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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-03-08 · 10 (8.3.1895) · page 21

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
10 (8.3.1895)
Date
1895-03-08
Page
– (sequence 21)
Language
German
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Rr. 10 Der Vorbeter von Cham. Erzählung aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges von S. Kohn, Verfasser von „Gabriel". (Schluß.) „Laßt nur hier nichts zurück, was Ihr benöthigen könntet", meinte Ascher Treuenberg, bevor sie aus dem Gefängniß ausbrachen, und ließ hierbei seinen Blick durch den halbdunklen Raum lausen, „. . . hier seh' ich Euren Lulaw'), Reb Towije, nehmt ihn mit Euch, Ihr werdet ihn ja noch morgen brauchen, er hat Euch und auch mich in große Gefahr gebracht," dann aber fügte er plötzlich lachend hinzu, „doch gebt ihn mir für kurze Zeit, ich muß jetzt zum Herzog, mir die Bestätigung über die abgelieferten Gelder holen, bei dieser Gelegenheit will ich ihm einen Lulaw zeigen, — dem Amhoorez!2), der nicht einmal weiß, daß man zum Lulaw oft frische Arowos braucht!" und von Neuem mußte er fröhlich lachen wie ein glückliches Kind! In den Verhältnissen der Familie Kohen war wie mit einem Zauberschlage nach allen Richtungen bin eine Wendung zum Guten eingetreten; sie war dem größten Elende, der tiefsten Armuth, der härtesten Noth entriffen und Plötzlich zu einer Zeit, wo sie das am wenigsten erwartet hatte, wohlhabend geworden. Am nächsten Tage theilte Ascher v. Treuenberg Tobias Kohen zu dessen größter Verwunderung den Wunsch des Herzogs mit, ihn und seine Frau vor ihrer Abreise zu sehen. Es war natürlich, daß einem solchen, wenn auch in mildester Form ausgesprochenen Befehle gehorfamt werden mußte, und Tobias Kohen suchte über Treuenberg's Anrathen bei dem Herzog um die „hohe Gnade einer Audienz" für sich und seine Frau an, um „seinen ehrfurchtsvollen Dank für das huldvolle Geschenk" auszusprechen. Der Herzog empfing sie in gnädigster Laune, versicherte, daß es ihn „sehr krepirt hätte", wenn er Kohen's Schuldlosigkeit zu spät, nachdem das Urtheil vollstreckt, 'erfahren hätte, ja er ließ sich sogar so weit herab, der schönen, klugen Frau wegen ihrer vortrefflichen Haltung bei dieser „affreusen Affaire" ein Compliment zu machen, und bewies ihr sein Wohlwollen auch dadurch, daß er ihr einen eleganten, bequemen Reisewagen, der auf einem sächsischen Edelsitze erbeutet worden war, zum Geschenk machte, damit sie die Reise nach ihrer Heimat, wie er sich ausdrückte, „ohne allzugroße Fatiguen und Molesten" zurücklegen möge. Tobias Kohen und seine Familie legten unter Treuenberg's Schutz die Reise in relativ kurzer Zeit zurück, und langten — obwohl sie, um Begegnungen mit feindlichen Truppen auszuweichen, oft weite Umwege machen mußten — schon nach drei Wochen in ihrer Vaterstadt Prag an. Ascher von Treuenberg wurde von seiner Gattin, seinen Eltern, seinem-Großvater und seinen Brüdern mit großem Jubel empfangen; aber auch Towije Kohen und seine Frau wurden mit herzlicher Freude ausgenommen, die sich noch mehr steigerte, als man erfuhr, in welcher unglücklichen Lage sie sich befunden, in welcher großen Gefahr er geschwebt und in welcher nahezu wunderbaren Weise er gerettet wurde. Für den nächsten Sabbath nach seiner Ankunft, wo er in der Altneufynagoge beim Thoraaufrufe Gomel benschen») sollte, war er aufgefordert worden, in diesem weltberühmten, altehrwürdigen Gotteshause vorzubeten, und die Synagoge vermochte nicht die große Zahl Jener zu fassen, welche gekommen waren, den langentbehrten, gottbegnadeten Sänger zu hören. Towije Kohen fühlte sich von unsäglicher Rührung erfaßt, als er das Gebet anstimmte, und diese verlieh seinem Vorträge eine solche Meisterschaft, daß er seine Zuhörer entzückte, hinriß, — man behauptete, noch nie. selbst von ihm nicht, so wunderbar zum Herzen dringenden Gesang gehört zu haben. Nach dem Schluffe des Gottesdienstes bat der achtzigjährige Kohols-Chasan Reb Wendet, die Anwesenden um die Gunst, noch kurze Zeit in der Synagoge verweilen und ihn anhören zu wollen, und als diesem unerwarteten Begehren dadurch entsprochen wurde, daß Alle auch nach dem Gebete auf ihren Plätzen verharrten, betrat der Greis das Almemmor4) ') So wird der Feststrauß am Laubhüttenfeste nach seinem hervorragendsten Bestandtheil, dem Palmzweig, bezeichnet. *) Unwissenden. *) Wer einer Lebensgefahr entronnen war, hat, wenn er das nächste Mal zur Thoravorlesung aufgerufen wird, eine Benediction zu sprechen. 