Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 50 (14.12.1894)
- Date
- 1894-12-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 50. Wien, 14. Drcemlrer 1894. Ishrgang Xl Central organ für die gesammten Interessen des Iudrnthums. L. ft. Poysparkasirn-Amt j| Clearingverkehr! Nr. 810.976. Nrdsrtion und ALministrsckion:! Wien Fran; Joftfs-Nuai Nr. 3. | Telephon - Nr. 6535. j *=■ --- ----G-,-— Herausgeber: Ueichsraths-Abgeordnetor Dr. HLoch Erscheint jeden Freitag. Wan abonnirt bei allen Postanssallen des In- und Auslandes. K- - -U : Srzugsnrris für SrÜsrrrich: Halbjährig 4 fl. — s Ar. H Einn'ieremvlare 25 kr. Tür's Ausland: jj! halbjährig 5 fl. — 10 Ar. jj ganzjälirig 10 „ — 20 „ jj An ie i 3 e n: Die 4mol gespaltene U>etit^eiie 12 kr. Inhalt: L e i t a r t i k e l : Die alljährliche Decemberhetze. — Alijüoischcs und arüebes Strafacskj?. — Gegen unlautere (ivucurreuz - Eine Singer--Affaire in Währing. — Pflege des Wotau-Cultus. — Pom Jahiinnrü des Lebens. — Temobvld über Nofl'schädel. — Noch ein Wort zum Gesetze über die Sonniagörude. — Briese aus Rußland. — New-Bei rer Briese. — Ein Drama über Judenverfolgung. — Correspondenzen: Wien. Lemberg. Triest. Kolonie«, Trobrau. Teplid. Jassv, Warschau. — Vermischtes: Wien, Snygtiu, Podwololzyska, Sambor, Buczacz, Amsterdam, Paris. — Heuilleron: Der Vorbeter von Cham. — Briefkasten. — Inserate. Die alljährliche Deremberhetze. Die alljährliche Decemberhetze gegen die jüdischen Kaufleute hat wieder begonnen. Am 10. d. M. hat im großen Musikvereinssaale eine Frauen-Vcrsammlung des Vereines „Christliche Familie" stattgefunden, in welcher Prinz Liechtenstein mit seinen Genossen Zu leg er, Dr. Psenner und Dr. Deckert den bekannten Hetzruf: „Christen, kauft nur bei C h r i st e n" erneuerte. Die jüdischen Kaufleute wären Schwindler, Gauner und Betrüger, welche ihre christliche Kundschaft, speciell die christlichen Frauen, ausrauben. Herr Pfarrer Deckert pries die christliche Ehrlichkeit und auch er wußte von dem jüdischen Betrug ein Capitel zu erzählen. Er war aber auch der richtige Mann für eine derartige Predigt, denn seine geschäftlich«: Ehrlichkeit gegen Katholiken. — Protestanten und Juden hat durch mancherlei öffentliche Affairen auf gerichtlichem Wege eine elektrische Beleuchtung erfahren — zum großen Schaden derer, welche hinter dem Priesterrock nicht den geriebenen „Geschäftsmann" vermutheten. Herr Zu leg er, welcher im Sommer bei jüdischen Kaufleuten mit feinem Töchterchen Besuche abstattet, um der Frau Chefin, e«ner polnischen Jüdin, die Hand küssen zu lassen, damit ihm nur ja etwas von seiner Waare abgekauft werde, schrie mit lauter Stimme im Brustton einer christlichen Ueberzeugung: „Kauft nicht bei Juden." Darüber, so erklärte der edle Prinz Liechtenstein, dürfen die Juden sich nicht beschweren; es sei ein natürliches, unverlierbares Recht jedes Volkes, sich seinen Umgang, seine Gesellschaft, seinen Geschäftsverkehr auszuwählen, wie ihm beliebt. Ganz recht! Wenn eine Anzahl von Christen, seien es Hunderte oder Tausende, sich zusammenthut, um ihre Einkäufe lediglich bei christlichen Geschäftsleuten zu besorgen, so läßt sich gegen eine solche Organisation an und für sich nichts einwendcn. Es muß Jedermann unbenommen bleiben, sich seine Einkaufsquellen nach seinem persönlichen Geschmacke undBelieben zu suchen. Aber anders gestaltet sich die Sache, wenn zum Zwecke einer solchen Organisation Jahr für Jahr öffentlich die nichtswürdigsten Verleumdungen gegen die Juden im Allgemeinen, und