Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 10 (8.3.1895)
- Date
- 1895-03-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 170 Vrstrrrrichtlchr Wochrnsttzrist Nr. 10 socialen Partei. Was die antisemitische Partei innerhalb des Zeitraumes von 1887 — 1892 geleistet hat, um den guten Namen Wiens zu schänden, braucht nicht des Ausführlichen Ln Erinnerung gerufen zu werden. Die Scandale im Gemeinderathe, die Balgereien an der Universität, die Verfolgung Les Saatenmarktes, die giftige Verleumdung und Verdächtigung jedes Bauunternehmens, jeder gewerblichen oder industriellen Gründung, die Entfesselung des wildesten Hasses gegen das productive Capital — das Alles ist systematisch betrieben worden! Und nun kommt Herr Ernst Vergani und beweist uns „in Ziffern", daß innerhalb dieser acht Jahre Wien zurückgegangen ist! Leider sind diese Ziffern sehrbegründet und führen eine beredte Sprache. Jede einzelne der Ziffern, welche Herr Vergani anführt, ist ein vernichtendes Urtheil für die verwüstende Wirksamkeit der antisemitischen Partei, und wir laffen diese Daten pur und nett so stehen, wie sie Herr Vergani hingestellt hat. Rückgang der Bauthätigkeit. Die Baubewegung eines großen Gemeinwesens ist ein Bild des Wachsthums, der Entwicklung desselben, wenn sie selbst im Wachsen und in gedeihlicher Entwicklung begriffen ist, sie ist aber auch ein Blld des Rück- und Niederganges, wenn sie abzunehmen, zu stagniren beginnt. Wenn nun die Baubewegung der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien in den letzten fünf Jahren von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet wird, so erhält man ein Bild, welches jeden Freund der schönen Kaiserstadt tief betrüben muß. Wien ist darnach in einem entschiedenen, schnellen Rückgang begriffen! Die Zahl der Neubauten betrug nach dem „Statistischen Jahrbuch der Stadt Wien": im Jahre 1867 . 303 „ „ 1888 300 „ „ 1889 289 „ „ 1890 316 „ „ 1891 (nach Einverleibung der Vororte) 437 „ 1892 . 364 Die oberflächliche Betrachtung dieser Zahlen gibt allerdings nicht das trübe Bild, von dem früher gesprochen wurde, allein anders gestalten sich die Sachen, wenn sie in Beziehung zu der Zahl der bestehenden Gebäude (Häuser) gebracht werden, mit der sie ja in organischer Verbindung stehen, wenn man sie, kurz gesagt, „zum Sprechen" bringt. Die Gesammtzahl der Häuser betrug: im Jahre 1887 v n n n »' ii 1888 . 1889 . 1890 . 12.883 13.091 13.321 13.531 1891 (nach Einverleibung d. Vororte) 29.322 n 1892 29.675 es beträgt somit das Verhältniß der Zahl der Neubauten zur Zahl der bestehenden Häuser in Percenten der letzteren: im Jahre 1887 . 2 35 Percent n tr n v n n tr // « n 1888 1889 1890 1891 1892 2'29 217 2 34 149 123 n n // // n Während also im Jahre 1887 die Zahl der Neubauten noch 2'35 Per«nt der bestehenden Häuser betrug, sank dieselbe suecessive bis auf 123 Percent im Jahre 1892, das heißt in Wien wurde im Jahre 1892 verhältnismäßig nahezu um die Hälfte weniger neu gebaut, als im Jahre 1887. Vielleicht wird man an diesen Daten bemängeln, daß die Zu- und Umbaue, sowie Adaptirungen fehlen und die Resultate der Baubewegung dadurch beeinflußt werden. Abgesehen nun davon, daß die Neubauten für die letztere entscheidend