4) Eine Tribüne in der Mitte der Synagoge, auf welcher die Thoravorlesung vorgenommen wird. Seüe I87j und hielt eine kurze Anrede des Inhalts: Nachdem er schon durch vierzig Jahre sein heiliges Amt, wie er hoffe zur Zufriedenheit seines Schöpfers, seiner Vorgesetzten und der Synagogenmitglieder versehen, habe er sich nun seines hohen Alters und seiner beginnenden Gebrechlichkeit wegen schon längere Zeit mit den Gedanken getragen, fein heiliges Amt niederzulegen und in den Ruhestand zu treten. Doch habe er bisher seine Absichten aus dem Grunde nicht ausgesprochen, weil er befürchtete, keinen Nachfolger, wie er sich ihn wünsche, zu finden. Nun aber da Reb Towije Kohen wieder nach Prag zurückgekehrt, sich auch neuerlich als unerreichbarer Sangmeister bewiesen und man sich für diese Stelle keinen besseren Mann wünschen könne, bitte er, man möge noch bei seinen Lebzeiten Reb Towije Kohen zu seinem Nachfolger ernennen. Er selbst fei ein alter Mann von geringen Bedürfnissen, und werde auch der Synagogengemeinde nicht lange mit seiner Pension zur Last fallen, auch wolle er sich recht gerne mit der Hälfte seiner gegenwärtigen Bezüge als Ruhegehalt begnügen. Da Reb Towije an den lauten Zurufen, die von allen Seiten ertönten, erkannte, daß Reb Bendet's Antrag allseitige Zustimmung fand, ergriff er sofort das Wort und gab die Erklärung ab: daß nach seiner Meinung Reb Bendet ad meo weesrim schono *) Prager Kohols-Chasan mit vollem Gehalt und allen unverkürzten Nebeneinkünften bleiben müffe, daß aber er — Towije Kohen — stets bereit sei, ihn unentgeltlich zu vertreten. Er sei in jüngster Zeit Gott sei Dank, ein wohlhabender Mann geworden, beabsichtige, sich im Tandelmarkte ein Geschäft zu errichten und hoffe, daß dieses mit Gottes Hilfe ihn und die Seinen ernähren würde; und so geschah es daß Reb Towije Kohen die Stelle eines Kohols-Chasan als Ehrenamt übernahm, aber auch später, als Reb Bendet hochbetagt aus dem Leben schied, ließ Tobias Kohen sein Gehalt an arme Cantorswitwen auszahlen; die Nebeneinkünfte seiner Stelle überließ er den anderen unbemittelten Synagogenfunctionären, den Schamoßim2) und dem Koreh»). Tobias Kohen errichtete sich in der That eine Seidenwaarenhandlung und wurde durch gottgesegneten Fleiß bald aus einem wohlhabenden ein reicher Mann, der seine Kinder vortrefflich erzog und zu frommenJuden und redlichen Menschen heranbildete. Ascher von Treuenberg lebte glücklich mit dem Weibe seiner Wahl und erlebte an seinen Kindern Glück und Freude. Das jüdische adelige Geschlecht Derer von Treuenberg, verschwindet in der späteren Zeit spurlos, vermuthlich ist es ausgestorben. In Triest lebt wohl eine Familie des Namens Basfchewi, doch dürfte sie, da sie kein adeliges Prädicat führt, nicht zu den Abkömmlingen Jacobs von Treuenberg zählen. Die anderen Personen unserer Erzählung gehören der Geschichte an, und dürfte ihr weiterer Lebenslauf mehr oder minder bekannt sein. Graf Gottfried Pappenheim war der Erste derselben, der aus dem Leben schied, er fiel schon am 6. November 1632 in der Schlacht bei Lützen, in welcher auch der Schwedenkönig Gustav Adolf, der Vorkämpfer des Protestantismus, das Leben verlor. Albrecht Wallenstein, Herzog von Friedland, wurde fünfviertel Jahre später des Hochverraths an dem Kaiserhause, des Einverständnisses mit den Schweden bezichtigt und in Folge kaiserlichen Auftrages aur Abende des 25. Februar 1634 mit seinen angeblichen Mitverschworenen in Eger getödtet. Mit Wallenstein's Falle verschwanden auch seine beiden Generale Holk und Jsolani, welche bis zu seinem Ende treu zu ihm hielten, von dem Schauplatze der Begebenheiten. General Graf Rudolf Colloredo, welcher bei Lützen sieben Wunden erhielt, wurde 1636, weil er sich nicht von Wallenstein zum Abfalle verleiten ließ, vielmehr der kaiserlichen Sache große Dienste leistete, mit der Herrschaft Opocno in Böhmen belehnt. 1648 vertheidigte er Prag gegen die Schweden, in welcher Stadt er 1657, zweiundfiebzig Jahre alt, als deren Gouverneur und Feldmarschall starb. (End e.) ') Hundertundzwanzig Jahre, ein Hyperbel, so viel als bis an sein spätes Lebensende. *) Dienern, Synagogendienern. *) Thoravorleser. Oestrrrrichische WortzrnschrM

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