fürstlichen Gönner anstatt mit Brosamen mit der Hundspeitsche tractirt zu werden, wenn er aufhören wollte, die Juden anzubellen. Aber das Gekläff auf den Brettern, auf denen ein Schneider und Jnseratenhausirer sich katzbalgen, darf kein Echo in den Räumen finden, wo Ungarns Magnaten über das Wohl und die Größe ihres Vaterlandes berathen. Denn „Noblesse oblige“. Ich finde es erklärlich, daß in Wien die Räume des Reichsrathes von den Herzensergüffen antisemitischer Verrohung widerhallen. Der uervus reram gereiidarum des Wiener Antisemitismus ist Concurrenzneid. An der Spitze der christlich-socialen Bewegung in Wien steht Dr. Lueger, der Christum lieitandi modo für fünf Kupferlinge verkaufen ließ. Dieser „Bruder in Christo" kaim es nicht verwinden, daß ein „Bruder in Juda", genannt "Judas Jscharioth ihm bei diesem Handel zuvorgekommen und nebstdem ein viel besseres Geschäft gemacht, sechsmal soviel in Silber als er in Kupfer bekommen hat. Ein solcher Christusschacherer ist ftn ungarischen Magnatenhause weder in persona noch in effigie anzutreffen. Seinem selbsteigenen Geständnisse nach ist das Palladiuin des Hern: Grafen das Pantherfell an der „Landirahme" von Munkacsy. Darin machen ihm doch die mit Hasenfellen handelnden Juden keilte Concurrenz? Der Herr Graf konnte unschwer aus Dr. Lueger's Vergangenheit Rückschlüsse auf dessen politische Zukunft ziehen. Wer sozusagen vor dem Schlafengehen den Aermsten aus dem Volke die letzten Habseligkeiten durch den Gerichtsexecutor feilbieten läßt und früh als Armenanwalt aufsteht, von einem Christuspfänder plötzlich in einen „Bruder in Christo" sich metamorphosirt, von dem läßt sich mit einiger Sicherheit Voraussagen, bei den nächsten Reichsrathswahlen werde er mit Schmachtlöckchen an den Schläfen und in langem Kaftan bei galizischen Juden um ein Mandat hausiren. Ist es aber nicht entwürdigend, wenn in einer Versammlung der Nachkomme derer, die sich in Pantherfell hüllten, Jemand debutirt, der an einem und demselben antisemitischen Strange mit einem politischen Chamäleon zieht? Noblesse oblige. Wenn in Wien Gemeinderäthe, Landtags- und Reichsrathsabgeordnete einen Redeton anschlagen, der ein Hohn auf unsere Civilisation ist, so fällt die Verantlvortung daftir eigentlich auf ihre Wähler zurück. Ihre Sache war es, sich vorher über das sittliche Bildungsniveau ihrer Mandatare zu vergewissern. Haben sie es verabsäumt, oder gar in dieser Voraussetzung ihnen die Vertretung ihrer Interessen anvertraut, so müssen sie an der Verachtung aller Gutgesimtten participiren. Welcher Ton herrscht aber im diesseitigen Herrenhause? Es wäre eine Täuschung, sich dem Glauben hinzugeben, daß die Mitglieder desselben durchwegs Philosemiten seien. Und doch wie würdevoll werden dort politische Meinungsverschiedenheiten discutirt. Jedes Mitglied des österrcichischcu Herrenhauses ist sich bewußt, daß sein Mandant Se. Majestät ist. Darum bekam man dort noch nie eine knoblauchgewürzte Rede zu hören. Graf Pallavicini aber scheint vergessen zu haben, daß die Mitglieder des ungarischen Magnatenhauses Mandatare Sr. Majestät sind, daß der König von Ungarn die Mitglieder des Oberhauses ernennt. Noblesse oblige. Und was hob das stolze Bewußtsein eines ungarischen Magnaten bis zur antisemitischen Höhe eines Vollblutariers? Für die Selbstüberschätzung der germanischen Presse ist die Verbreitung ihrer Sprache