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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-01-25 · 4 (25.1.1895) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
4 (25.1.1895)
Date
1895-01-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 68 WrflerreutzlpHr Mmtzenptzrtfl Nr. 4 loyal zu sein und in' den Wählerschaften die Erklärung zu verbreiten, daß die Regierung nicht Protection austheile" — warum sollten dann die Herren Chamrath und L u z z a t t o micht demüthig um die Gnade eines Gregorig betteln? Man weiß, um was es sich handelt. Einer der Chefs dieser Firma ist bei Herrn Gregorig erschienen und hat demselben versichert, daß er bis ins dritte Glied Arier sei. Herr Gregorig hat hieran im Landtage natürlich sofort die Bemerkung geknüpft, er freue sich immer, wenn Jemand fühle, es sei eine Schande, Jude zu sein. — Es bleibt Jedermann überlassen, sich seine Meinung über den ehrenwerthen Chef der Firma Chamrath und Luzzatto selbst zu bilden. Wir gehen darüber mit jenem Stillschweigen hinweg, welches besser als Worte unser Gefühl bezeichnet. Aber dem Chef der Firma Chamrath und Luzzatto stellten sich jene würdig an die Seite, die es im. Landtage ruhigaus sprechen ließen, daß es eine Schande sei, Jude zu sein, und daß die liberale Partei das erbärmlichste Gesindel auf. Gottes Erdboden sei, ohne Herrn Gregorig auf der Stelle eine schlagfertige Antwort zu ertheilen. * * ■# Flugfeuer! Warum war die Firma Schmeichler in Lang-Enzersdorf nicht so vorsichtig, wie die Firma Chamrath und Luzzatto, sich rechtzeitig mit einem Taufscheine zu versehen uno so die züngelnden Flammen der Verleumdung von sich abzuwenden? Der Firma Schmeichler hat Herr Gregorig unter dem Schutze der Immunität nachgesagt, daß sie ihr Roggenmehl mit Mutterkorn versetze und so ihre Kunden betrüge. Im Landtage sitzen mindestens drei Dutzend praktische Landwirthe, aber keiner ist aufgestanden, um Herrn Gregorig darüber zu belehren, daß der Metercentner Mutterkorn fl. 80. kostet, während der Preis eines Metercentners Roggen höchstens fl. 6. beträgt, daß es also geradezu Wahnsinn wäre, den Roggen mit Mutterkorn zu versetzen. Auch die Feuerwehr ist eben von der allgemeinen Panik ergriffen und hat den Kopf ganz und gar verloren. * * «Flugfeuer"! In der Sitzung des Niederösterreichischen Landtages vom 22. Jänner erzählte der Statthalter von der antisemitischen Agitation in Spitz a. Donau: „Es habe sich dort unter Führung des Pfarrers und des ersten Gemeinderathes eine Vereinigung gebildet, welche gegen d ie Js ra eilten in der Weiseauft ritt daß der Bezirkshauptmann schüft im Frühjahre die Anzeige gemacht worden ist, diese Agitation könnte möglicherweise die Sicherheit und das Eigenthum der Person gefährden. Die Bezirkshauptmannschaft habe sich daher veranlaßt gesehen, diesbezüglich Erhebungen zu Pflegen und der Gemeindevorstehung zu bedeuten, daß sie gewärtige, daß Angriffe gegen die Betreffenden nicht Vorkommen werde». Solche Angriffe seien auch thatsächlich nicht vorgekommen. Es habe sich eine ganze Reihe von Bürgern von Spitz durch Unterschrift und Ehrenwort verpflichtet, bei den jüdischen Geschäftsleuten im Orte keinerlei Einkäufe zu besorgen und es heiße auch in dem Uebereinkommen, daß sie sich im Uebrigen Anfeindungen der Israeliten enthalten wollen." Am 6. December 1892 hat der Abgeordnete Baron Sommaruga den damaligen Ministerpräsidenten und Minister des Innern Grafen T a a f f e wegen der antisemitischerseits betriebenen Agitation zur Boycottirung der Juden interpellirt und seine scharfe Interpellation zählte, unter den Unterschriften auch jene des Abg. Ernst v. Plen er. Dr. Ernst v. Plener ist heute Mitglied des Ministeriums und die Juden werden nicht blos nach wie vor boycottirt, sondern der gesammte Beamtenstand wird in der gemeinsten Weise beschimpft, als corrupt und bestechlich vor der Oeffentlichkeit geschmäht, und der Statthalter, welcher seine Beamte» in Schutz zu nehmen wagt, wird von den Abgeordneten und den Galerien pöbelhaft niedergeschrieen. Die Rohheit und Brutalität kehrt sich gegen den Statthalter des