Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 7 (15.2.1895)
- Date
- 1895-02-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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NE Wien. 13. Februar 1895. Jahrgang XII Cenkrslorgan für die gesammten Interessen des Iudenthum )£- K. ft. Postsparftssten-Rmt Clearing Verkehr Nr. 810.976. LrLartton und Administration: Wien Lr«nx Jofrss-Nuai Nr. 6. Telaphon*Nr. 6535. HerausgrLrr: Keichsraths-Adgrordneter Dr. Hloch. -,**^M~~*- Erscheint jeden Freitag. -M—- Ban abonnirt bri allen Postanstalten des In- und Ruslandrs. U Bezugspreis für Srstrrrrich: Halbjährig 4 fl. 8 Jtr. Einzelexemplare 25 fr. Für's Ausland: halbjährig 5 fl. — ID Ar. ganzjährig 10 „ 20 Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 12 kr. Inhalt: Leitartikel: Die politische Situation in Oesterreich Hund die Stellung der Inden. — Zu den jüngst.n aimsenütischeu Excejsen. — Die Vertrelung der jüdlschen Wissenschaft an.jden Universitäten. — Eine Anregung zur Abhalrung jüdischer Genieindetage. — ZurtzGeschichte der russischen Juden. — Unsere „Gerngroße". —V o m Jjsahrmart't des Lebens: „Her mit dem Judengeld". Ahlwardt's Ausschluß. Nochmals die jüdischen Antiquitätenhändler der „Reichspost". Kauft nur bei Christen. Antisemitische Ehrenmänner. Dresden. Antisemitische Dynamitards. Wieder Einer. Späte Einsicht. Klösterlicher Reichlhum in Oesterreich. Das zweite Freiwilligen-Jahr. Ein Jlrthum. Zum 7. Adar. — Corr espondenzen: Wien, Floridsdorf, Prag, Berlin, Breslau, St. Louis. — Vermischtes: Wien, Senftenberg, Raab, Sambor, Krakau, Wagftadt, Budapest, Prag, Kolin, Karlsruhe, Frankfurt a. M. — Feuilleton: Der kleine Geiger. — Der Vorbeter von Cham. — Literatur. — Bieskasten. — Inserate. Die politische Situation in Oesterreich und die Stellung der Juden. Rede des Hos- und Gerichts-Adoocaten Dr- Heinrich Sieger, gehalten am 9. Februar in der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union". Meine Herren! Es gereicht mir zu lebhafter Freude, daß es mir heute gestattet ist, in diesem Vereine zu Ihnen zu sprechen, und ich freue mich insbesondere über die herzliche Aufnahme, die Sie mir bereitet haben. Ich verfüge eigentlich über keinen politischen Befähigungsnachweis; ich habe nämlich noch in keinem Verein treu, ehrlich und fleißig gedient, ich wurde noch niemals mit irgend einem Mandate gesund entlassen, sondern ich will nur dasjenige, was ich rücksichtlich des politischen Lebens der Gegenwart und der Interessen des Judenthums zu meiner Ueberzeugung erhoben, schlicht zum Ausdrucke bringen. Erwarten Sie daher von mir nicht einen streng gemessenen Vortrag, sondern lediglich einfache Betrachtungen, wie sie sich aus der Natur der Sache selbst ergeben. — Und damit sofort zum Gegenstände. Wir leben gegenwärtig in der sogenannten Aera der Coalition, d. i. die Verbindung der drei staats erhaltenden Parteien zu gemeinsamer, fruchtbringender, politischer Thätigkeit, zu gemeinsamer Abwehr gegen die staatszerstörenden Elemente. Die Ereignisse, welche der Gründung der Coalitionsära vorangegangen, sind Ihnen Allen bekannt. Das Regime Ta affe hatte sich zu Tode gelebt. Das ursprünglich aufgestellte Programm der Völkerversöhnung war zur Völkerverhetzung gediehen; und im letzten Augenblicke der Existenz dieses Regimes geschah etwas Unerhörtes: Wie aus der Pistole herausgeschossen — kam plötzlich der Entwurf einer Wahlreform, dessen Bedeutung nur darin gipfeln konnte, den Grundpfeiler des Staatsganzen, den erwerbenden Mittelstand, den Bürgerstand, zu zertrümmern. Während in allen freiheitlich organisirten Staaten eine Frage von der außerordentlichen Wichtigkeit der W a h l r e f o r m nur nach jahrelangem Studium, nach jahrelangem Einvernehmen der Parteien gelöst wird, sollte bei uns gewissermaßen über Nacht die Wahlresorm durchgeführt werden! Sie wissen ja, was darauf folgte: das Regime Taaffe siel, und wir gelangten zur Coalition, dank einem Staatsmanne, dem es am Abend seines Lebens — ich meine den Grafen Hohenwart — beschieden war, dieses Verdienst sich zu erwerben. Denn ich erblicke allerdings in der Coalition unter den gegebenen Verhältnissen die einzige Möglichkeit, daß eine fruchtbringende, gesetzgeberische: Thäligtert zu Stande kommen könne. Die beiden Hauptmomente für die Berechtigung dieser Coalitionsära sind: 1. die Erhaltung des politischen und nationalen Besitzstandes und 2. die Wahlreso rm. Was den ersten Punkt anbelangt, so ist es nur erfreulich zu nennen, daß nach jahrelangen, nutzlosen und wohl auch herzlich langweiligen Debatten über Natwnalitäten-Streitigkeiten, über Gegenstände von der Wichtigkeit der Besetzung des Nachtwächterpostens in Leitomischl endlich eine Zeit der wirklich gesetzgeberischen Arbeit anbrach, eine Zeit, wo insbesondere die großen wirthschaftlichen Aufgaben, welche der anzustrebende stetige Fortschritt im Staate bedingt, gelöst werden. — Was die Wahlreform anbetrifft, so werde ich später darauf zu sprechen kommen. Zu den Aufgaben nun, meine Herren, welche der Coalitionsregierung mit Recht rücksichtlich ihrer gesetzgeberischen Thätigkeit gestellt werden dürfen, zählt in erster Reihe die Steuerreform. Diese Steuerreform soll sich in der Weise vollziehen, daß nicht nur der wirthschaftlich Schwache, sondern auch — und das ist überaus wichtig und kann nicht genug betont werden — der erwerbende Mittelstand geschützt werde. Es ist insbesondere das System des Arbeiterschutzes gesetzgeberisch auszugestalten und die Unfall-und Krankenversicherung nicht nur dem Fabriksarbeiter, sondern auch der landwirthschaftlichen Arbeiterschaft zu gönnen. Es ist die Alte r s v ersorg ung sowohl für die Ar b e i ter anzustreben, als auch für weitere Kreise der Bevölkerung, die ihrer würdig erscheinen. Endlich wäre auch ein Gesetz zu fordern zum Schutze des Kaufmanns gegen die sogenannte Schmutzconcurrenz. Der Kaufmann, der sein Fabriks- und Geschäftsgeheimniß durch jahrelanges Streben sorgfältig bewahrt und gehütet hat, er ist heute der Treulosigkeit eines Bediensteten preisgegeben. Dagegen muß gesetzgeberisch Abhilfe geschaffen werden. Endlich sind Reformen auf dem Gebiete der Rechtspflege von der Coalitionsregierung zu begehren.