ein hinreichender Erklärungsgrund. Nachdem die Juden die deutsche Sprache über alle Welttheile getragen, so daß es kaum noch einen Flecken bewohnter Erde gibt, auf dem ein Sohn Gcrmaniens die süßen Laute seiner Muttersprache entbehren inüßte, glaubt das „Volk der Denker" endlich den Pionnieren des Germanismus nach echt deutscher Art danken zu müssen. Würdiger konnten die Stammverwandten der Vandalen, deren Culttirfreundlichkeit sprichwörtlich ist, ihre Dankesschuld gegen die Juden nicht abttagen, als indem sie den Antisemitismus erfunden, der der christlichen Gesittung ein ebenso jähes Ende bereiten wird, wie einst der Vandalismus der abendländischen Cultur. Das ttifft beim magyarischen Volk nicht zu. Die Ungarn stehen noch nicht so tief in der Dankesschuld gegen die Juden. Ihrer Sprache haben sie bis nun erst in dem von Slaven bewohnten Karpathengebiete das Naturalisationsrecht gesichert. Sollen vielleicht die Nachkommen derer, die vor 1000 Jahren unter Arpad ihrem Vaterlande den Rücken zugekehrt, um einem deutschen Fürsten, Arnulf von Bayern, bei der Zerstörung des großen Mährenreiches unter Swatopluk Heeresfolge zu leisten, den heutigen Deutschen bei der Zerstörung der abendländischen Gesittung Handlangerdienste leisten? Noblesse oblige. Den Grafen Pallavicini hat dem eigenen Geständnisse nach das Aroma, das Thierhäuten entströmt, zu seiner Knoblauchrede begeistert. Der Anblick von Pantherfellen um die Schultern der Eroberer Pannoniens einerseits und andererseits das Bild jüdischer Hausirer mit Hasensellen auf dem lastgebückten Rücken, das vor sein geistiges Auge trat, hat ihn derart der Wirklichkeit enttückt, daß er in dem Momente, wo um den Besitzstand des Christenthums ein erbitterter Kampf geführt wurde, die Blutsverwandten Christi mit Redeblüthen überschüttete, wie sie bisher nur in der Reichshaupt- und Residenzstadt Oesterreichs und nicht Ungarns auf der Tagesordnung sind. Er scheint aber nicht zu wissen, daß der gekrümmte Rücken jüdischer Hausirer eine Eroberung versinnbildlicht, die die „Landnahme" Ungarns um so viel überragt, als Geistiges höher steht als Stoffliches. Diese Hausirer gehören einem Volke an, das vor 1895 Jahren einen Helden geboren, der ebenfalls schwer beladen durch das Leben schritt. Beladen mit der erdrückenden Last sittlicher Wahrheiten nahm er einen Kamps mit Unsterblichen auf. Die Hasenfelle aus dem Rücken jüdischer Hausirer mahnen an Kampf und Sieg über Götter, unter denen auch die Ahnengötter der Magyaren sich befinden. Geziemt cs sich in den Räumen und in dem Momente, wo für die sittlichen Eroberungen eines Siegers aus dem Stamme Juda eine Lanze eingelegt wird, den Stamm dieses gefeierten Helden zu verhöhnen? Noblesse oblige. Und hält denn das Magyarenthum, dessen physische Kraft ein Pantherfell symbolisirt, mit dem Heldeugeschlechte der Maccabäer einen Vergleich aus? Hätte Munkacsy die „Einnahme Kanaans" künstlerisch dargcstellt, würde auf der Leinwand, dessen bin ich sicher, statt des Panthers ein Löwe prangen. Sein Pinsel hätte Simson vorgezaubert, wie er den König der Thiere mit unbewaffneter Hand secirt und großmäulige Philister mit einem Eselskinnbacken über den Haufen wirft. Und des Löwen Fell hätte er nicht von den Schultern des Helden herabwallen lassen, sondern in einen Sammelplatz für Bienen umgestaltet. Denn das Volk mit Hasenfellen aus dem gekrümmten Rücken