Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 10 (8.3.1895)
- Date
- 1895-03-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 172 VrprrrektzMr Wochrnkchrist Nr. 10der Wiener Hochschulen im Auslande" nicht steigern kann, ist wohl Jedermann klar. Am 9. Februar brachte das „Deutsche Volksblatt" einen Leitartikel über die wirthschaftlichen Verhältnisse Oesterreichs und Ungarn „im Lichte des Bankausweises". Da heißt es wörtlich: Die wirthschaftlichen Verhältnisse Oesterreich-Ungarns. Bor einigen Tagen ist der Rechnungsabschluß der Oesterreichisch-ungarischen Bank für das abgelausene Jahr 1894 veröffentlicht worden und die in demselben enthaltenen Daten sind ganz außerordentlich geeignet, ein treues und authentisches Bild der wirthschaftlichen Verhältnisse Oesterreichs und Ungarns zu bieten. Hochinteressant ist dabei ein Vergleich einerseits der in diesem Rechnungsabschlüsse enthaltenen Ziffern, welche Oesterreich allein betreffen, mit den correspondirenden Ziffern, welche sür Ungarn gelten, andererseits wieder ein Vergleich der Oesterreich und Ungarn betreffenden Daten der letzten Zei t mit den entsprechenden Daten der früheren Jahre. Nach dem citirten Rechnungsabschlüsse betrug der Gesammtstand der durch die Oesterreichisch-ungarische Bank escomptirten Wechsel und Eff ec len: Oesterreich Ungarn im Jahre 1874: fl. 110,391.470 83 fl. 31,804.451 78 (d. i. 77 63°/,) (d. i. 22 37°/,) im Jahre 1894: fl. 102,029.763 88 fl. 78,223 917 42 (d. i. 56-6°/,) (d. i. 43-4°/.) An den Ausständen im Darlehensgeschäft gegen Handpfand nahmen nach dem obcitirten Rechnungsabschlüsse theil mit folgenden Beträgen: im Jahre 1874: im Jahre 1894: Was die im placirten Di Oesterreich fl. 25,931.900 (d. i. 73 09«/,) fl. 26,101.040 (d. i. 72-99°/,) Hypothekarr l e h e n betrifft, s Oesterreich Ungarn fl. 9,545.600 (d. i. 26-91°/,) fl. 10,400.870 (d. i. 27-01°/,) reditgeschafte entfallen dann auf: Ungarn ' im Jahre 1874: fl. 42,589.682 48 fl. 44,780.895 64 (d. i. 48'7°/,) (d. i. 51-3°/,) im Jahre 1694: fl. 23,125.507-28 fl. 108,379.104.63 (d. i. 17-58°/,) (d. i. 82-42°/,) Faßt man nun diese drei Hauptgeschäfts' zweige zusammen, so zeigt sich, daß daran participirte Oesterreich Ungarn i im Jahre 1874 mit fl. 178,913.053*31 fl. 86,130.947 42 (d. t. 67*5%) (d. i. 32-5°/,) im Jahre 1894 mit fl. 153,256.31116 fl. 197,003.892 85 (d. i. 43°/,) (d. i. 57°/,) Während der letzten zwei Decennien, also seit Bestand des gegenwärtigen Dualismus, ist somit der Verkehr der Oesterreichisch-ungarischen Bank in den drei Hauptgeschäftszweigen, soweit er Oesterreich betrifft, von 67*5 Percent auf 43 Percent gesunken und für Ungarn von 32 auf 57 Perent gestiegen. Vergleichen wir auch zum Ueberflufse noch die Geschäftstätigkeit der Hauptanstalt Wien mit jener der Hauptanstalt Budapest, so ergibt sich, aber wieder auf Grund der Daten des oben citirten Rechnungsabschlusses, Folgendes: Am Escomptegeschäft der Oesterreichisch-ungarischen Bank participirte die Hauptanstalt Wien Budapest im Jahre 1674: fl. 73,657.348 fl. 27.654.643 ,. „ 1894: „ 41,649.846 „ 43,410.815 Am Darlehensgeschäft der Oesterreichisch-ungarischen Bank (gegen Handpfand) participirte die Haupkanstalt Wien Budapest im Jahre 1874: fl. 13,735.900 fl. 6,802.900 „ „ 1894: „ 18,912.540 „ 5,739.090 Von diesen beiden Geschäftszweigen zusammengenommen, entfallen daher auf die Hauptanstalt