Kaisers, welcher gegen derlei Kampfmittel waffenlos dasteht. * * Flugfeuer! Wir sagten oben, daß es auch die Thürme der kirchlichen Autorität erfaßt. Der Anttsemitismus schlug erst die „Juden", aber er meinte den Liberalismus, jetzt schlägt er den „Liberalismus", aber er meint die Conservativen, die Alt- Clericalen, die Hierarchie. Als der Rector Dr. Mül ln er im Landtage auftrat, rief ihm Herr Gregorig verächtlich zu: „Hierarch!" Und vor wenigen Tagen erklärte ein christlichsocialer Cooperator in der Leopoldstadt, er anerkenne keine clericale Partei. Wie der Antisemitismus die thatsächliche Erschütterung derGrundlagen des Christenthums ist, so richtet die christlich-sociale Partei ihre Agitation direct gegen die Organisation der katholischen Kirche und gegen die clericale Partei. Am vorigen Sonntag sind die Wiener Antisemiten in eine Hochburg dieser Partei eingebrochen, sie haben eine Versammlung in Linz abgehalten, und die Li e ch t en st ei n, Pattai, Geßmann und Axmann haben damit den ersten Versuch unternommen, die altclericale Partei in Oberösterreich zu sprengen und die bischöfliche Gewalt zu erschüttern. Sie thaten dies, obwohl sich der katholische Volksverein von Oberösterreich und das clericale „Linzer Volksblatt" wiederholt energisch gegen die christlich-sociale Bewegung ausgesprochen hatten, von welcher sie eine Schwächung der conservativen Partei in Oberösterreich befürchteten; sie thaten es, obwohl sie wußten, daß der Bischof von Linz und der gesammte Clerus ihnen den entschiedensten Widerstand entgegensetzten. Das „Vaterland" sieht sich nun heute gezwungen, zu erklären, „es sei leider wahr, daß durch diesen antisemitischen Einbruch die bischöfliche Autorität dem äußerenAnscheine nach einigermaßen gelitten hat." Die Versammlung war, wenn auch nicht eine formelle, so doch eine thatsächliche Kriegserklärung an die clerical-conservative Partei, die Aussage des Gehorsams an die kirchlichen Oberen, wenn auch Prinz L i e ch t e n st e i n in seiner Rede heuchlerisch ausrief: „Friede und gute Nachbarschaft zwischen den christlichen Parteien ist unsere Devise, unsere Parole sei: neben einander und mit einander, niemals gegen oder durch einander!" Das ist die Einladung des Wolfes an das Schaf, nur ruhig neben ihm Platz zu nehmen! Aber freilich, die conservative Partei ist scharfblickender als unsere Liberalen. Sie hat die Wolfsnatur der Antisemiten erkannt und sie wehrt sich gegen dieselben mit dem Aufgebote ihrer ganzen Kraft, während die Liberalen ihr Stück um Stück ihres eigenen Terrains preisgeben. Ob die berufenen Wächter sich nunmehr endlich zur ernsten Löscharbeit aufraffen werden? Wir wagen es kaum zu hoffen! - Reichsraths- und Landtags-Abgeordneter Baron Guido Sommaruga. Ein Nachruf. Motto: Je hais . . . les uns parce gn' ils sont mächants et malfaisants, Et les autres, pour etre aux mdchants complaisants, Et n’avoir pas pour eux ces haines vigoureuses, Que doit donner le vice aux ämes vertueuses. Molifcre, „Le Misanthrope“. Acte 1, Sedne 1. Ich fühle mich verpflichtet, dem jüngst verstorbenen Abgeordneten Guido Freiherrn von Sommaruga aus vollem Herzen öffentlich vor meinen Glaubensgenossen ein Wort des Dankes nachzurufen. Er gehörte nicht zu jener Gattung von Opportunitäts-Liberalen, welche, zeitweilig die Fahne des Fortschrittes zusammengerollt in der Tasche tragend, aus Fmcht vor antiliberalen Anfeindungen und Scandalen zu allerlei mehr oder minder bedenklichen Compromissen die Hand bieten. Ein integrer, braver, tüchtiger Mann, ein offener Charakter.; durchglüht von der Liebe zu Recht und Freiheit, von dem Hasse gegen Unrecht und Bedrückung, erfüllte es ihn mit tiefem Widerwillen, wenn er unter seinen eigenen Parteigenossen dem Mangel an moralischem Muth, um wider das von ihnen selbst erkannte Unrecht mannhaft aufzutreten, begegnete. Eine Episode, mir unvergeßlich, möchte ich zu dauerndem Gedächtnisse meinen Glaubensgenossen vorführen. Es war in der Sitzung des niederösterreichischen Landtages vom 6. April 1892. In Berathung stand das Landes-

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