hätte wohl ein Anrecht, in Löwenhäute sich zu hüllen und steht an Heldenmuth keinem der jetzt lebenden Völker nach; aber nie betrachtet es das Zerstören, sondern das Aufbauen als das Ziel der Tapferkeit. Seinen vierthalbtausendjährigen Gang durch die Geschichte bezeichnen nicht Schutthaufen und Brandstätten, sondern blühende Betriebsamkeit. Sein Bienenfleiß ist nicht von heute oder gestern. Er war auch seinen Heroen in altersgrauer Zeit eigen. Selbstverständlich hätte Munkacsy's Meisterhand auch dem bekannten Räthsel Leben und Gestalt gegeben. „Vom Esser ging Sättigendes hervor und vom Starken Süßigkeit". Vielleicht hätten unsere Arier die richtige Nutzanwendung davon gemacht. Genießen und genießen lassen fordert der erste Theil des Räthsels. Wer im Vollgenuffe bürgerlicher Freiheiten ist, mißgönne sie Anderen nicht. Und die katholische Kirche, im Besitze der höchsten Macht, sollte doch den Mahnruf nicht überhören, daß, wer machtgebietend ist, nicht darauf ausgehen soll, die Gemüther der politisch Schwachen zu verbittern. Am allerwenigsten aber durste das zur Macht gelangte Ungarn dulden, daß in seinem Magnatenhause eine Rede von Stapel gelassen werde, die selbst im niederösterreichischen Landtage zu Wien nicht — d eutsch er ausfallen konnte. Noblesse oblige. Aber mit Simson dürste die bildlid)e Darstellung der „Einnahme Kanaans" ihren Abschluß niä)t haben. Die künstlerische Vollendung heischt es, daß das Auge im Hintergründe dieser Scene die Cadaver des Löwen und Büren nicht misse, die von einen: Hirten, kann: den: Knabenalter entwachsen, erlegt werden. Und welch' entzückenden Anblick mußte erst dieses Bürschlein gewähren, wie es ohne Lanze, ohne Schwert um die Lenden, mit der Hirtentasche umhängt auf einen ungeschlachten, kainpfgeübten, ganz in Erz gehüllten Niesen losschreitet und ihn: den Garaus macht! Daß in der Hand dieses kühnen Hirtenburschen, aus dessen Brust süßduftende Lieder hervorquollen, die inan Psaliuen nennt, Lieder, die auch in christlichen Kirchen gesungen werden, die Harfe nicht fehlen durfte, ist selbstverständlich. Wie kläglich, wie mitleiderregend würde diesem Bilde gegenüber die Gestalt eines Sprechers sich abheben, der im ungarischen Magnatenhause aus dem antisemitischen Köcher seiner Witze Knoblauch hervorholt und damit die Nachkommen dieses Helden und Sängers bewirft und über diese Heldeuthat selbstgefällig lächelt, als drücke er Pfeile aus Apollos Köcher ab. Und was thaten die Angefalleiien? Sie paralysirten den Knoblauchdust gräflich Pallavacinischer Witze mit den würzigen Redeblüthen ihres Ahnen. Während ein Mitglied des ungarischen Magnatenhauses im Chorus mit einem Corrigenden des Reichsrathes in Wien und Wiener Pfaidler, einem Jnseratenbettler und Herrgottspfänder antisemitische Reden anstinuute, singen die Juden mit den Hasenfellen auf den: Rücken in Gemeinschaft mit den Heiligen der katholischen Kirchen, den Seraphim und Erzengeln Psalmen. Welche Gesellschaft mag wohl vornehmer sein? Noblesse oblige? Lomnitz. Dr. S. Wolfsohn. „Echter" Vermreser. Ernst Bergani hat dem christlichen Bürgerthum» dessen Interessen er angeblich vertritt, eine große Ehre erweisen wollen — er hat versucht, sich selber zu adeln. Wäre die Absicht Vergani's gelungen, so hätte man dem Bürgerthum gratuliren und dem hohen und niederen Adel, insbesondere

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