Wien Budapest im Jahre 1874: fl. 87,393.247 77 fl. 34,457.74299 (d. i. 7172°/,) (d. i. 28'28°/,) „ „ 1894: fl. 60,562.386-10 fl. 49.149.904'96 (b. i. 55-3°/,) (d. i. 44-7°/,) Während also die Geschäftsthätigkeit der Oesterreichischungarischen Bank in ihren Hauptzweigen bei der Hauptanstalt Wien in den letzten zwei Decennien, also seit Bestand des Dualismus von 71*72 Percent auf 52 28 Percent herabgesunken, ist die Geschäftsthätigkeit derselben während derselben Zeit bei der Hauptanstalt in B u d a p e st von 28*28 Percent auf 47*72 Percent gestiegen. Aus diesen angeführten Ziffern ist also deutlich zu entnehmen, daß während der zwei letzten Decennien sowohl Oesterre ich gegen Ungarn, als auch Wien gegen Budap e st ganz bedeutend in der wirthschaftlichen Entwickelung zurückgeblieben ist. Die Ursache dieser sür esterreich so bedauerlichen Erscheinung liegt einzig und allein in den polit i sche n V erh ält ni ssen. Auch hier zeigt sich die verheerende Wirkung, welche die antisemitische Agitation auf den Volkswohlstand ausgeübt hat. Das kann uns nicht überraschen, wenn wir aus dem Jahrbuch der Stadt Wien entnehmen, daß die Zahl der Gewerbe-Anmeldungen beim handwerksmäßigen Gewerbe im Jahre 1891 unter Berücksichtigung der einbezogencn Vororte 3340 betrug und im Jahre 1892 aus die Ziffer von 2740 sank. Trotz der gewaltigen Zunahme der Bevölkerung von 64 Percent, durch die Schaffung von G r o ß - W i e n hat die Zahl der Gewerbe-Anmeldungen um 22 Percent abgenommeu, wie das „Deutsche Volksblatt" in der Nummer vom 26. Februar selbst constatirt. Die Ziffern des „Deutschen Volksblatt" bilden ein classischesZeugniß. Seit einem Decennium ist Wien der Mittelpunkt der antrsemitischen Hetze für ganz Oesterreich, ja fürganz Mitteleuropa geworden. Von hier aus strahlt die ganze Bewegung nach allen Richtungen aus. Mit der Jndenhetze verband sich die Fremdenhetze, die Hetze gegen deir Saatenmarkt, die einen Niedergang desselben herbeisührte. Wer nach Wien kam, um seine Geschäfte zu besorgen, wurde mit scheelen Augen angesehen, wurde als „Ausbeuter des christlichen Volkes" öffentlichen Insulten ausgesetzt. Die von Herrn Vergani veröffentlichte Statistik des Rückganges Wiens in den letzten zehn Jahren enthält eine furchtbare Anklage gegen den Antisemitismus, der Zuzug wohlhabender Juden aus der Provinz hat aufgehört, unsere hiesigen Glaubensgenossen aber ziehen sich von der Oeffentlichkeit so viel als möglich zurück. Der christliche Gewerbetreibende, der arische Kaufmann, der in die Hetze mit einstimmte, gewann zwar keine neuen christlichen Kunden, oberer verlor die jüdischen. So schritt die Verarmung des Mittelstandes immer weiter vor. Es wiederholt sich hier dasselbe Schauspiel, das wir seit Jahrhunderten in Spanien und in den letzten Jahren in Rußland beobachten konnten. Die Verfolgung der Juden hatte den Verfall von Handel, Industrie und Gewerbe zur Folge. In Rußland hat in weiten Gebieten die Handelsthätigkeit ganz aufgehört, in Spanien ist das Land verödet und Niemand zieht den furchenden Pflug durch die Scholle. Unsere Antisemiten müssen über die Ziffern des „Deutschen Volksblatt" jubeln, die Bevölkerung aber und jene Männer, deren Händen das Wohl der Stadt anvertraut ist, sollten doch ernste Betrachtungen an dieselben knüpfen und angesichts der bevorstehenden Wahlen die richtigen Schlüsse daraus ziehen.