gegen die jüdischen Geschäftsleute im Besonderen geschleudert werden, wenn der Ruf: „Christen, kauft nur bei Christen" verstärkt wird durch die gehässige und aufreizende Lüge, daß alle jüdischen Kaufleute Schwindler, daß alle von ihnen geführte Waare Pofelwaare sei und daß jede christliche Kunde, die bei einem Juden einkaufe, von vornherein betrogen sei. Das sind Beschuldigungen, die, wir wiederholen es immer wieder, unter den '§ 302 des Strafgesetzes fallen und welche sofort mit der größten Strenge geahndet würden, wenn sie von Juden gegen Christen erhoben würden. Die christlichsociale Hetze gegen die Juden steht jedoch offenbar außerhalb des Strafgesetzes und Prinz Liechtenstein weiß dies ganz genau, denn er sagte in seiner Rede wörtlich : „M ö g e n immerhin j ü d i s ch e Z e i t u n g e n und D e p u t i r t e, die i h n e n g e h o r ch e it, u n s als unduldsam denn n c i r e n, mögen sie Gesetze und Behörden w i d e r u n s a n r n f e n, es w i r b vergeblich und wirkungslos bleibe n." Zu jenen Deputirten nun, welche seinerzeit Gesetze und Behörden gegen die Boycottirung und Verunglimpfung der jüdischen Kaufleute angeinsen haben, gehört auch der heutige Finanzminister Dr. v. P l e u e r. Im Tecember 1892, noch unter dem Regime T a a f s e, brachte der liberale Abgeordnete Dr. Freiherr v. S o m m a r u g a eine Interpellation an den damaligen Ministerpräsidenten ein, in welcher der Letztere gefragt wurde, wie er es zu rechtfertigen vermöge, daß die Vertreter der Regierung die in der Versammlung des Vereines „Christliche Familie" vorgekommenen antisemitischen Ausreizungen unbeanstandet hingehen ließen und was die Regierung vorzukehren gedenke, um den immer heftiger auftretenden antisemitischen Aufhetzungen wirksam zu begegnen. D i e s e Inte r p e l l a t i o n trug auch die Unterschrift des d a m a l i g e n Parteiführers und derzeitigen F i n a n z m i n i st e r s D r. v. P l e n e r. Als sich daun im Vorjahre, schon unter dem Ministerium Windischgrätz-Pleuer.jene Aufreizungen trotz derfeierlichenVersicherung der Regierung, daß sie allen sriedensstörenden Elementen mit Energie entgegentreten werde, wiederholten, da war man geneigt, anzunebnien, daß Herr v. P len er noch zu neu im Amte sei, um die durch seine Unterschrift unter die Interpellation S o m m a r u g a bekundeten Anschauungen im Schoße des Cabinets zur Geltung bringen zu können. Seither ist jedoch mehr als ein Jahr verstrichen, Herr v. P l e n e r sitzt fest im Sattel und trotzdem nimmt die Decemberhetze gegen die jüdischen Kaufleute ihren nngestönen Fongang. Ja noch mehr! Die antisemitischen Hetzer dürfen sich zur Bekräftigung ilnir Verleumdungen anf die gesetzgeberischenThaten des angeblich liberalen Handelsministe'.s, des Parteigenossen P len er's im Cabinet, berufen, denn Dr. P s e n n e r rief in der Versammlung vom 10. d. M. den christlichen Frauen zu: „Und heute schon erfaßt die Angst die Blutsauger am Volkskörper. Unsere Regierung selbst sieht sich zur ernstlichen Abwehr geuölhigt und bring: Gesetze ein gegen den Ratenschwindel, gegen den Ausverkaufsschwindel." Was die liberale Partei unter dem Ministerium Taaffe für ungesetzlich und strafwürdig erllärte, wird demnach heute straflos unter der Patronanz der liberalen Minister geübt. Prinz Liechtenstein kann ruhig sagen: „Christen allein sind es, die arbeiten, die Güter erzeugen" und damit die Juden als Parasiten, als Ausbeuter des christlichen Volkes hinstellen; er darf ruhig sagen: „Unsere Vaterstadt gehört