sind, führen wir als claffische Zeugen für die vorstehend dargelegte Abnahme der Bauthätigkeit die Steuerbehörden Wiens an. Diese haben im Jahre 1887 die 1391 Gewerbetreibenden der Baugewerbegruppe mit einer Erwerbsteuer von zusammen 31.950 fl. bttegt, wonach auf jeden 23 fl. entfiel. Im Jahre 1892 hatten die 2416 Gewerbetreibenden dieser Gruppe eine Erwetbstcuer von 38.795 fl. zu zahlen, es entfiel daher auf jeden Einzelnen 16 fl. Die Besteuerung der Baugewerbetreibenden fiel sonach in gleicher Zeit um nahezu 30 Percent. Nachdem cs mir zu bekannt ist, daß die Steuerbehörde der Abnahme der Steuer-- kraft nur in sehr langsamen Tempo mit der Herabsetzung der Steuer zu folgen pflegt, so ist anzunehmen, daß die Abnahme der Bauthätigkeit die Steuerkraft der Baugewerbe noch in stärkerem Maße gedrückt hat und somit wirklich den Grad erreicht, der in der relativen Abnahme der Zahl der Neubauten ausgedrückt erscheint. Ist nun nach dem eingangs Gesagten die Baubewegung ein Bild des Gesammtgebietes der Prodrctionsihä' tigkeit unseres Wien, so haben wir wahrlich Grund genüge sorgenvoll in die Zukunft zu blicken. Die antisemitische Volksbeglückung feiert einen Triumph, der den Ruin des bürgerlichen Wohlstandes herbeisührt. Der Hypothekenstand. Während die antisemitische Bewegung die Bauthätigkeit lahmgelegt, hat sie gleichzeitig die Hausbesitzer in Cola» mitäten gebracht, so daß die Hausbesitzer weit öfter und ausgiebiger den Credit in Anspruch nehmen müssen, als es hierorts je der Fall gewesen. Der Beweis dafür liegt in den nachfolgenden Zahlen über den Lastenstand auf den Wiener Realitäten. Die Höhe dieser Lasten war im Jahre 1887 . . 267,847.323 fl. „ „ 1888 . . 280,306.918 „ „ „ 1689 . . 291.251.620 „ „ „ 1890 . . 299,141.228 „ „ „ 1891 . . 335,340.762 „ „ „ 1892 . . 353,362.398 „ Das involvirt für die Jahre 1887 bis 1890 eine durchschnittliche Zunahme der Reallasten von 3-9 Percent pro Jahr, in der Zeit von 1891 bis 1892 dagegen eine solche von 5'4 Percent. Mit anderen Worten, seit 1891 ist die jährliche Verschuldung der Wiener Realitäten um 30 Percent größer, als in den Jahren 1887 bis 1890. Der Schlußeffect der raschen Verschuldung wird endlich durch das nachstehende Ziffernbildchen, betreffend die executiven Verkäufe von Realitäten dargestellt. Die Zahl derselben betrug im Jahre 1687 . . 33 „ „ 1883 . . 46 „ „ 1889 . . 73. Nach Einverleibung der Vororte im Jahre 1890 . . 166 „ „ 1891 . . 222 „ 1892 . . 236 Hat man da nicht bereits einen einleuchtenden Grund zur Erklärung des Rückganges der Baubewegung in Wien? Die Wiener Hausherren-Vereine, welche eine Pflegestätle der antisemitischen Agitation waren, haben ihr Unglück selber herbeigeführt und Herr Vergani rst so freundlich, es ihnen auf Heller und Kreuzer vorrechnen zu lassen. Wie man in Wien spart. Die beiden vornehmsten Sparinstitute Wiens, die Erste österreichische Sparcaffe und die Neue Wiener Sparcasse, bilden sowohl der Zahl der Einleger, wie auch der Höhe des eingelegten Capitals nach die Centren für den Sparsinn der Wiener Bevölkerung, an welche die anderen zusammen auch entfernt nicht hinanreichen. Wie steht es nun mit der „Sparbewegung" in diesen Instituten, seit dem Aufschwung der antisemitischen Bewegung?